18.04.2005 · Das zweistufige Studienmodell mit Bachelor- und Master-Abschlüssen ist auf dem Vormarsch, sorgt aber für äußerst kontroverse Diskussionen über die künftige Rolle der Universitäten und Fachhochschulen.
Von Ralf NöckerDas zweistufige Studienmodell mit Bachelor- und Master-Abschlüssen ist auf dem Vormarsch, sorgt aber für äußerst kontroverse Diskussionen über die künftige Rolle der Universitäten und Fachhochschulen. Die Studiengänge an den beiden Hochschultypen werden einander damit ähnlicher, rein rechtlich sind Universitäten und Fachhochschulen in Fragen der Hochschulausbildung ohnehin schon gleichgestellt. Eine bisher unveröffentlichte Befragung von 83 Fachhochschul- und 45 Universitätsdekanen des Fachs Betriebswirtschaftslehre zeigt nun, daß die Fachhochschulen die Reform viel stärker gutheißen als die Universitäten.
Zumindest die Professoren der Betriebswirtschaft an den Fachhochschulen sehen in der Reform die Chance, zu den Universitäten aufzuschließen, was Ansehen und Bedeutung betrifft. Mit der Zahl der Studenten haben sie es längst getan. Mehr als die Hälfte der Betriebswirtschaftsstudenten in Deutschland besuchen eine Fachhochschule.
Unterscheidung noch zeitgemäß?
"Es gibt viele Stimmen, die bereits in Frage stellen, ob die Unterscheidung zwischen Universität und Fachhochschule überhaupt noch zeitgemäß ist", sagt Udo Mandler, Betriebswirtschafts-Professor an der Fachhochschule Gießen/Friedberg und zusammen mit seinem Kollegen Martin Schmidt Autor der Studie. Es überrascht nicht, daß den Universitätsdekanen angesichts der Reform etwas unbehaglich zumute ist, wie sich in der Studie an mehreren Stellen zeigt. So stimmen die Fachhochschulen selbst der These deutlich zu, das neue Modell sei vorteilhaft, weil es den Fachhochschulen die Möglichkeit biete, weiterführende Master-Studiengänge anzubieten und damit in Wettbewerb mit den Universitäten eintreten zu können. Auf einer Skala von null (stimme überhaupt nicht zu) bis drei (stimme voll zu) kommen die Fachhochschulen auf einen Wert von 2,3.
Die Universitäten lehnen diese These mit einem Wert von 0,6 ebenso deutlich ab. Befragt nach den künftigen Aufgaben der Fachhochschulen, waren 42,2 Prozent der Universitätsdekane der Ansicht, die Fachhochschulen sollten ausschließlich Bachelor-Studiengänge anbieten. Dieser Auffassung schloß sich kein einziger Fachhochschuldekan an. Dafür sind knapp die Hälfte der Fachhochschulen der Ansicht, sie sollten generell mit den Universitäten gleichgestellt werden - also auch das Promotionsrecht erhalten. Dieser Forderung konnten wiederum die Universitätsdekane nicht viel abgewinnen, nur ein einziger Befragter stimmte hier zu. Ähnlich vertritt auch nur ein befragter Universitätsdekan die Ansicht, die Fachhochschulen sollten neben den anwendungsbezogenen auch forschungsorientierte Master-Studiengänge anbieten. Die Mehrheit (53,3 Prozent) seiner Universitätskollegen sehen lediglich anwendungsorientierte Master-Studiengänge künftig an den Fachhochschulen.
Einig sind sich die befragten Universitäts- und die Fachhochschuldekane immerhin darin, daß der Reformprozeß vorangetrieben werden sollte. Bereits seit 1998 haben die deutschen Hochschulen gemäß Hochschulrahmengesetz die Möglichkeit, statt der einstufigen Diplom- beziehungsweise Magister-Studiengänge auch zweistufige Studiengänge einzuführen. Hierbei folgt einem grundlegenden Studium mit dem Abschluß Bachelor ein weiterführender Master- oder Magister-Studiengang. Der Bachelor soll ein erster berufsqualifizierender Abschluß sein, die Regelstudienzeit soll zwischen drei und vier Jahre betragen.
Anwendungs- oder forschungsorientiertes Aufbaustudium
Der Master, der in einer Regelstudienzeit von zwischen einem und zwei Jahren erworben werden kann, soll ein entweder anwendungs- oder forschungsorientiertes Aufbaustudium sein. Es ist geplant, daß die Mehrzahl der Studenten mit dem Bachelor abschließt und auf den Master verzichtet. Als Vorteil des zweistufigen Systems wird die zumeist deutlich kürzere Studienzeit angeführt. Außerdem erleichtere es deutschen Studenten die Anerkennung ihrer Abschlüsse im Ausland, wo zweistufige Modelle üblich sind. Darüber hinaus werde das System den unterschiedlichen Zielen der Hochschulausbildung besser gerecht als das einstufige. Egal, ob der Student möglichst rasch Manager werden möchte oder auf eine Hochschulkarriere hofft, im einstufigen Modell muß er den gleichen Studienweg durchlaufen. Dagegen soll künftig die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses allein auf die Master-Studiengänge verlagert werden.
Tatsächlich eine Ausbildung?
Ob allerdings der Bachelor-Studiengang tatsächlich eine berufsqualifizierende Ausbildung gewährleistet, ist gerade unter den befragten Universitätsdekanen umstritten. Ein Viertel von ihnen äußert sich sehr skeptisch, eine nahezu gleich große Gruppe hat dagegen überhaupt keine Bedenken. Die Fachhochschuldekane haben hier natürlich keine Zweifel, schließlich sind Bachelor und das bisherige Fachhochschul-Diplom als nahezu identisch anzusehen. Auch ansonsten bewerten die Fachhochschuldekane der Betriebswirtschaft die Vorteile des zweistufigen Modells durchweg höher ein als ihre Kollegen von den Universitäten. Als besonders vorteilhaft erweist sich aus ihrer Sicht die Schaffung eines einheitlichen europäischen Hochschulraums, den sie mit 2,3 (Universitäten 1,7) bewerten. Ein weiterer hoch bewerteter Vorteil ist der erleichterte Austausch von Studenten innerhalb der EU (Fachhochschulen 2,2, Universitäten 2,0). Gleichzeitig betonen die Universitäten im Vergleich zu den Fachhochschulen stärker die Nachteile des zweistufigen Modells, wie beispielsweise das sinkende Gesamtniveau der Hochschulausbildung und den weitaus besseren Ruf, den das Diplom im Vergleich zum Bachelor hat.
Derzeit spielt das Bachelor/Master-Studium in der Betriebswirtschaft noch eine untergeordnete Rolle. Im Wintersemester 2002/2003 waren erst 1,8 Prozent der Studenten der Betriebswirtschaftslehre in einem Bachelor/Master-Programm immatrikuliert. Dies wird sich aber schnell ändern. 38,8 Prozent der Fachhochschul- und 26,7 Prozent der Universitätsfachbereiche wollen innerhalb der kommenden ein bis zwei Jahre ihre Diplomstudiengänge abschaffen. Die Mehrheit der Fachhochschulvertreter (50,6 Prozent) spricht sich dafür aus, das neue System möglichst schnell und flächendeckend einzuführen. Die Mehrheit der Universitätsdekane (51,1 Prozent) plädiert dagegen dafür, wie bisher ein Wahlrecht zwischen einstufigem und zweistufigem System beizubehalten.
Fachhochschulen fühlen sich ebenbürtig
Einig sind sich die Vertreter beider Institutionentypen auch in der Einschätzung der bisher üblichen einstufigen Modelle. Der These, der Diplomstudiengang habe sich bewährt und es bestehe daher eigentlich kein Anlaß zu einer Reform, stimmen rund zwei Drittel der BWL-Dekane sowohl von Universitäten als auch von Fachhochschulen zu. "Die Fachhochschulen begrüßen den Reformprozeß weniger aus einer kritischen Haltung gegenüber dem alten System heraus", sagt Mandler, "vielmehr geht es ihnen um die Möglichkeit, nun auch höherwertige Master-Studiengänge anbieten zu können."
Mit diesem Angebot, so die Hoffnung der Fachhochschulen, könnten sie zu den Universitäten endgültig aufschließen. Schon jetzt sind die Betriebswirtschafts-Dekane an den Fachhochschulen offenbar der Ansicht, den Universitäten in vielerlei Hinsicht mindestens ebenbürtig zu sein. Befragt nach den Vorzügen eines Fachhochschulstudiums gegenüber dem Universitätsstudium, zeigen sie sich erstaunlich selbstbewußt. Sie sehen ihre Institute mit fast allen Merkmalen vorn, außer mit solchen, die sie nicht oder kaum beeinflussen können, wie der Ausstattung oder der Reputation (siehe Graphik).
Zwei Studien, zwei Ergebnisse
Eine wichtige Frage ist die Akzeptanz der neuen Abschlüsse - insbesondere des Bachelor -in der Wirtschaft. Das Fraunhofer Institut und das Institut der Deutschen Wirtschaft kamen in Unternehmensbefragungen zu positiven Einschätzungen des neuen Modells. Dagegen brachte eine Untersuchung des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) zutage, daß in den Unternehmen noch große Unsicherheit darüber herrscht, was sie von den Absolventen des neuen Systems erwarten können. "Arbeitgeberverbände finden die Reform gut und richtig. Viele Personalverantwortliche in den Unternehmen tun sich vor allem mit dem Bachelor-Abschluß aber noch schwer", hat auch der Fachhochschul-Professor Mandler beobachtet.