21.11.2005 · Promoviert, habilitiert, arbeitssuchend: Wissenschaftler finden in Deutschland oft keine Stelle. Das Ausland empfängt die deutsche Bildungselite mit offenen Armen. Wer hier bleiben will, muß seine Karriere gut planen.
Von Hans-Martin BartholdWo bleiben die Jungen? Wissenschaft und Hochschulen scheinen ein eigener Kosmos und die Beschäftigungssituation in ihm ambivalent.
Zwar steigt die Zahl der aktuell zur Besetzung ausgeschriebenen Wissenschaftlerstellen an Universitäten, Fachhochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Gleichwohl reißen die Klagen des Nachwuchses nicht ab, nur unter allergrößten Mühen in den Besitz eines entsprechenden Anstellungsvertrages kommen zu können.
Umgekehrt fragen die Hochschulen in vielen Berufungsverfahren, wo die jungen Bewerber bleiben. „Für eine C4-Professur an unserem Institut hatten wir zuletzt zwanzig Bewerber, die allermeisten davon freilich bereits älter als 45“, berichtet ein Professor einer renommierten Hochschule, der ungenannt bleiben möchte.
Was aber bleibt dem Nachwuchs?
Tatsächlich scheint die Situation überaus vielschichtig. Sie stellt sich von Standort zu Standort, von Fachbereich zu Fachbereich, aber auch von Forschungsschwerpunkt zu Forschungsschwerpunkt sehr unterschiedlich dar. Klar ist offensichtlich nur eines: „Wissenschaftlerkarrieren sind sehr individuell, und keine gleicht der anderen“, sagt die Freiburger Juniorprofessorin und Anglistin Ulrike Gut.
Was aber bleibt dem Nachwuchs angesichts derart gegensätzlicher Informationen, an das er sich für die Planung einer wissenschaftlichen Laufbahn halten könnte? Weder die Kultusministerkonferenz (KMK) noch die Hochschulrektorenkonferenz verfügen über verläßliche Strukturdaten, geschweige denn eine Prognose. Das 1996 von der KMK erstellte Strategiepapier „Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses - Künftiger Bedarf an Hochschullehrern“ wurde wegen der damit verbundenen bildungspolitischen Brisanz seitdem nicht mehr aktualisiert.
Bleibt ein Blick auf die Beschäftigtenstatistik. Und der zeigt Interessantes. Zwar blieben sowohl die Gesamtzahl der Professoren (38.000) wie deren Durchschnittsalter (52 Jahre) seit Anfang der Neunziger nahezu unverändert. Interessant aber sind die Strukturveränderungen. So hat sich der Anteil der über sechzigjährigen Professoren von 15 auf 25 Prozent erhöht. Damit werden sich schon bald mehr als 9.000 Professoren auf das Altenteil zurückziehen. Darüber hinaus gibt es Beschäftigungszuwächse an Fachhochschulen zu Lasten der Universitäten. Nach Angaben des Deutschen Hochschulverbandes haben die Universitäten innerhalb der vergangenen zehn Jahre knapp zehn Prozent ihrer professoralen Planstellen verloren. Dem jedoch stehen, bildungspolitisch gewollt, hier wie dort steigende Studienanfängerzahlen gegenüber.
Unaufhaltsamer Abschmelzprozeß
Freilich wäre es voreilig, aus all dem eindimensional eine wachsende Nachfrage und bessere Karrierechancen für den Wissenschaftlernachwuchs abzuleiten, gar von einer Professorenlücke zu sprechen. Denn die leeren Kassen setzen dem Handlungsspielraum der Wissenschaftsminister, allen Exzellenzinitiativen zum Trotz, oft enge Grenzen. „Mittelkürzungen sind an der Tagesordnung“, beschreibt Andreas Liese, Ordinarius für Technische Biochemie & Biokatalyse an der Technischen Universität Hamburg-Harburg, eine mit Blick auf die Beschäftigungsmöglichkeiten von Nachwuchskräften ungute Entwicklung. So sind für eine ausgeschriebene Professur - wenn auch fächerabhängig - bis zu 100 Bewerbungen durchaus keine Seltenheit.
Der Präsident der Uni Würzburg, Axel Haase, spricht deshalb sogar von einem unaufhaltsamen Abschmelzprozeß. Aus diesem Grund suchten gerade die besten und mobilsten unter den Jungen ihre Chancen zunehmend an ausländischen Hochschulen. „Die Perspektiven dort sind einfach transparenter“, sagt Haase. Wichtiger sei aber noch: Leistung werde auf dem Hintergrund einer deutlich besseren Grundausstattung der Universitäten mit attraktiven Berufungsverträgen belohnt. Dazu entfalle in vielen Ländern die Notwendigkeit einer zeitaufwendigen Habilitation.
Im Gegenzug geben Ulrike Gut und andere Nachwuchswissenschaftler freilich den Preis einer deutlich höheren Lehrverpflichtung sowie einer nicht selten größeren fachlichen Isolation zu bedenken. Beides erschwere die für eine Wissenschaftlerkarriere so wichtige Reputation in der Forschung. „Indessen bescheren die umfangreichen Lehrerfahrungen Rückkehrwilligen bei Stellenausschreibungen einen nicht zu unterschätzenden Chancenvorteil“, sagt Unipräsident Axel Haase.
Juniorprofessur ist ein Reizthema
Wie in Würzburg bieten sich auch an allen anderen bundesdeutschen Hochschulen in den Natur- und Ingenieurwissenschaften grundsätzlich bessere Chancen als in den Sozial- und Geisteswissenschaften. Und diese Entwicklung scheint noch nicht abgeschlossen. Unabhängig aber vom Fach muß überdurchschnittlich leistungsstark sein, wer auf der Gipfeletappe zum Professorenthron die Nase vorn haben will. „Das Studium und die Promotion mindestens mit ,gut' abzuschließen sind unverzichtbare Voraussetzungen“, berichtet Ulrike Gut.
Allerdings suchten die Berufungskommissionen inzwischen mehr als nur den herausragenden Wissenschaftler, ergänzt ihr Hamburger Kollege Liese. Der Bewerber müsse zugleich ein ebenso guter Lehrer wie geschickter Manager, umgänglicher Kollege und ein im interdisziplinären Dialog erfahrener Kommunikator sein. „Immerhin“, sagt Andreas Liese, „findet Wissenschaft und Forschung heute immer mehr im interdisziplinären Umfeld statt.“ Gleichwohl gehört am Ende auch das notwendige Quentchen Glück dazu.
Das heißt, den richtigen Leuten zum richtigen Zeitpunkt das richtige Thema präsentieren zu können - das ist bei notwendigerweise frühen Weichenstellungen nicht ganz einfach. Und im übrigen kennt in der Scientific Community jeder jeden. Sich gegen deren ungeschriebenen Verhaltenskodex zu stellen ist deshalb wenig empfehlenswert. Die Juniorprofessur ist ein solches Reizthema. Sie wird noch lange nicht überall als eine der Habilitation gleichwertige wissenschaftliche Qualifikation akzeptiert. „Ich kenne kaum einen Kollegen, der sich nicht doch noch parallel habilitiert“, sagt Ulrike Gut, die sich zur Wahrung ihrer Karrierechancen ebenfalls dazu entschieden hat.
Drittmittel einwerben
Ein positiveres Bild für den Nachwuchs bieten indessen die Fachhochschulen. Ihre Berufungsvoraussetzungen weichen allerdings von denen der Universitäten ab, Schwerpunkt der professoralen Tätigkeit an Fachhochschulen ist die Lehre. Neben der Promotion müssen Bewerber hier fünf Jahre fachliche Berufserfahrung nachweisen. „Deswegen ist es vor allem in den ingenieur- und wirtschaftswissenschaftlichen Fachbereichen nicht selten schwierig, für die bei uns übliche W2-Besoldung gute Leute finden zu können“, berichtet der Rektor der Hochschule Niederrhein, Hermann Ostendorf.
Womit Ostendorf als Chef von mehr als 200 Professoren erfolgreich werben kann, sind außer einer selbstgeleiteten und von Hierarchien weitgehend freien Arbeitsplanung zusätzliche Einkommensmöglichkeiten über die angewandte Forschung in Kooperation mit Wirtschaftsunternehmen. Dafür bedürfe es freilich des unternehmerisch denkenden Wissenschaftlers, betont Ostendorf.
Mit dieser Forderung sehen sich zunehmend auch Universitätsprofessoren konfrontiert. Wie ihre FH-Kollegen stehen sie immer stärker in der Pflicht, mit industrietauglichen Projekten Drittmittel einwerben zu müssen. Ehe sie aber dieser Verpflichtung gerecht zu werden haben, müssen sie Geduld üben und unter Beweis stellen, daß sie mit aufgrund zahlreicher Zeit- und Projektverträge unklaren Berufs- und Lebensperspektiven produktiv umgehen können. „Stellenbesetzungsverfahren“, sagt Ulrike Gut, „ziehen sich vielfach über eineinhalb bis zwei Jahre hin.“ Bis dahin lebe man im Ungewissen. „Entsprechend früh muß man Bewerbungsaktivitäten und Alternativen planen.“