Fünfzehn Seiten samt Anhang umfasst ein Schreiben, das Halbe Zijlstra, Staatssekretär im niederländischen Bildungs- und Wissenschaftsministerium, kürzlich an das Parlament in Den Haag geschickt hat. Auf Seite 12 steht der Satz, an dem sich manches niederländische und deutsche Gemüt erhitzt hat: "Bei einer übermäßigen Präsenz deutscher Studenten sollten die Einrichtungen ihre Verantwortung übernehmen müssen, die aktive Anwerbung deutscher Studenten zu stoppen, und sich auf weniger stark vertretene Nationalitäten ausrichten."
Zudem regte der Rechtsliberale Zijlstra an, ausländische Studenten stärker zur Kasse zu bitten, da sie den niederländischen Staat jährlich 90 Millionen Euro kosteten. Nicht nur in den Reihen der Opposition erntete Zijlstra Kritik. Auch der Bildungspolitiker Sander de Rouwe vom christlich-demokratischen Koalitionspartner sprach von einem lachhaften und schlecht durchdachten Vorschlag.
Bei näherem Hinsehen entpuppte sich der Streit aber als Sturm im Wasserglas. So bezog sich Zijlstra vor allem darauf, dass es in Hochschulen unweit der Grenze zu Deutschland rein deutschsprachige Kurse gibt. Auch seine Überlegung, nach dänisch-schwedischem Vorbild ein Verrechnungssystem zwischen den Niederlanden und Deutschland, insbesondere mit dem Land Nordrhein-Westfalen, einzurichten, dürfte sich rasch als Wunschdenken erweisen.
Über zwei Drittel der ausländischen Studenten in den Niederlanden sind Deutsche
Nichts zu deuteln gibt es hingegen daran, dass sich niederländische Universitäten bei Deutschen großer Beliebtheit erfreuen. Nicht weniger als 24 700 von rund 34 000 ausländischen Studenten stammen zuletzt aus Deutschland. Die Tendenz - zuletzt ein Plus von jährlich gut 14 Prozent - dürfte weiter steigend sein, schon weil wegen der Verkürzung der Schulzeit auf zwölf Jahre der Ansturm auf die Universitäten nicht nachlassen dürfte.
Entscheidend für die Anziehungskraft niederländischer Hochschulen dürfte ihr guter Ruf sein. "Im Gegensatz zu deutschen Massenuniversitäten bieten sie häufiger differenzierte Angebote und Veranstaltungen in kleinen Gruppen", erläutert Annette Julius, Leiterin der Programmabteilung Nord des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD). Nicht nur medizinische Ausbildungen, auch Studiengänge wie Design gälten als attraktiv.
Deutsche Studenten sind motiviert – auch weil sie mehr zahlen
Dass sich viele deutsche Studenten wegen hoher Zugangshürden in der Heimat für das Ausland entscheiden, scheint ein Vorurteil zu sein. "Unsere deutschen Studenten sind im Regelfall sehr gut qualifiziert und ausgesprochen motiviert", sagt Bettina Nelemans, Hauptgeschäftsführerin des University College Utrecht. Die der Universität Utrecht angegliederte Bildungseinrichtung bietet multidisziplinäre geistes- und naturwissenschaftlich geprägte dreijährige Bachelor-Studiengänge ("Liberal Arts and Sciences") an; 43 ihrer derzeit 740 Hochschüler sind Deutsche.
Die Zahl der Teilnehmer an den englischsprachigen Kursen ist auf 28 begrenzt. Ziel ist es, die Eigeninitiative zu fördern. Auch die Freizeit gestalten die Studenten, die auf einem Campus leben, oft gemeinsam. Zu der auch von Niederländern gezahlten Studiengebühr von knapp 1800 Euro kommt für Ausländer eine Abgabe von 1250 Euro hinzu. Einschließlich der Kosten für Unterbringung und Verpflegung zahlt ein Student jährlich rund 12 000 Euro. Das sei eine Investition, die sich Studenten sorgfältig überlegten, sagt Nelemans.
Einig ist sie sich mit DAAD-Projektleiterin Julius, dass Niederländer und Deutsche großes Interesse an vielen Studenten aus dem Nachbarland haben sollten. "Wir sind wichtige Partner, haben aber auch ein historisch nicht unbelastetes Verhältnis. Da ist es wichtig, dass es möglichst viele Kenner des jeweiligen Nachbarn gibt - ganz unabhängig davon, ob ein Hochschüler nach seinem Studium in sein Heimatland zurückkehrt oder nicht", sagt Julius. Die Niederländer scheinen Nachholbedarf zu haben: Von 650 000 Hochschülern studieren nur 1450 in Deutschland.
