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Unwort 2012 Migrationshintergrund? Nein, Danke!

Die Redaktion von Beruf und Chance hat ihre Kandidaten für das Unwort 2012 vorgestellt und die User haben abgestimmt. Das Ergebnis ist eindeutig - und viele weitere Unwörter sind hinzu gekommen.

© Cyprian Koscielniak Vergrößern

Auf welche Diskussionen und Schlagwörter können Sie 2013 getrost verzichten? Das haben wir Sie in der letzten Ausgabe des vergangenen Jahres gefragt. Die Redaktion hatte sechs Unwörter des Jahres gekürt und unseren Lesern zur Abstimmung im Internet gestellt. Mehr als 4800 Teilnehmer haben in den vergangenen Tagen ihre Stimme abgegeben und einen eindeutigen Sieger gekürt: „Migrationshintergrund“.

Sven Astheimer Folgen:  

Fast jeder Dritte war der Meinung, auf dieses Wort in künftigen Debatten getrost verzichten zu können. Auf immerhin ein knappes Viertel kam die „Work-Life-Balance“, und der „Burnout“ landete mit rund einem Fünftel ebenfalls noch auf dem Siegertreppchen, knapp vor der „Powerfrau“. Etwas abgeschlagen folgten der „Studentenberg“ und „Zickenkrieg“.

Infografik / Umfrage / Ihr Unwort des Jahres 2012 © F.A.Z. Vergrößern 31 Prozent stimmten für „Migrationshintergrund“ als Unwort des Jahres

Der „Migrationshintergrund“ vereinte auch die meisten Kommentare auf sich. Claudio Giorgini, heute Rentner und früher Klinikgeschäftsführer, empfindet den Begriff „diskriminierend und beinahe beleidigend. Noch weniger trifft das meinen Sohn, der in der Schweiz geboren wurde, in Deutschland aufgewachsen ist, wo er studierte und die Prüfungen als Steuerberater und Wirtschaftsprüfer abgelegt hat.“ Auch Timm Esser kann sich mit dem Ausdruck nicht anfreunden. Er habe fast 50 Jahre im Ausland gelebt; seine Kinder und Enkel sind dort geboren und weiterhin zu Hause. „In New York, Frankreich und Spanien. Wer die Geschichte New Yorks auch nur oberflächlich kennt, dem käme dieses Unwort niemals über die Lippen.“

Schwabenschelte und Mogelpackung

Doris van de Sand weist auf den Gebrauch des Begriffs im Alltag hin. „Ich stimme der Autorin zu: Damit sind weder die in Deutschland lebende Gymnasiastin, deren Mutter aus Amerika stammt, gemeint, noch die Zielgruppe für die Blue Card. Der Ausdruck ist eine Mogelpackung.“ Für Rainald Maaß ist der „Migrationshintergrund“ deshalb „zutiefst rassistisch, da auf die fremde Herkunft hingewiesen wird und vor allem unter Europäern die Herkunft keine Rolle mehr spielen darf“. Hermann Rampf schlägt in dieselbe Kerbe und bringt die jüngste Schwabenschelte von Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse ins Spiel: Thierse hätte demnach auch sagen können „Personen mit Migrationshintergrund“, als er zu seiner Kritik an den süddeutschen Integrationsverweigerern ansetzte.

Andreas Wüst versteht dagegen die Empörung nicht. Der Begriff sei schließlich als Definition eingeführt worden, um die wichtigen Fragen der Zuwanderung und Integration auf einer empirisch besseren Grundlage behandeln zu können. „Wem nur das Wort Migrationshintergrund nicht gefällt, sollte eine andere, kürzere und eingängigere Bezeichnung vorschlagen.“ Auch Heinrich Franzen findet, dass mit dem Wort nicht das Problem verschwindet: „Wichtiger erscheint mir deshalb, selbst um den Preis eines längeren Satzes den Sachverhalt präzise zu benennen und nicht mit Worthülsen zu vernebeln.“

Franz Müller schließlich liest den Medien die Leviten, denn er findet, dass „Begriffe wie ,Migrationshintergrund’ oder ,Burnout’ von Euch transportiert wurden, nachdem sie von Behörden oder Regierungen in die Welt gesetzt worden waren.“ Paul Magnus Schneider wiederum fragt, wie es um die Nachhaltigkeit der „Powerfrau“, des „Studentenbergs“ oder gar des „Burnout“ bestellt ist, und regt deshalb an, das Modewort „Nachhaltigkeit“ gleich mit auf die Liste zu nehmen.

Neu: Win-Win für Fachkräfte auf Augenhöhe

Die Leser waren überaus kreativ darin, weitere Unwörter in den Debatten 2012 zu identifizieren. So sollten aus Sicht von Gustav Gessing Gesprächspartner in diesem Jahr nicht dauernd „auf Augenhöhe“ sein und schon gar nicht „auf gleicher Augenhöhe“. Christian Meyleran kann am ehesten auf den „Fachkräftemangel“ verzichten, weil der Begriff meistens ungenau verwendet werde, sowie auf die „Win-Win-Situationen“, da oft gar nicht klar sei, ob die vermeintlichen Gewinner dies genauso sähen. Sind Gespräche oder politische Prozesse „auf einem guten Weg“, kräuseln sich Renate Simon schlichtweg ihre Nackenhaare.

Andreas Reiter wiederum macht uns mit „sozial schwach“ sogar schon einen Vorschlag für das „Unwort des Jahrzehnts“. Die Formulierung sei heuchlerisch, da sie sich eindeutig auf den ökonomischen Status des Bezeichneten bezieht. Jemand, der wenig Geld hat, sei nicht automatisch auf einer sozialen Ebene schwach, im Sinne des menschlichen Miteinanders. „Nein, er ist allenfalls ,wirtschaftlich schlecht aufgestellt’, findet Reiter, „womit wir bei meinem zweiten Favoriten für das Unwort wären.“ Regina Rosowski wiederum beklagt die Ausbreitung des Sports auf andere Bereiche der Gesellschaft. „Egal und für was auch immer, es muss ein ,Liveticker’ her.“

Zum Schluss unserer kleinen Auswahl fordert Egon Weissmann: „Her mit mehr BS!“ Er unterstützt unsere Suche nach einem männlichen Pendant zum „Zickenkrieg“ und findet, dass unser „Bullengefecht“ gut klingt, letztlich aber zu harmlos ist. Aber ob „Bullenschlacht“ oder „Bullenkampf“ wirklich besser passen, lieber Herr Weissmann? Sehr vergnüglich auf jeden Fall Ihr Vorschlag, die eingeführte Abkürzung „BS“ - im Englischen als „Bull Shit“ bekannt - künftig für männliche Hahnenkämpfe, Pardon, Bullenschlachten zu verwenden. Ihren versöhnlichen Abschlusswunsch „pax vobiscum“ geben wir an dieser Stelle gerne als Wunsch für 2013 an alle Leser weiter und freuen uns auf viele Debatten und neue Unwörter.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 07.01.2013, 21:30 Uhr

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