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Studienfachwahl Starre Geschlechtergrenzen

 ·  Die Sprachwissenschaften sind weiblich, die technischen Studiengänge männlich dominiert. Das liegt nach Ansicht von Fachleuten auch daran, dass Frauen nur selten danach streben, eine Familie zu ernähren.

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© Peter von Tresckow

„Welches Studium mit hohem Gehalt ist relativ leicht und hat eine hohe Frauenquote?“ So gern man die Frage, die eine junge Frau auf einer Internetplattform stellt, als lächerlichen Witz abtäte - sie enthält doch einen wahren Kern: Frauen studieren gern Fächer, die Frauen studieren. Der Haken ist nur: Es sind meistens keine Fächer, die mit einem hohen Gehalt verbunden sind. Frauen sind offenbar eher bereit, auf ein attraktives Gehalt als auf ein weiblich geprägtes Umfeld zu verzichten.

Weil inzwischen mehr junge Frauen als Männer Abitur machen, wachsen die „Frauenfächer“ überproportional. Vor allem die Geisteswissenschaften haben sich zu einer Frauenhochburg entwickelt: Zwischen 1997 und 2010 kletterte der Anteil weiblicher Studierender an den Universitäten in den Sprach- und Kulturwissenschaften noch einmal um 5 Punkte auf nunmehr 70 Prozent: Insgesamt 292.000 Frauen widmeten sich diesen Fächern. Rein zahlenmäßig nimmt sich da der Favorit der Männer - die Gruppe der Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften - mit „nur“ 188.000 Studenten fast mager aus. Zumal sie die Hörsäle mit fast ebenso vielen - 180.000 - Frauen teilen.

Eine Art „magische Grenze“

Die einzige Männerhochburg bilden noch die Ingenieurwissenschaften, denn auch in Mathematik und Naturwissenschaften ist das „schwache Geschlecht“ mit einem Anteil von 41 Prozent relativ stark geworden. In den Ingenieurwissenschaften wird hingegen nur etwa jeder fünfte Studienplatz von einer Frau besetzt. Dass sich daran langfristig etwas ändern wird, daran zweifeln die Fachleute.

Die weibliche Zwanzig-Prozent-Marke sei eine Art „magische Grenze“, weil über mehr Frauen in den Technikberufen schon seit rund vierzig Jahren diskutiert werde, sagt Heike Kahlert, Soziologin an der Universität München. Seitdem habe sich aber nicht viel verändert, Frauen dienten in den technischen Studiengängen oft nur als Füllsel. Würde man nicht gezielt um sie werben, blieben viele Studienplätze unbesetzt. In den überfüllten Geisteswissenschaften gebe es hingegen keine vergleichbaren Werbekampagnen zur Rekrutierung von Männern.

Berufsberatungen wirken oft kontraproduktiv

Die Soziologin nennt für die Technikabneigung der Frauen Gründe: „Frauen studieren interessegeleitet und wollen sich nicht so früh auf ein bestimmtes Arbeitsfeld festlegen.“ Mit einem technischen Fach entscheide man sich aber schon sehr früh für einen Beruf. Männern liege diese Festlegung mehr als Frauen, hat Kahlert beobachtet.

Außerdem wirken nach ihren Erfahrungen Berufsberatungen oft kontraproduktiv. Sie lenkten die Wünsche der Frauen in die falsche Richtung. „Eine Tätigkeit mit Menschen und Medien findet ja nicht nur im geisteswissenschaftlichen Umfeld statt, sondern kann genauso im Technikbereich liegen.“ Das werde aber viel zu wenig deutlich gemacht.

„Männer zielen darauf ab, die Familie zu ernähren“

Und noch etwas hat Kahlert beobachtet: Frauen wollten zwar Beruf und Familie vereinbaren. Doch reiche ihnen meistens, einen Beruf anzupeilen, mit dem sie später für sich selbst sorgen könnten. „Männer zielen aber immer darauf ab, eine Familie zu ernähren.“ Weshalb sie dann wohl eher bereit seien, „harte“ Fächer mit guten bis sehr guten Verdienstaussichten zu wählen - obwohl sie schulisch nicht die besseren Voraussetzungen mitbrächten.

Andererseits seien in der Wirtschaft die Hürden für Frauen oft höher als im öffentlichen Dienst mit seinen vielen Gleichstellungsprogrammen. „Die Atmosphäre ist eben auch wichtig. Frauen wollen nicht lebenslang eine Sonderrolle spielen am Arbeitsplatz“, sagt Kahlert. Diese Gefahr drohe ihnen aber oft im technischen Bereich.

Auch Cornelia Koppetsch, Soziologin an der TU Darmstadt, sieht bei der Studienwahl der Frauen den „Trend zur Selbstverwirklichung“ im Vordergrund, während Männer die Erwerbsdimension im Blick hätten. Von einer Angleichung der Geschlechter in der Rollenverteilung mag Koppetsch deshalb nicht sprechen. „Die Angleichung wird immer unterstellt, sie hat aber gar nicht stattgefunden“, sagt sie und fügt hinzu: „Männer sind hier nicht die größten Widerständler.“ Eher vermisst die Soziologin den echten Tatendrang der Frauen: „Viele kommen über Lippenbekenntnisse nicht hinaus. Sie sprechen von Vereinbarkeit, die sie sich wünschen; sie sagen dies aber nur, weil sie sich nicht trauen, Hausfrau zu sagen.“ Noch immer sähen viele Frauen im Studium eine Art Überbrückung bis zur Heirat.

Umgekehrt ist die Lage in der Pädagogik, vor allem in der Arbeit mit kleinen Kindern. So sind 85 Prozent der Lehrkräfte an Grundschulen weiblich. Dabei wünschen sich viele Schüler und Eltern mehr Männer in den Klassenzimmern. „Als Mann kann man Kompetenzen einbringen, die Jungen brauchen“, ist Bernd Thomas überzeugt. Der Pädagoge hat zwölf Jahre lang an Grundschulen unterrichtet, bevor er in die Wissenschaft wechselte. Heute ist er Direktor des Instituts für Grundschuldidaktik und Sachunterricht an der Universität Hildesheim, die sich für mehr männliche Lehrer an Grundschulen starkmacht. Das zweijährige Projekt „Männer und Grundschullehramt“ ist zwar gerade ausgelaufen, soll aber neu aufgelegt werden. Dabei geht es vor allem darum, am „Boys’ Day“ um Oberstufenschüler zu werben, sie einzuladen, mit männlichen Studierenden ins Gespräch zu kommen.

Schräg angeguckt zu werden ist die Haupthürde für Jungen

Dass Nachholbedarf besteht, zeigt eine Analyse des Männernetzwerks Manndat e.V.: Danach boten in diesem Jahr nur fünf bis zehn Prozent der Kitas und Schulen Boys’-Day-Plätze an. Das Netzwerk kritisiert fehlenden politischen Willen und schließt daraus, dass „mehr Männer in pädagogischen Einrichtungen politisch nicht wirklich erwünscht sind“.

Die Haupthürde für Jungen, sagt Thomas, sei das Gefühl, „schräg angeguckt zu werden“. Entscheide sich eine Frau für diesen Beruf, sei alles in Ordnung, bei einem Mann nicht. Dabei komme ein Mann bei den Schülern sehr gut an: „Als Mann sind Sie in der Grundschule der Star.“ Zudem sei die Arbeit „dankbar“, man werde von Kindern „ohne weiteres vorbehaltlos geliebt“.

Oder Erzieher in der Kita. Denn auch dieses Arbeitsfeld ist fast vollständig weiblich besetzt. Und auch hier gilt: Der Mann in der Kita ist der Größte. Aber ob sich deshalb künftig mehr Männer für diesen Beruf entscheiden, ist fraglicher denn je. Erste Ergebnisse einer noch laufenden Studie am Institut für Hochschulforschung der Universität Halle-Wittenberg zeigen: Die fortschreitende Akademisierung im Bereich Frühpädagogik hat zu einem Männerverlust geführt. An den bisherigen Ausbildungsstätten, den beruflichen Schulen, waren noch 15 Prozent der Auszubildenden männlich, an den Hochschulen hatten sich nur noch 8 Prozent Männer eingeschrieben. „Die Hochschulen haben das Gender-Problem in diesem Bereich noch nicht auf dem Schirm“, sagt Studienleiter Johannes Keil. Initiativen, um auch Männer in das Frühpädagogik-Studium zu locken, seien deshalb dringend notwendig. Die relativ geringe Bezahlung von Erziehern könne nicht der Grund sein, heißt es vom Männernetzwerk Manndat: Der Erzieher verdiene etwa so viel wie der Mechatroniker. Auch Johannes Keil sieht das so: „Es ist keine Frage des Geldes. Die Frage heißt eher: Würden Männer auch fremden Kindern Windeln wechseln?“

Noch immer sehen viele Frauen im Studium eine Art Überbrückung bis zur Heirat, sagt die Soziologin Cornelia Koppetsch.

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