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Tilgung des Taufnamens „Stefan Schmidt könnte sich nicht Stefan Goethe nennen“

13.09.2005 ·  Sie finden ihren Namen zu gewöhnlich, fürchten Nachteile im Beruf, oder wollen mehr Eindruck machen: Um der Karriere willen ändern viele ihren Namen - nicht nur im Showgeschäft.

Von Hendrik Steinkuhl
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„Namen sind Schall und Rauch“, sagt der Volksmund. Doch hat er damit recht? Für ihre Karriere jedenfalls versprechen sich viele Menschen größere Chancen, indem sie ihren Namen ändern.

Die Gründe für die Tilgung des Taufnamens oder die Wahl eines Pseudonyms sind dabei durchaus verschieden. „Wetten daß...?“-Erfinder Frank Elstner etwa legte seinen eigentlichen Vornamen Tim nicht deshalb ab, weil er in den sechziger Jahren zu neumodisch geklungen hätte. Schuld war vielmehr sein damaliger Moderations-Kollege bei Radio Luxemburg, der Tom hieß. Da beide meinten, „Tim und Tom“ höre sich an wie „Fix und Foxi“, nannte sich Elstner fortan Frank - interessanterweise der Vorname seines Bruders.

Helmut Rellergerd, Autor der erfolgreichen Groschenroman-Serie „John Sinclair“, versprach sich mit seinem deutschen Namen nur wenige Leser: „Das liegt an der Tradition, die Fantasy-Schriftsteller wie Mary Shelley mit ,Frankenstein' begründet haben“, sagt der Autor. Rellergerd, der in Bergisch Gladbach wohnt, nahm deshalb das Pseudonym „Jason Dark“ an, unter dem er seit den siebziger Jahren schreibt.

Doch nicht nur in der Unterhaltung trennt man sich zum Wohle der Karriere gelegentlich von seinem Namen. Wolfgang Bernhard, Unternehmensvorstand von VW, hieß in seiner Jugend noch Wolfgang Ayerle. Bevor der Allgäuer ein Studium in den Vereinigten Staaten begann, nahm er den Mädchennamen seiner Mutter an - weil man den Namen seines Vaters in Amerika nicht aussprechen könne. „Er dürfte wohl eher darunter gelitten haben, daß sein Name in der Kindheit ständig verballhornt wurde“, sagt die Münchener Psychologin Sabine Siegl.

Abgekürzte Vornamen sollen gediegen und interessant wirken

Kindliche Wortspiele mit den phonetischen Gleichlauten „Ay“(erle) und „Ei“ hätten nach Meinung Jürgen Udolphs durchaus eine sprachliche Berechtigung. „Ayerle kommt von Eierhändler", sagt der Leipziger Professor. „Das ,-le' ist ein typisch süddeutsches Kosesuffix, genauso wie die Schreibung mit ,ay' typisch süddeutsch ist. Man kennt dort ja auch den ,Meyer' mit ,ay' oder ,ai'.“

Jürgen Udolph ist Spezialist auf dem Gebiet der Namensforschung; er unterrichtet am deutschlandweit einzigen Lehrstuhl für die sogenannte „Onomastik“. Sein Hauptinteresse gilt zwar Orts- und Flußnamen, doch nebenbei erklärt er im Berliner Radiosender RB1 täglich einem Anrufer die Herkunft seines Hausnamens. Warum der Name Ayerle in Amerika ein Problem sein sollte, ist auch Udolph nicht klar. „Ich kenne Menschen mit dem sorbischen Namen Kockjoy, die in den Vereinigten Staaten wirklich leiden. Denn unter Kockjoy stellt sich ein Amerikaner jemanden vor, der mit einem männlichen Geschlechtsteil spielt.“

Ilona Bitzer hat regelmäßig mit Menschen zu tun, deren Name im Ausland mißverstanden wird. Doch während Jürgen Udolph nur eine Diagnose stellt, kann Ilona Bitzer helfen: Sie ist Standesbeamtin in Tübingen und damit zuständig für Namensänderungen. Als Grundlage dient ihr das deutsche Namensrecht. Das erlaubt aber - anders als in anderen Ländern - nur in Ausnahmefällen die Änderung des Hausnamens. Eine dieser Ausnahmen liegt bei Familiennamen vor, die ein ß oder einen Umlaut enthalten. „Die Leute, die mit dem Wunsch zu uns kommen, das ß in ihrem Namen in ein ss umzuwandeln, arbeiten immer international. Viele klagen darüber, daß man das ß im Ausland nicht kennt und gerade in Amerika häufig als b ausspricht.“

Ein „von“ im Namen macht wieder etwas her

In solchen Fällen gewährt Ilona Bitzer die Namensänderung zugunsten der Karriere; 260 Euro verlangt sie dafür. Zurückweisen würde sie hingegen einen Meyer, Müller oder Schulz, der seine Laufbahn alleine wegen der Alltäglichkeit seines Hausnamens gefährdet sähe. Das, obwohl die aufgezählten sogenannte „Sammelnamen“ sind, die eine Änderung eigentlich erlauben. „Wenn ein Stefan Schmidt zu uns kommt, der ständig die Post eines anderen Stefan Schmidt kriegt, dann würde das eine Namensänderung rechtfertigen. Es würde aber nicht reichen, zu sagen, man hätte mit ,Schmidt' schlechtere Karrierechancen.“

Bei der Wahl eines neuen Nachnamens muß das Standesamt ebenfalls zustimmen. Am besten sollte es ein Name „aus dem familiären Umfeld sein“, wie Ilona Bitzer sagt. Die Namen Prominenter allerdings sind geschützt. „Stefan Schmidt könnte sich nicht Stefan Goethe nennen.“ Auch die Umbenennung in Stefan von Schmidt würde Ilona Bitzer ablehnen; mit diesem Wunsch müßte sich Herr Schmidt wohl oder übel an einen Adelstitel-Verkäufer wenden.

Die könnten derzeit ohnehin ein einträgliches Geschäft haben. Denn ein „von“ im Namen macht wieder etwas her. „Derzeit begegnet man Adelstiteln wieder mit Interesse“, sagt Psychologin Sabine Siegel. „In den siebziger und achtziger Jahren wurde ein ,von' noch skeptisch beäugt und eher mit der Yellow Press in Verbindung gebracht.“

Geschäftsleute kürzen zweiten Vornamen ab

Mit der vermeintlichen Seriosität, einer wertkonservativen Haltung und all den anderen Attributen, die man landläufig mit dem Adel verbindet, schmücken sich heute vor allem Privatbanken. Im Vorstand des Bielefelder Bankhauses Lampe sitzt Christian Graf von Bassewitz. Im Beruf, sagt er, hat ihm der Adelstitel keine besonderen Vorteile gebracht. Manche Kunden reagierten interessiert, andere wiederum eher zurückhaltend. Häufig wüßten Gesprächspartner nicht, wie seine korrekte Anrede laute, und würden ihn „Graf von Bassewitz“ nennen. Dabei wurde der deutsche Adelsstand 1919 aufgehoben, ein Titel wie „Graf“ ist seitdem nur noch Bestandteil des Nachnamens.

Am Telefon meldet sich der Banker schlicht mit „Bassewitz“; den vollen Adelstitel benutzt er nur, wenn er im Kino oder Restaurant anruft, um einen guten Platz zu bekommen. „Da hilft mir der Graf sehr“, meint von Bassewitz. „Und ich errege natürlich große Aufmerksamkeit, wenn ich erzähle, daß der Vater des letzten deutschen Kaisers mein Patenonkel ist.“

Derlei Aufmerksamkeit ist Jens O. Brelle wichtig. Der Rechtsanwalt aus Hamburg hat die Abkürzung seines zweiten Vornamens gewählt, um im Berufsleben interessanter zu wirken. „Ich finde, es klingt ganz gut. Viele Leute fragen mich, ob das ,O' auf eine irische Abstammung hinweist. Dabei steht es ja nur für ,Olaf'.“ Psychologin und Unternehmensberaterin Sabine Siegl beobachtet, daß immer mehr Geschäftsleute die Abkürzung ihres zweiten Vornamens tragen. „Es klingt gediegener“, sagt Siegl, und weist darauf hin, daß auch dieser Trend aus den Vereinigten Staaten kommt. Zu den bekanntesten amerikanischen „Abkürzern“ gehören Präsident George W. Bush und die Zeichentrickfigur Homer J. Simpson.

Durchschnittsnamen werden oft vergessen

„Auch wenn es kein Personalchef zugeben würde: Niemand hätte gerne einen Abteilungsleiter, der Meinhof heißt“, sagt Organisationspsychologe Mario Schmitz-Buhl. Er ist sich sicher, daß ein Name für die berufliche Karriere von Bedeutung ist. „Er ist auf jeden Fall wichtiger als die Krawatte, die jemand umhat.“ Träger von Durchschnittsnamen leiden seiner Meinung nach darunter, daß man sich Name wie Person schlecht merken kann. Schmitz-Buhl spricht aus Erfahrung - auch er hat seinen Namen geändert: „Nach meiner Heirat habe ich mich für einen Doppelnamen entschieden, weil ,Mario Schmitz' so alltäglich klingt“, sagt er.

Jürgen Gerhards, Soziologieprofessor aus Berlin, widmet seine Aufmerksamkeit den Vornamen. Diese, so glaubt er, sind im Geschäftsleben wichtiger, als allgemein angenommen wird: „Da Firmen keine Sozialunternehmen sind, ist es völlig klar, daß sie auch auf den Namen schauen.“ In einer Studie hat Gerhards seine Annahme bestätigt gefunden, daß es schichtspezifische Vornamen gibt. „Sie werden in der Oberschicht vermutlich keine Jacqueline finden“, sagt er, wobei er den Namen viersilbig ausspricht, wie man ihn aus deutschen Bussen und Fußgängerzonen kennt: „Dschakeliene“.

Oberschicht will sich von der Massen abgrenzen

Während die Oberschicht in ihrer Namenswahl variiert, kommen „Jacqueline“ und „Jennifer“ in der Unterschicht gehäuft vor. „Die Unterschicht hat eben kein Distinktionsbedürfnis“, erklärt Gerhards. Die Oberschicht hingegen leide darunter, daß Vornamen kein "verknapptes Gut" sind, auf das jeder freien Zugriff hat. Deswegen wählt man hier eher einen ungewöhnlichen, vielleicht altmodischen Namen, um sich vom Massengeschmack abzugrenzen.

In den Vereinigten Staaten gibt es laut Gerhards bereits Forschungsergebnisse, die besagen, daß Bewerber mit bestimmten Namen schlechte Berufschancen haben. „Das liegt daran, daß sich die schwarzen Amerikaner häufig Vornamen ausdenken, etwa mit afrikanischem Hintergrund. So denkt man bei bestimmten Vornamen automatisch an einen Schwarzen, ähnlich wie man hier bei ,Nancy' und ,Mandy' sofort an Ostdeutschland denkt.“

Nun könnte man fragen, warum sich Personaler in Amerika soviel Mühe machen; schließlich sollte man am Bewerbungsfoto erkennen, ob jemand schwarz oder weiß ist. Doch der Bewerbung ein Foto beizulegen ist in den Vereinigten Staaten verboten - damit keine Volksgruppe diskriminiert wird.

Bei Siemens, Eon und Dr. Oetker ist man sich einig, daß in Deutschland allein die Qualität eines Bewerbers zählt. Harald Ständer von der Personalabteilung der Commerzbank schränkt allerdings ein wenig ein: „In Ostdeutschland würde ich auch einen Filialleiter Kevin einsetzen.“

Quelle: F.A.Z., 10.09.2005, Nr. 211 / Seite 59
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