26.09.2004 · Die ungarischen Universitäten bestechen durch ihre erstklassigen Ausbildungsangebote in den Naturwissenschaften. Die Hochschulen sind stetig durch internationale Kontakte modernisiert und aufgewertet worden.
Von Carola KapsUnter deutschen Ärzten und solchen, die es noch werden wollen, ist die Budapester Semmelweis-Universität schon seit mehr als zwanzig Jahren ein fester Begriff. Seit die berühmte, altehrwürdige Universität für Humanmedizin 1983 einen Studiengang für deutsche Studenten eingerichtet hat, haben dort mehr als 3000 junge Deutsche ihr Physikum absolviert und gut 500 sogar die Approbation erhalten.
Für beide Seiten war diese deutsch-ungarische Kooperation ein Gewinn: Die Semmelweis, die sich den Studienplatz an der Donau von Studenten gut bezahlen ließ, konnte ihre knappen Ressourcen mit harten Devisen aufbessern; für die Studenten aus Deutschland bot sie die Chance, endlich den heißersehnten Studienplatz zu erlangen, der ihnen zu Hause wegen strikter Numerus-clausus-Regeln und hoffnungslos überfüllter Universitäten nicht zur Verfügung stand. Die hohe Qualität der Ausbildung, die gerade hinsichtlich der Praxisbezogenheit die deutsche Schulmedizin in den Schatten stellt, hat die meisten auch über die keineswegs geringen Studiengebühren hinweggetröstet.
Die Semmelweis verteidigt ihren Star-Status
Inzwischen ist Ungarn nicht nur zum ordentlichen EU-Mitglied avanciert, auch das Studienangebot für ausländische Studenten hat sich deutlich ausgeweitet. Neben der Semmelweis bieten auch andere Universitäten des Landes den Gästen aus dem Ausland ein vielfältiges Angebot von Studiengängen in deutscher und englischer Sprache. Unter den Humanmedizinern verteidigt die Semmelweis zwar mühelos ihren Star-Status - zumal die Nachfrage aus dem Ausland, die in den letzten Jahren vorübergehend deutlich nachgelassen hatte, wieder kräftig angezogen hat. Die Fächer Human-, Veterinär- und Zahnmedizin sowie Pharmazie werden in englischer und deutscher Sprache inzwischen aber auch an den Universitäten in Pécs und Szeged - beides Städte im Süden des Landes - angeboten.
Im mediterranen Pécs, wo ein buntes Völkergemisch aus Deutschen, Kroaten, Serben und Ungarn kulturelle Vielfalt und Lebendigkeit garantiert, befindet sich die älteste und mit 26000 Studenten die größte Universität Ungarns. Neben Medizin können sich ausländische Studenten dort an der Fakultät für Musik und schöne Künste einschreiben. In Szeged an der Theis, der selbsternannten Stadt des Sonnenscheins und des Paprikas, haben schon mehr als 1000 Ausländer aus 53 Ländern studiert, seit in der Humanmedizin und Pharmazie Kurse in englischer und deutscher Sprache eingeführt worden sind.
Ein breites Angebot
Die Hauptstadt Budapest mit ihren Universitäten Semmelweis, Loránd Eötvös (Elte), Szt. István und Budapester Universität für Technologie und Wirtschaft ist allerdings konkurrenzlos das Zentrum der universitären Ausbildung in Ungarn; hier gibt es auch die größte Vielfalt. Neben den medizinischen Angeboten können ausländische Studenten auch die Ausbildung zum Sportlehrer und Trainer, in Bewegungslehre, Psychologie, Architektur und Ingenieurwissenschaften absolvieren - alles Studiengänge, deren Anerkennung auf europäischer Ebene bereits gegeben ist.
In allen Universitäten müssen vor der Zulassung Aufnahmeprüfungen bestanden werden; außerdem müssen, je nach Universität und Studiengang, unterschiedlich hohe Studiengebühren bezahlt werden. Genaue Auskunft darüber sowie über die Anmeldefristen sind im Internet erhältlich. Studenten aus der EU und dem Europäischen Wirtschaftsraum brauchen seit dem EU-Beitritt Ungarns keine Studentenvisen mehr. Pflicht bleibt jedoch die polizeiliche Anmeldung innerhalb von 75 Tagen nach der Einreise. Dem Anmeldeantrag müssen die Studienbestätigung der Universität, ein Mietvertrag, der Krankenversicherungsbescheid sowie eine Aufstellung über die persönliche Finanzsituation beiliegen. Letzteres soll wohl sicherstellen, daß ausländische Studenten nicht zur finanziellen Bürde des ungarischen Staates werden.
Populär im Ausland
Ungarn - und hier vor allem Budapest - hat sich während des letzten Jahrzehnts zum populärsten Anlaufpunkt für internationale Studenten in Mitteleuropa entwickelt. Wie die OECD berichtet, haben seit 1983 weit mehr als 10000 Studenten aus allen Erdteilen den Weg an die Donau gefunden. Bei weitem die meisten Studenten kommen aus Deutschland, gefolgt von Israel, Norwegen, Zypern, China, Iran, den Vereinigten Staaten, Nigeria, Schweden und Kanada.
Ungarns international gefestigter Ruf als Hochburg universitären Lebens und erstklassiger Naturwissenschaften stützt sich auf eine lange Tradition, die nach dem Fall der Berliner Mauer durch eine Vielzahl von internationalen Kontakten gründlich modernisiert und aufgewertet worden ist. Auch die große Zahl an Nobelpreisträgern, die das kleine Land hervorgebracht hat, sorgt für den nach wie vor ausgezeichneten Ruf, den Ungarns Schulen und Hochschulen genießen.
Jung und dynamisch
Neben der Qualität der Lehre reizt die jungen Leute aus dem Ausland aber auch, an der Schnittstelle zwischen Ost und West und dem Tor zum Balkan zu sein; auch das bunte Leben und kulturell reiche Angebot Budapests ist ein Spiegel der schwierigen, von vielen kulturellen Einflüssen geprägten tausendjährigen Geschichte des Landes. Die Stadt an der Donau gibt sich jung und dynamisch und bietet für jeden Geschmack und für jeden Geldbeutel ausreichend Abwechslung.
Die Lebenshaltungskosten gleichen sich in Budapest zwar immer mehr dem europäischen Niveau an; wer rechnen muß und sich die Mühe macht, Preise zu vergleichen, kann aber noch immer billiger leben als in den Großstädten des Westens. In Pécs und Szeged liegen die Lebenshaltungskosten dagegen deutlich unter dem Hauptstadtniveau, wie überall in der ungarischen Provinz.
Über ein Küchenungarisch kommen nur wenige hinaus
Die meisten ausländischen Studenten kommen nur für eine befristete Zeit nach Ungarn: entweder zum immer mehr zur Regel werdenden Studienjahr im Ausland oder aber für kurze, ein bis zwei Monate dauernde Spezialausbildungen und Seminare. Da die ungarischen Mitkommilitonen zumeist Englisch oder Deutsch sprechen, klappt die Verständigung auch ohne Kenntnisse der ungarischen Sprache.
Ein paar Brocken Ungarisch lernt wohl jeder Ausländer, über ein Küchenungarisch kommen aber nur die Ehrgeizigsten oder echte Sprachgenies hinaus. Stipendien sind ungarischen Studenten vorbehalten, aber auch für diese knapp und bescheiden bemessen. Deutsche Studenten, die ein Stipendium zur Finanzierung eines Auslandsjahres brauchen, sollten sich daher vor ihrer Ausreise an die einschlägigen deutschen Stellen wenden.
Chancen auch für Graduierte
Interessante Möglichkeiten eröffnet Budapest auch den Studenten, die nach abgeschlossenem Studium nach einer postgraduierten Ausbildung oder PhD-Programmen Ausschau halten. Als einzige Hauptstadt in den neuen EU-Mitgliedsländern bietet Budapest gleich zwei hervorragende Optionen: eine angelsächsische und eine deutsche Variante. Die von dem ungarischstämmigen amerikanischen Finanzmagnaten George Soros ins Leben gerufene Central European University (CEU) war die erste Universität, die Studenten aus dem ehemals kommunistischen Osten ein modernes, internationales Ausbildungsforum als Tor zur globalen Welt eröffnete.
Die deutsche Andrassy-Universität, die sich als Kaderschmiede für europäische Diplomaten, internationale und europäische Beamte sowie für europäische Historiker und Rechtsgelehrte versteht, ist ebenfalls einzigartig als erste deutschsprachige Universitätsgründung im Ausland nach dem Zweiten Weltkrieg. Während die Andrassy-Universität noch in den Kinderschuhen steckt und weitgehend vom Wohlwollen und Geld der Regierungen in Berlin, Budapest, München, Stuttgart, Dresden und Bern abhängt, verfügt die CEU inzwischen über ein großzügiges Stiftungsvermögen, aus dessen Zinsen sie die laufenden Kosten deckt.
Ausländische Unternehmen hoffen auf Führungsnachwuchs
Beide Universitäten bemühen sich neben den Studenten aus dem Osten um Studenten aus Westeuropa, aus den Vereinigten Staaten und Asien, um die Internationalität der Schulen zu stärken und über einen möglichst breiten intellektuellen Austausch Neugier zu wecken sowie gegenseitiges Verständnis und Toleranz für das Fremde zu fördern. Die CEU hat neben den normalen Masterprogrammen auch eine Business School, in der sie MBA- und PhD-Programme anbietet. Bei der Andrassy, die erst in ihrem zweiten Jahr arbeitet, sind die PhD-Programme noch in der Vorbereitung.
Über die Besetzung der Masterkurse in Diplomatie, internationalem und EU-Recht, Wirtschaft und Regionalpolitik äußern sich die Verantwortlichen aber sehr zufrieden. Auch das Interesse der Wirtschaft ist geweckt, da sich die vielen ausländischen Unternehmen, die in Ungarn selbst, aber auch in den anderen neuen EU-Ländern und EU- Aspiranten im Osten tätig sind, von den Universitäten gut ausgebildete Führungskräfte versprechen.
Informationen über Studienmöglichkeiten in Ungarn finden sich im Internet unter folgenden Adressen:
www.studyhungary.hu
www.sote.hu (Semmelweis),
www.univet.hu (Szt.Istvan U.), http://psyche.elte.hu (Loran Eötvös),
www.tanok.bme.hu (Technische Universität),
www.szote.u-szeged.hu, www.pote.hu/englishprogram (Pécs),
www.andrassyuni.hu; www.ceu.hu