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Täglich im ICE Ich, Pendler

23.11.2009 ·  Wir sind mobil und flexibel, wir arbeiten hier und wohnen dort. Wir sind ständig unterwegs, ohne je anzukommen. Ein Lebensmodell? Nicht wirklich. Innenansicht der alltäglichen deutschen Völkerwanderung.

Von Majid Sattar
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Man kennt einander. In der Früh, wenn der Wind noch eisig über den Bahnsteig weht und dichter Nebel die Gleise verdeckt, stehen die immer gleichen Gestalten am Bahnhof, mit ihren immer gleichen morgendlichen Gewohnheiten: die beiden blau-uniformierten Polizisten etwa in der gelbmarkierten Raucherzone, die wenig reden und den Qualm ihrer Zigaretten tief inhalieren; die junge Frau, die bei Wind und Wetter unverdrossen im schicken Kostüm erscheint und immerzu auf ihrem Mobiltelefon herumhackt; der ältere, elegant gekleidete Herr, der gar nicht nach der „Bild“-Zeitung aussieht und sie dennoch allmorgendlich durchblättert; der junge Kerl mit i-Pod-Stöpseln im Ohr. Man kennt sich, und man nickt einander zu.

Mehr nicht. Hier wird nicht fraternisiert. Die Fahrzeit der ICE-Pendler ist verplant: Die Polizisten schlafen, sobald sie im Zug sind - tief und fest. Die junge Frau im Kostüm zieht binnen Sekunden ihr Laptop aus der schlanken Tasche und bearbeitet Mails. Der ältere Herr packt zunächst seine (stets streng riechende) Leberwurststulle aus, kramt eine Thermoskanne aus seiner Ledertasche hervor und frühstückt ausgiebig. Dann widmet er sich seiner Lektüre - vorzugsweise einem Roman. Jeder will seine Ruhe haben und seiner Beschäftigung nachgehen. Das ist der Comment unter den ICE-Pendlern. Es ist ihre Form der Solidarität. Im Büro haben alle genug zu reden. Nur das leise Vibrieren der Züge - ansonsten kein Hauch.

Fünf Prozent aller deutschen Arbeitnehmer sind Fernpendler, das heißt, sie legen mehr als 50 Kilometer vom Wohnort zur Arbeitsstätte zurück; 80 Prozent von ihnen sind mit dem Auto unterwegs. Zu den Übrigen zählen jene Pendler, die sich in jenem großen Netz bewegen, das der ICE übers Land geworfen hat, eine Struktur der Mobilität, die Reisende etwa im Sprinter ohne Sicherheitschecks in dreieinhalb Stunden von Berlin nach Frankfurt bringt. Das Erkennungsmerkmal ihrer Schicksalsgemeinschaft ist die schwarz-rote „Bahncard 100“. Kostenpunkt 3500 Euro im Jahr. Mit ihr gehört man zur ersten Klasse der zweiten Klasse. Ohne lästiges Reservieren sitzt man meist im Bahn-Comfort-Bereich. 35.000 Mobility-Karten hat die Bahn bisher in Umlauf gebracht. Tendenz steigend.

Mobilität bedeutet oftmals Entwurzelung

Die meisten Geschichten der Pendler lesen sich so: Haus gekauft in Stadt x, betriebsbedingt gekündigt, neuer Job in Stadt y. Haus in Stadt x lässt sich nur mit Verlust verkaufen, beziehungsweise: Haus in Stadt y wäre nicht zu bezahlen. Oder aber: Frau ist Lehrerin in Stadt x, Kinder glücklich in Schule, Vereinen und Freundeskreis. Kurzum: Ein Umzug würde den Familienfrieden dauerhaft gefährden. Also pendelt vorzugsweise er nach Stadt y, da er ja auch meist länger im Büro ist. Ganz selten ist das Pendeln keine den Familienumständen geschuldete Notlösung, sondern Resultat logistischer Planung: Stadt x ist prima gelegen, er - sagen wir: ein IT-Vertreter - ist in einer Stunde in Stadt y und in zwei Stunden in Stadt z.

Die empirische Sozialforschung hat gezeigt, dass mit der Länge des Arbeitsweges zwar Wohnfläche und Lebensstandard steigen, leider aber auch seelische Schwierigkeiten der Betroffenen. Mobilität bedeutet oftmals Entwurzelung. In vielen Fällen ist weder Wohnort noch Arbeitsstätte Heimat im weitesten Sinne. So ist der Pendler ständig unterwegs - ohne je anzukommen. Wer morgens um zehn Uhr am Frankfurter Hauptbahnhof eintrifft, fühlt sich wie an einem Knotenpunkt einer tagtäglichen innerdeutschen Völkerwanderung, an der Drehscheibe des modernen Mobilen, dem am Freitagabend die Zunge aus dem Hals hängt.

Gestört wird die Fahrgemeinschaft nur durch Gelegenheitsfahrer

Pendler verbringen ein Viertel ihrer Woche im Zug. Damit diese Zeit persönlich nicht als Fahrtzeit, sondern als Arbeitszeit verbucht wird, gilt es, Ruhe zu bewahren. Gestört wird die Fahrgemeinschaft nur durch Gelegenheitsfahrer. Die sind leicht zu erkennen. Sie schimpfen über Störungen im Betriebsablauf und machen sich über das Englisch der Schaffner lustig. Überhaupt: Sie reden. Sie gehören einfach nicht dazu. Mitunter passiert es, dass einer der Gelegenheitsfahrer sich erdreistet, Konversation betreiben zu wollen: „Warum lesen Sie denn gleich so viele Zeitungen? Steht doch überall dasselbe drin.“ Das sind brenzlige Situationen. Es gilt, höflich zu lächeln und schweigend zu antworten. Wenn das einmal nicht klappt, wenn der Pendler durch einen Gelegenheitsfahrer zur Konversation genötigt wird, kommen Gedanken zurück darüber, dass dieses pendelnde Lebensmodell vielleicht doch nicht ideal ist. Unschöne Momente sind das. Letztlich kann man dann nur hoffen, dass der Zug bald in den Bahnhof einfährt.

Vor einiger Zeit mit einer älteren Dame im Zugabteil. Sie setzt zum Gespräch an. Oje! Sie erzählt, wie sie als junge Frau in Thüringen einen sowjetischen Besatzungssoldaten kennenlernte, wie beide sich verliebten, wie entsetzt der Vater - ein Chefarzt - war, dass sie noch vor dem Mauerbau in den Westen ging, Medizin studierte und Jahrzehnte unglücklich verheiratet war, immer wieder an Iwan - sie nannte ihn Wani - denken musste, dass sie, inzwischen geschieden, nach dem Fall der Mauer in ihr Elternhaus nach Thüringen zurückkehrte, dass sie dabei erfuhr, ein älterer Mann aus Russland habe kürzlich nach ihr gefragt, dass sie ihren Wani wiedergetroffen habe und beide im Alter von 80 Jahren geheiratet hätten. Mitunter bewahrt das Zugfahren den Pendler auch davor, zum Menschenfeind zu werden.

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Jahrgang 1970, politischer Korrespondent in Berlin.

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