Home
http://www.faz.net/-gyl-quq2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Unternehmenspolitik Mobile Massage, Ruheräume und Grippeschutzimpfung

27.08.2005 ·  Immer mehr Unternehmen kümmern sich um die Gesundheit ihrer Mitarbeiter. Schwimmbäder und Fitnessstudios im Bürogebäude sind keine Seltenheit mehr. Spitzenkräfte werden besonders intensiv betreut.

Von Hendrik Steinkuhl
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Daß Unternehmen auf das Wohlbefinden und die Gesundheit ihrer Mitarbeiter achten, ist nichts Neues. Salattheken und Vegetarierteller gehören zu jeder Firmenkantine, und von einer bestimmten Größe an veranstaltet fast jedes Unternehmen Betriebssport.

Inzwischen bieten aber auch immer mehr Arbeitgeber ihren Angestellten Gesundheitsleistungen und Sport am Arbeitsplatz an. Nicht etwa eine junge Werbeschmiede, sondern die Stadtwerke Unna erregten dabei erstes öffentliches Aufsehen; vor vier Jahren engagierte das Unternehmen einen mobilen Masseur. „Der kam mit seiner Pritsche vorbei und hat die Leute mal so richtig durchgeknetet“, sagt Roland Flack, Leiter der Personalabteilung. Der WDR berichtete, und die „Bild“-Zeitung titelte „Massage im Amt“.

Die Aktion hatte anfangs großen Erfolg. Nach den Medienberichten konnte sich der Masseur vor Aufträgen anderer Firmen kaum retten, und die halbe Belegschaft der Stadtwerke ließ sich regelmäßig Nacken und Rücken durchkneten. Nach einigen Wochen aber wollten nur noch 15 der 120 Mitarbeiter die verbilligten Gebühren für die Massage am Arbeitsplatz zahlen.

Die Seele der Mitarbeiter soll massiert werden

Während viele Werbeagenturen und Unternehmen in der Gründungsphase den „Mitarbeiterservice Massage“ inzwischen aus Kostengründen gestrichen haben, wird er bei den Unnaer Stadtwerken weiterhin angeboten. Wegen des rasch geschwundenen Interesses aber hat sich Roland Flack entschieden, keine vergleichbare Gesundheitsleistung mehr ins Haus zu holen. Statt dessen bietet er den Kollegen an einigen Wochenenden kostenloses Fahrsicherheitstraining an: „Das nutzt unseren Mitarbeitern und unseren Dienstwagen.“

„Massage am Arbeitsplatz - damit soll doch vor allem die Seele der Mitarbeiter massiert werden“, sagt Julia Scharnhorst. Die Hamburger Psychologin berät seit einigen Jahren Unternehmen in Fragen der Gesundheitsvorsorge und hält wenig von punktuellen Leistungen wie Massagen, deren medizinischer Nutzen umstritten ist. Sinnvoll hingegen findet sie das Angebot des Lebensmittelunternehmens Apetito aus Rheine, das seine gesamte Belegschaft in diesem Jahr zur Grippeimpfung einlädt.

„Die Betriebsführung macht das natürlich nicht nur für die Mitarbeiter, sondern auch, um den Krankenstand zu verringern“, sagt Ruth Fisslage von Apetito. Die Schutzimpfung ist nicht die erste Gesundheitsaktion des nordrhein-westfälischen Unternehmens. In einem sogenannten „Med-Mobil“ konnten die Mitarbeiter vor zwei Jahren ihren Body-Mass-Index und Blutzucker überprüfen lassen; im vergangenen Jahr wurde die Rückenmuskulatur der Belegeschaft mit Hilfe eines „Back-Check-Geräts“ untersucht.

Ende dieses Jahres will das Unternehmen dann gar einen Kurs für seine rauchenden Mitarbeiter anbieten, denen ihre Nikotinsucht abgewöhnt werden soll. Die Firmenleitung verhandelt derzeit mit Allen Carr, Autor des Bestsellers „Endlich Nichtraucher“ und Veranstalter von Nichtraucherseminaren.

„Das Ludwig-Erhard-Format ist out“

Julia Scharnhorst hält davon nicht viel und sagt: „Man will doch nicht im Kollegenkreis über seine persönliche Schwäche reden.“ Ihrer Meinung nach sollte vielmehr das Rauchen am Arbeitsplatz verboten werden. Apetito hat das bereits getan.

In der gesundheitlichen Betreuung ihrer Spitzenkräfte gehen viele Unternehmen noch deutlich weiter. Daimler-Chrysler etwa schickt alle zwei Jahre seine Top-Manager auf den Bonner Petersberg, wo sie von den Mitarbeitern der Firma Skolamed ein Wochende lang rundum betreut werden.

Zuerst stehen umfangreiche medizinische Untersuchungen auf dem Programm, denn viele Manager haben nicht einmal einen Hausarzt, wie Skolamed-Pressesprecher Malte Klemusch sagt: „Die sehen alle zwei Jahre einen weißen Kittel - wenn sie bei uns sind.“ Auf die medizinischen Untersuchungen folgt das sogenannte „Gesundheitscoaching“, bei dem die Führungskräfte in Ernährung und Bewegung geschult werden.

Anders als noch vor Jahren geht es aber nicht mehr prinzipiell darum, die Elite ans Laufen zu bringen. Nach den Worten Malte Klemuschs haben sich viele Manager am ehemaligen Daimler-Chef Edzard Reuter orientiert, einem Marathonläufer: „Das Ludwig-Erhard-Format unter Managern ist out!“ Doch kaum fangen die vormaligen Schwergewichte an zu rennen, neigen sie zur Übertreibung: „80 Prozent von denen, die Sport treiben, tun das in falscher Intensität“, sagt Malte Klemusch. Viele Manager gehen ihren Sport mit demselben Ehrgeiz an wie ihre Arbeit. Das Ergebnis: häufige Verletzungen und noch mehr Streß.

Gemeinsames Bewußtsein für Bewegung

Zwangsläufig leidet darunter das Privatleben, weswegen Skolamed die Ehefrauen der meist männlichen Spitzenkräfte in die Gesundheitsschulung einbindet. „So entsteht ein gemeinsames Bewußtsein für die Bewegung. Viele Paare stellen außerdem fest, daß sie den Sport in einer angenehmen Intensität auch gemeinsam ausüben können, und verbringen so wieder mehr Zeit miteinander“, berichtet Malte Klemusch.

Nach dem Wochenende auf dem Bonner Petersberg läßt Skolamed die Manager nicht alleine: Beinahe alle Unternehmen buchen das große Betreuungspaket, mit dem sich die Spitzenkräfte zwischen zwei Untersuchungen per Telefon und E-Mail coachen lassen können. Auch die Hamburg-Mannheimer schickt ihre Manager alle zwei Jahre zu Skolamed. „Uns geht es dabei nicht nur um die Gesundheit der Spitzenkräfte“, sagt Betriebsärztin Hildegard Gockel. „Wir glauben: Wer sich um die eigene Gesundheit kümmert, der hat auch die Gesundheit seiner Mitarbeiter im Auge.“

Den übrigen Mitarbeitern bietet die Hamburg-Mannheimer noch zusätzlichen Service: In der Unternehmenszentrale gibt es ein Schwimmbad und eine Turnhalle; einzelne Abteilungen legen während der Arbeitszeit Pausen für Gymnastik ein. Und regelrechte Wettkämpfe brachen im Unternehmen aus, als die Geschäftsleitung Schrittzähler verteilte. „Die Mitarbeiter haben nicht mehr die Aufzüge, sondern nur noch die Treppe benutzt, um am Ende des Tages mehr Schritte als der Kollege zu haben“, erinnert sich Hildegard Gockel.

Ruheräume gegen die Reizüberflutung durch E-Mails

Schließlich bietet das Unternehmen noch Ruheräume an, in denen die Angestellten vom Arbeitsdruck entspannen können. Das erscheint nötig, denn nach Meinung Gockels sind es weniger die physischen als viel mehr die psychischen Krankheiten, die der Arbeitsplatz auslöst. Ein Hauptgrund dafür: die Reizüberflutung durch Computer und E-Mails.

Julia Scharnhorst schätzt solche Ruheräume: „Leider verhindert die protestantische Arbeitsethik in Deutschland, daß mehr Arbeitgeber so etwas einrichten“, sagt sie. Auch Unternehmen-Fitnessstudios wie in der Bonner T-Mobile-Zentrale findet sie gut. Bei der Telekom-Tochter hebt man die Hanteln auch während der Arbeitszeit. „Viele Mitarbeiter nutzen das Fitneßstudio, weil sie so keine weiten Wege fahren müssen“, sagt Pressesprecher Rene Bresgen.

Trotz einiger Ansätze ist die betriebliche Gesundheitsvorsorge in Deutschland noch vergleichsweise schwach ausgeprägt. „Die amerikanischen Unternehmen bieten ihren Angestellten deutlich mehr“, sagt Julia Scharnhorst. „Die schließen aber in vielen Fällen auch die Krankenversicherung mit ihren Mitarbeitern ab und haben deswegen ein doppeltes Interesse.“

Quelle: F.A.Z., 27.08.2005, Nr. 199 / Seite 61
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen