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Vereinigte Staaten Die schlauen Frauen von der Ostküste

30.08.2004 ·  Gut ein Drittel der weiblichen Führungselite der Vereinigten Staaten besucht Colleges für Frauen. Die Eliteuniversitäten fordern eine hohe Einsatzbereitschaft und bieten ein ideales Umfeld für das Lernen.

Von Margarete Hucht
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Dieser Campus grünt und blüht. Man könnte an Urlaub denken, wenn nicht alle so unglaublich umtriebig wären. Das Frauen-College Wellesley, nur 13 Meilen entfernt von Boston, ist alles andere als verschlafen. An diesem Umschlagplatz für Wissen arbeiten 2300 Studentinnen auf Hochtouren.

Hier beginnen Spitzenkarrieren in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Die frühere Präsidentengattin und Senatorin Hillary Clinton gehört zu den Absolventinnen von Wellesley, genauso wie die ehemalige Außenministerin Madeleine Albright oder Amerikas erste Astronautin Pamela Melroy. Wie damals leben auf dem Campus Frauen aus der ganzen Welt in einer Art riesigen Lern- und Wohngemeinschaft. Die Studentinnen kommen aus den Vereinigten Staaten und aus 68 Ländern, darunter auch einige aus Deutschland.

„Ein akademischer Wendepunkt“

"Für mich war es wie eine Atempause vom richtigen Leben", sagt Michaela Fay über ihr Studienerlebnis an der Ostküste. Ihre Zeit dort verdankt sie einem Austauschprogramm der Universität Konstanz. Jetzt schreibt die 31 Jahre alte Soziologin ihre Doktorarbeit in Großbritannien. Sie wollte danach nicht mehr nach Deutschland zurück. "Es hatte sich nach dieser Zeit so viel verschoben", sagt sie.

"Es war ein akademischer Wendepunkt im besten Sinne." Was ist anders an einem solchen Frauen-College? "Es ist, als ob sich in Wellesley die ganze Welt um dich dreht", erklärt die Austauschstudentin. Man bekomme jegliche Unterstützung für alles, was man machen wolle. Immer heiße es: "Gut, mach das!" Erst im zweiten Satz folgten Vorschläge, wie man es noch besser machen könne.

Man muß mehr bieten als gute Noten

Insgesamt gibt es rund 80 Frauen-Colleges in den Vereinigten Staaten, darunter die berühmten "Seven Sisters" (sieben Schwestern) an der nördlichen Ostküste. Neben Wellesley gehören Barnard, Bryn Mawr, Mount Holyoke, Radcliffe, Smith und Vassar dazu. Sie haben eine mehr als 100 Jahre lange Geschichte. Nur Vassar nimmt seit den siebziger Jahren auch männliche Studenten auf. Das Rezept ist immer das gleiche: allerbeste Lernbedingungen. Alle Alltagslasten wie Kochen, Putzen oder Bügeln werden den Studentinnen abgenommen, damit sie rund um die Uhr den Kopf für das Lernen frei haben. Das Betreuungsverhältnis zwischen Lehrenden und Studierenden liegt in Wellesley bei eins zu neun.

Viele Frauen-Colleges sind Eliteuniversitäten. Angenommen wird nur, wer mehr bieten kann als gute Noten. Als Vorteile gälten internationale Erfahrungen und Engagement neben der Schule, erzählt Tina Whiteus, die in Wellesley schwerpunktmäßig Naturwissenschaften belegt. Die 20 Jahre alte Deutschamerikanerin etwa machte ihren Schulabschluß an einer internationalen High School in Wien, hat Fußball gespielt und in Musicals gesungen.

Breites Fächerangebot

Da Wellesley wie die meisten anderen Frauen-Universitäten ein sogenanntes "Liberal Arts College" ist, absolvieren die Studentinnen ein breitgefächertes, vier Jahre dauerndes Studienprogramm. Zu den Kursen in Natur-, Sozial- und Literaturwissenschaften kommen noch Aktivitäten wie Sport oder Theater hinzu. Mindestens eine Fremdsprache ist Pflicht. "Die Philosophie ist, daß man im Alter von 16 oder 17 Jahren noch nicht wissen kann, was man im Leben machen will", erklärt Jane Helmchen. Sie lebt in Berlin und ist eine der "Wellesley Alumnae"-Vertreterinnen im Ausland. Regelmäßig führt sie in Deutschland Auswahlgespräche, so daß die Interessentinnen nicht für das Interview in die Vereinigten Staaten fliegen müssen.

Etwa zehn bis 20 deutsche Abiturientinnen bewerben sich im Jahr. Die Unterlagen müssen im Herbst des Vorjahres abgegeben werden. Empfehlungsschreiben von Lehrern oder Mentoren und ein persönlicher Essay gehören dazu. Jane Helmchen leitet ihre persönliche Einschätzung über die Eignung der Bewerberinnen an das "Board of Admission" des College weiter. Diese Kommission entscheidet nach eigenem Ermessen über Zulassung oder Ablehnung der Kandidatin. Wer genügend Kleingeld hat, kann sein Auswahlinterview natürlich auch auf dem Campus führen. Vorteile erwirbt sich eine ausländische Bewerberin dadurch jedoch keine.

Amerikanische und deutsche Systeme nicht synchron

Das College-Studium ist ein Studium generale. Die meisten Studentinnen nutzen das umfassende Angebot mit Hunderten von Kursen, so gut es geht. Erst nach dem zweiten Jahr legen sie ihre beiden Hauptfächer fest. "Manche fangen mit Spanisch an und enden bei Astronomie", erzählt Tina Whiteus. Das "Undergraduate"-Studium dauert vier Jahre und schließt - je nach Ausrichtung - mit dem "Bachelor of Arts" oder dem "Bachelor of Science" ab.

Für den Bachelor können Leistungen des deutschen Abiturs angerechnet werden. Danach kann man das "Graduate"-Studium aufnehmen und einen Mastergrad erlangen, im Anschluß ist eine Promotion möglich. Wer sich für Medizin oder Jura entscheidet, besucht die "Schools". Eine vollständige Anerkennung in Amerika erbrachter Leistungen in Deutschland ist allerdings nicht sicher, denn trotz Bachelor- und Mastereinführung hierzulande sind die Systeme nicht synchron.

Großes Arbeitsvolumen

Eingebettet in die Landschaft, 40 Busminuten von der nächsten Stadt entfernt, liegt das Smith College. "Ein Bubble", sagt Anna-Jelka Hertel, die soeben von dort nach Hamburg zurückgekehrt ist. Die 23 Jahre alte Lehramtsstudentin wurde vom DAAD für ein internationales Programm mit einer Dauer von einem Jahr ausgewählt. In dieser Zeit hat sie ein "Diploma in American Studies" absolviert.

"Ich war vom Arbeitsprogramm überwältigt", erzählt die Studentin. "Es war nicht nur selbstverständlich, wöchentlich je Seminar einen Roman zu lesen, zusätzlich haben wir noch zwei Essays geschrieben. Du arbeitest bis drei Uhr nachts und mußt morgens um acht Uhr schon wieder irgendwo sein." Jetzt in den Semesterferien fühlt sie sich ohne Abgabetermine ganz merkwürdig.

Akademische Grenzerfahrungen

Für Lia Kindinger war der Studienplatz wie ein Griff in die Wundertüte. "Ich wußte gar nicht, daß es Frauen-Colleges gibt", gesteht die 22 Jahre alte Bochumer Studentin. Mit einem Studienvorschlag für Frauen- und Geschlechterforschung ("Gender Studies") hatte sie sich beim DAAD für ein Stipendium in den Vereinigten Staaten beworben und den Platz bekommen. Dies war großes Glück, denn der DAAD vergibt im Jahr nur maximal zwei Studienplätze an Frauenuniversitäten, die nicht einmal speziell ausgeschrieben werden. "Wir haben seit 1985 Beziehungen zum Smith College und seit 1984 zum Mount Holyoke College", teil Christopher Fredericks vom DAAD-Büro in New York mit. "Mit ihnen tauschen wir wechselseitig Studentinnen aus. Allerdings wird das locker gehandhabt. In manchen Jahren hat der DAAD keine Studentin, deren Studienvorhaben an ein Frauen-College paßt."

Beide Colleges erlassen DAAD-Stipendiatinnen die Gebühren. Im Rückblick fühlt sich Lia Kindinger, angehende Theater- und Literaturwissenschaftlerin, "nostalgisch" und schwärmt: "Sie lehren nicht nur Hemingway. Das Spektrum in Literaturwissenschaft reicht bis in die jüngste Gegenwart und in viele Randbereiche. Akademisch war die Zeit einfach top." Einen ähnlichen Eindruck schildern viele Ehemalige. Das Pensum ist enorm, der Zusammenhalt stark. Viele Studentinnen gehen an die Grenzen, manche schinden sich regelrecht. "Sie nehmen ihre Schlafsäcke mit in die Bibliothek und schlafen drei Nächte hintereinander nicht", erzählt Tina Whiteus.

Gewissensprüfungen

Die hohen Anforderungen der Eliteuniversitäten gehen jedoch einher mit großer Freiheit. Die Ehrlichkeit gegenüber der eigenen Leistung ist eine Sache der Ehre. Das zeigt sich jedes Jahr in den Endex-amen. Dann gibt "open books"- und "closed books"-Klausuren, Prüfungen, in denen man Bücher benutzen darf oder nicht. Diese Klausuren kann man schreiben, wo man möchte. Niemand kontrolliert die Prüflinge, allein das eigene Gewissen zählt.

Noch bis 1972 hatten Frauen keinen Zutritt nach Harvard oder Yale. Als Pendant gründeten schlaue Amerikanerinnen schon 1850 eigene "Womens' Colleges". Hier konnten sie Naturwissenschaften, Mathematik, Jura oder Philosophie studieren. Heute sind Absolventinnen von Frauen-Colleges - dort studieren 3 bis 4 Prozent der Amerikanerinnen - in beruflichen Spitzenpositionen überproportional vertreten, nämlich zu gut einem Drittel.

Mädchen aus allen Schichten

Die exzellenten Studienbedingungen gibt es freilich nicht umsonst. Die vollen Gebühren, einschließlich Unterbringung, liegen je nach College zwischen 35000 und 40000 Dollar im Studienjahr. Trotzdem, so betont das College, erfolgt die Studienplatzvergabe "blind" gegenüber dem Vermögen der Bewerberin und ihrer Eltern. In jedem Fall müssen die Besitzverhältnisse offengelegt werden. Das ist gerade für deutsche Familien ein Papierkrieg, da das amerikanische Steuerrecht zugrunde gelegt wird und viele zusätzliche Erklärungen notwendig sind. Das College kann sogar so weit gehen, daß es empfiehlt, von einer Limousine auf einen kleineren Wagen umzusteigen, um dadurch Geld für die Bildung lockerzumachen.

Einen Teil der Kosten kann die Studentin selbst beisteuern, in dem sie stundenweise etwa in der Spülküche oder in der Bibliothek jobbt. Trotz der hohen Gebühren wird darauf geachtet, daß Mädchen aus allen Ethnien und Schichten eine Chance bekommen. In Ausnahmefällen werden auch Vollstipendien vergeben. So gibt es Studentinnen, die mit dem Rolls-Royce vorgefahren kommen, und solche, die in der Bronx aufgewachsen sind.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.08.2004, Nr. 200 / Seite 53
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