21.08.2006 · Das Leben und Lernen in Argentinien und vor allem in der Hauptstadt Buenos Aires ist anders. Dies erkennen deutsche Studenten schnell. Vor allem die strenge Bürokratie und das lockeres Zeitgefühl sind gewöhnungsbedürftig.
Von Kerstin Liesem„Die Leute hier in Buenos Aires sind einfach herzlich, offen und hilfsbereit“, schwärmt Charlotte Eisenberg. „Und sie verbreiten gute Laune, auch wenn mal etwas nicht so gut läuft.“ Die 24 Jahre alte Hessin studiert in der argentinischen Hauptstadt evangelische Theologie am Instituto Superior Evangélico de Estudios Teológicos, kurz Isedet genannt. Eigentlich wollte sie nur ein Jahr in Südamerika bleiben. „Aber es gefällt mir so gut, daß ich noch mal ein halbes Jahr verlängert habe.“
Wie hat es sie vom malerischen Heidelberg in die pulsierende argentinische Hauptstadt verschlagen? „Das war eher Zufall“, sagt sie und lacht. „Ich wollte nach Lateinamerika. Vor allem, weil ich mich für die Befreiungstheologie interessiere.“ Deshalb hat sie verschiedene Hochschulen in Lateinamerika angeschrieben. „Und das Isedet hat sich gleich am nächsten Tag gemeldet und mir Informationen geschickt.“
Vorlesungen meistens zwischen 17 und 21 Uhr
So hat sich Charlotte Eisenberg für die Stadt am Rio de la Plata entschieden. Bereut hat sie ihre Wahl nicht. Seit über einem Jahr genießt sie die persönliche Atmosphäre an der kleinen evangelischen Universität, „an der jeder jeden kennt“. Schließlich leben und lernen die Studenten in der Diaspora. Denn Argentinien ist ein katholisches Land - über 90 Prozent der knapp 40 Millionen Einwohner erkennen den Papst in Rom als ihr Oberhaupt an. Nur zwei Prozent der Bevölkerung sind Protestanten. Evangelische Universitäten unterstützt der Staat nicht.
So ist auch das Isedet eine private Hochschule, die sich vor allem über Studiengebühren finanziert. Die Studenten zahlen, für jeden Kurs sind umgerechnet 70 Dollar pro Semester fällig. Die meisten Studenten müssen tagsüber arbeiten, um sich ihr Studium leisten zu können. Die Vorlesungen finden in der Regel abends zwischen 17 und 21 Uhr statt. „Dafür bemühen sich Professoren und Hochschulverwaltung auch um jeden einzelnen.“ Das Studium sei wesentlich verschulter und strukturierter als in Deutschland. Auf der anderen Seite jedoch auch praxisnäher.
„Hier schlägt die argentinische Bürokratie zu“
Alle Studenten müssen vor ihrer Immatrikulation ein einjähriges Gemeindepraktikum absolvieren. „Engagement in der Kirchengemeinde ist Voraussetzung für das Theologiestudium.“ Die Studenten wüßten, was später einmal auf sie zukomme, und seien deshalb auch viel gefestigter als ihre Kommilitonen zu Hause, findet Eisenberg. Aber auch mit organisatorischen Fragen würden die ausländischen Studenten nicht allein gelassen. Eine Unterkunft finden? „Kein Problem, die Hochschule hat ein Studentenwohnheim.“ Schwieriger werde es für denjenigen, der privat unterkommen will.
Er braucht nämlich jemanden, der für ihn bürgt. „An diesem Punkt schlägt die argentinische Bürokratie zu.“ Bürgen können nämlich nicht etwa die Eltern im fernen Deutschland. Nicht einmal Argentinier, die in irgendeinem Teil des weitflächigen Landes leben, finden Gnade vor den gestrengen Augen des Gesetzes. Nein, Bürge kann nur werden, wer in der Hauptstadt Buenos Aires wohnt. „Und so jemanden, der auch noch für einen Ausländer geradestehen möchte, muß man erst einmal finden.“
Touristen- statt Studentenvisum ist einfacher
Einen ersten Eindruck von der Bürokratie in Argentinien hat Eisenberg schon bei der Vorbereitung ihres Auslandsaufenthaltes bekommen. „Was die alles für das Studentenvisum haben wollten, war völlig unverhältnismäßig“, stöhnt sie. Sogar einen Aids-Test habe sie machen müssen. Nachdem sie alle Unterlagen eingereicht hatte, habe sie noch mehrere Monate auf das Visum warten müssen. „Das Studentenvisum ist nicht nur eine zeitraubende, sondern auch eine teure Angelegenheit“, bestätigt der Berliner Michael Schmitt, der an der Universidad Católica Argentina Buenos Aires Betriebswirtschaft studiert hat.
Sein Tip: einfach mit einem Touristenvisum einreisen. Zwar gelte dieses nur für drei Monate, könne danach aber immer wieder um weitere drei Monate verlängert werden. Und zwar durch Aus- und Einreise. „Da fährt man eben mal mit der Fähre über den Rio de la Plata ins benachbarte Uruguay.“ Eine Fahrt nach Colonia dauere rund eine Stunde, und schon sei man im Ausland. „Die Bürokratie in Argentinien geht mir schon auf die Nerven“, sagt Eisenberg. „Aber geklappt hat alles doch irgendwie.“ Gewöhnungsbedürftig sei auch, wie die Südamerikaner mit der Zeit umgingen, sagt Michael Schmitt.
Keine Fahrpläne bei öffentlichen Verkehrsmitteln
„Die denken sich nichts dabei, zu Verabredungen eine halbe Stunde zu spät zu kommen.“ Das sei normal. „Manchmal muß man auch zwei Stunden warten. „ Auch in der Universität nähmen es die Professoren mit dem Vorlesungsbeginn nicht allzu genau. „Als ich das gewußt habe, bin ich eben auch später gekommen“, sagt Schmitt. Bei den öffentlichen Verkehrsmitteln gibt es keine Fahrpläne. „Wenn man mit einem Bus, einem sogenannten ,colectivo', fahren will, dann stellt man sich an eine Haltestelle und streckt den Arm heraus. Dann hält der Bus.“ Das klappe erstaunlich gut. Busse und U-Bahnen fahren regelmäßig.
An einer anderen argentinischen Eigenheit hatte der 26 Jahre alte Schmitt, der jetzt wieder in Darmstadt studiert, viel mehr zu knabbern: Seine neuen argentinischen Bekannten beraumten vollmundig Treffen an, kamen dann selbst aber nicht. „Ich habe am vereinbarten Ort gestanden und gewartet. Zuerst habe ich gedacht, die wollten mich abschütteln.“ Erst nach einigen Wochen habe er herausgefunden, daß keine böse Absicht dahintersteckte.
„Ist ja auch nicht so schlimm“
„In ihrer temperamentvollen Art haben sie einfach erzählt, was man machen und wo man sich treffen könnte, ohne daß sie das tatsächlich als feste Verabredung gesehen hätten.“ Ein Mentalitätsunterschied. „Ist ja auch nicht so schlimm, man muß es nur wissen“, sagt sein gleichaltriger Kommilitone Lars Lehmann. „Wenn wir uns wirklich verabreden wollten, haben wir unsere Freunde eben dreimal daran erinnert und kurz vorher noch einmal angerufen.“
Wenn sie sich dann aber getroffen hätten, dann hätten sie die ganze Nacht durchgefeiert. Diskotheken und Clubs gebe es in Buenos Aires genug. Und für Deutsche ist das Ausgehen durchaus erschwinglich. „Die Lebenshaltungskosten liegen bei einem Drittel von denen in Deutschland“, sagt Schmitt. So läßt sich auch das außerstudentische Leben in Argentinien genießen. So richtig beginnt das Nachtleben erst um zwei Uhr morgens. „Und dann geht es rund bis acht Uhr früh. Das muß man ihnen lassen, die Argentinier haben Feuer, Lebensfreude und wenig Berührungsängste“, sagt Lehmann und grinst.
„Gott ist Argentinier und wohnt in Buenos Aires“
Ganz unbekümmert sei er als deutscher Austauschstudent von einem Kommilitonen aufgefordert worden: „Dame un beso, gib mir einen Kuß.“ Kein Grund zur Aufregung, sagen Schmitt und Lehmann. Begrüßungsküsse - auch unter Männern - seien völlig normal und dürften nicht mißverstanden werden. So seien sie eben, die Argentinier: herzlich und überschwenglich. „Dazu patriotisch, selbstbewußt und stolz“, fügt Eisenberg hinzu. „Gott ist Argentinier und wohnt in Buenos Aires, für Argentinier ist das keine Frage.“
Auf der anderen Seite könnten die meisten Argentinier nicht nein sagen. Sie kommunizierten zwar wesentlich freundlicher und offener als die Deutschen, aber auch indirekter. „Man muß oft zwischen den Zeilen lesen“, sagt Lehmann. Ein deutliches Nein sei seinen Freunden nur selten über die Lippen gekommen. Vielmehr mogelten sie sich mit Redewendungen wie „ich versuche es“ oder „vielleicht“ um eine klare Absage herum. Auch ein lässig dahingeworfenes „sí“ heiße bei den Südamerikanern noch lange nicht „ja“. „Es kann ,ja' bedeuten, es kann aber auch ,vielleicht' heißen“, sagt Schmitt. Um herauszufinden, was sie wirklich meinen, muß man sie näher kennenlernen. Selbst dann bleibe vieles schleierhaft. „Aber so wurde es wenigstens nie langweilig. Argentinier leben mit und in ihren Geheimnissen.“