20.12.2005 · „A-b i-n die Welt“ bedeutet für viele auch: ab in die Ratlosigkeit. Wer kopflos zu studieren anfängt und seine eigenen Stärken nicht berücksichtigt, wird häufig unzufrieden mit seiner Studienwahl. Studienberater helfen weiter.
Von Nina BaumannKommunikativ, kreativ, kontaktfreudig, so sieht sich Christina Wilk* selbst. Und so sahen die 21 Jahre alte Schwäbin auch Sabine Ertel-Garbe und Andrea Bausch von der Berufsberatung Telos in Tübingen. Dennoch hatte Haid die zwei Semester vor ihrem Besuch bei Telos mit sturem Büffeln für BWL-Klausuren in der Universitätsbibliothek von Bayreuth verbracht.
„Soviel habe ich noch nie in meinem Leben gelernt“, sagt sie. Und war trotzdem frustriert über mittelmäßige Noten, den unpersönlichen Unibetrieb, zuviel Mathe - kurzum über ein Studium, das ihr nicht lag. „Es fiel mir schwer, meine Stärken auch als solche zu erkennen“, sagt sie.
Die Schule hinter sich zu bringen ist erst einmal das große Ziel vieler Schüler, das Abitur die ersehnte Eintrittskarte in die Freiheit. Doch „A-b i-n die Welt“ bedeutet für viele auch: ab in die Ratlosigkeit. Sich mit knapp 20 Jahren für einen Ausbildungsweg zu entscheiden und eine Vorstellung vom späteren Berufsleben zu haben fällt schwer. Zugleich machen steigende Arbeitslosenzahlen und drohende Studiengebühren den jungen Menschen angst: bloß keine Zeit verlieren. Eltern und Freunde sind die ersten und wichtigsten Ratgeber. Viele wünschen sich allerdings Rat von unbefangenen Dritten.
„Sag mir, was ich tun soll“
Seit 1998 das Monopol des Arbeitsamtes auf die Dienstleistung Berufsberatung aufgehoben wurde, entdecken auch in Deutschland immer mehr private Anbieter die Schüler und Studenten als Markt. Für die Ratsuchenden ist dabei viel Zufall im Spiel: Die Berater sind meist Einzelkämpfer und Quereinsteiger.
Eine kostenlose und neutrale Beratung gibt es zunächst bei den Arbeitsagenturen. Die Berufsberater bieten Schülern und Studenten Einzelsprechstunden an. Die Besucher kommen ohne Orientierung, dafür mit um so mehr Angst. „Etwa zwei Drittel der Ratsuchenden kommen mit Entscheidungsschwierigkeiten zu uns“, schätzt Günther Kapust, Berufsberater bei der Arbeitsagentur in Frankfurt. Die Jugendlichen hätten am liebsten genaue Handlungsanweisungen.
„Die sagen geradezu: ,Sag mir, was ich tun soll.'“ Und das sind nur diejenigen, die überhaupt den Weg in das ehemalige Arbeitsamt finden: „Manche kriegen erst nach dem Studium mit, daß es uns gibt“, sagt Eva Peters, Teamleiterin beim Team akademische Berufe in der Frankfurter Arbeitsagentur.
Unzufrieden mit der Studienwahl
Eigentlich müßte jeder Abiturient vom Beratungsangebot der Bundesagentur wissen. Eigentlich. Wäre die Orientierungsveranstaltung in der Oberstufe nicht einfach eine willkommene Gelegenheit zum Abschalten. Und ein Berufsleben noch so weit weg. „Viele überschauen das in der 12. Klasse noch gar nicht. Die wollen ihr Abitur machen und denken darüber nicht hinaus“, sagt Kapust. Allerdings könnte das Angebot der Bundesagentur für ratlose Schüler und Studenten bald kleiner werden.
Schließlich sollen die Berater von McKinsey aus der riesigen, trägen Behörde ein effizient arbeitendes Unternehmen machen. „Die Berufsberatung hat man bei der Umstrukturierung völlig vergessen“, sagt Birgit Lohmann, Vorsitzende des Verbands für Bildungs- und Berufsberatung (dvb), in dem überwiegend Berater aus den Arbeitsagenturen organisiert sind. Wer Controlling macht, will den Erfolg der Arbeit messen. Doch wie mißt man den Erfolg von Berufsberatung? „Beratung muß vollkommen unabhängig von Vermittlung sein“, fordert Lohmann.
Die Beratung der Arbeitsagentur hatte Christina Wilk auch besucht. Sie war mit der Schule im Berufsinformationszentrum (BIZ), in der 12. Klasse und nach dem Abi bei der individuellen Beratung. „Das hat mir nicht viel gebracht.“ Als sie im zweiten Semester schon wußte, daß sie mit BWL nicht weitermachen wollte, erfuhr sie von der Berufsberatung Telos in Tübingen. Die Beraterinnen hätten ihr geholfen, den Studienabbruch vor dem Vordiplom nicht als Versagen zu sehen. „Auch wenn es teuer ist: Wenn ich schon beim Abitur davon gewußt hätte, hätte ich es schon damals gemacht.“ Der Fall von Christina Wilk sei ein typischer aus ihrer Praxis, sagt Beraterin Ertel-Garbe. Häufig kämen Studenten, die sich mit ihrer Studienwahl nicht recht wohl fühlten.
„In den Schulen passiert viel zuwenig“
An fehlenden Begabungen liege es selten. „Oft tun sich gerade die guten Schüler, die von ihren Noten her alles machen könnten, besonders schwer.“ Die ehemalige Lehrerin hat sich vor drei Jahren mit ihrer Partnerin in Tübingen selbständig gemacht. Als Lehrerin gearbeitet hat auch Bärbel Mattik von der Berufsberatung Dr. Vossen in Berlin. Den Schülern fehle Hilfestellung: „In den Schulen passiert viel zuwenig“, sagt Mattik. Ihre Vision: Eine Art „Career Officer“ an den Schulen, der für die Schüler ständig ansprechbar ist. Statt dessen bleiben die Eltern wichtigste Ratgeber - bei allem guten Willen mit unterschiedlichem Erfolg.
Da gibt es die große Gruppe, die ihren Kindern nichts vorschreiben will. „Sich nicht einzumischen heißt aber auch, keine Hilfestellung zu geben“, sagt Mattik. Auf der anderen Seite können die Projektionen der Eltern den Jugendlichen unter Druck setzen. Sabine Ertel-Garbe berichtet von einem Abiturienten, der einen Notendurchschnitt von 1,2 hatte und Lehrer werden wollte. Der Mutter aber war ein solcher Schnitt „zu gut fürs Lehramt“. Sie erwartete Größeres von ihrem Sohn. Im Gespräch kam sie dann zu der Einsicht, daß sie ihrem Sohn die eigenen Wünsche aufzwingen wollte.
Gerade bei den Schülern sind es häufig die Eltern, die von den privaten Berufsberatern gehört haben und den Besuch anregen. „Fast ausschließlich über Mundpropaganda“ verbreite sich das Wissen um ihre Beratung, berichtet Bärbel Mattik. Wer außerhalb solch gutinformierter Kreise lebt, hat es auf der Suche nach Hilfe bei der Berufsorientierung schwer. Die Szene der privaten Berufsberater ist kaum organisiert, eine Übersicht über die Anbieter kaum zu bekommen. „Bisher sieht man andere Berater eher als Konkurrenz an. Dabei wäre es wünschenswert, ein Netzwerk zu gründen“, sagt Ertel-Garbe. Schließlich beklagt sich keine der Beraterinnen über mangelnde Auslastung.
Berufsberater kann sich jeder nennen
Mit der Aufhebung des Arbeitsamt-Monopols 1998 fiel die Berufsberatung vom einen Extrem ins andere: Berufsberater kann sich jeder nennen, der Begriff ist nicht geschützt. Auch Unternehmensberater entdecken den Markt. So hat das Beratungsunternehmen von Rundstedt das Spark Institute gegründet, nach eigenen Angaben eine „Karriereberatung speziell für junge Menschen, die in die Wirtschaft wollen“. Das Institut bietet Ausbildungs- und Jobeinstiegsberatung in elf Städten an.
Den Versuch, eine im Internet abrufbare Liste von Beratern zu erstellen, die bestimmten Qualitätsstandards genügen, unternimmt zur Zeit der dvb. Wer Bedingungen wie beraterische Erfahrung, Bereitschaft zu Supervision und Weiterbildung erfüllt, kann sich in das Register aufnehmen lassen. Allerdings stammt der Verband aus der Zeit des Beratungsmonopols des Arbeitsamts und ist deswegen noch stark von der öffentlichen Beratung geprägt. Bisher engagieren sich wenige private Berufsberater in dem Verband.
Was klar ist: Auch der beste Berater kann niemandem die Entscheidung abnehmen. „Es ist zwar eine Erleichterung, das ungeliebte Studium abzubrechen. Aber es ist auch schwierig, einen neuen Anfang zu machen“, sagt Christina Wilk. Sie wartet auf eine Antwort der Zeppelin University, um Kulturmanagement zu studieren.
Die Berufsbezeichnung „Berufsberater“ ist in Deutschland nicht geschützt, es gibt keine bestimmte Ausbildung für die Tätigkeit. Die meisten privaten Berater bieten ihren Kunden ein Tagesprogramm an, das aus Gesprächen, standardisierten Tests und Auswertung besteht. Der Preis dafür liegt in der Regel bei rund 1000 Euro. Die Berufsberatung der Arbeitsagenturen ist kostenlos. Das vom Deutschen Verband für Bildungs- und Berufsberatung initiierte Berufsberatungsregister findet sich im Internet unter www.bbregister.de
Weitere Adressen privater Anbieter:
www.telos-tuebingen.de (Tübingen)
www.drvossen.de (Düsseldorf)
www.mattik-nolten.de
www.sparkinstitute.de (11 Städte)
www.junior-career-coaching.de
www.s-b-institut.de (Stuttgart)
www.abitur-was-dann.de (Bremen, Hamburg, Lüneburg)