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Stichprobe Wie Studenten denken

 ·  An den Universitäten herrscht eine große Hilflosigkeit vor Texten und ein Mangel an Urteilskraft. Das zeigen etwa die hier dokumentierten Versuche von Studenten, eine Karikatur zu verstehen.

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© Greser & Lenz

Die eigentliche Revolution des Bildungssystems, so die dafür zuständige Ministerin Schavan, sei die Revolution der Lernkultur. Was sie damit meinen könnte, wird angesichts der dramatischen Veränderungen im gesamten Bildungswesen zunehmend deutlich. Mit der Bachelor- und Modularisierung ihrer Studiengänge schließt die Universität nahtlos an die schulische Praxis der Wissensvermittlung an, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit zu vermitteln, ohne die lästige Frage zu stellen, was sich denn eigentlich zu wissen lohnt, und die Kunst zu lehren, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.

Das relevante Wissensformat einer solchen allein an der Normativität des Faktischen orientierten Informations- und Mediengesellschaft ist das jeweils für aktuell erklärte „Lehrbuch“ sowie die in Skripten und Powerpoint-Präsentationen niedergelegten Auffassungen des Dozenten, also das „prüfungsrelevante Kompaktwissen“. Das „Design der Module und der Aufbau des Studiums“, so die Hochschulrektorenkonferenz, „fokussiere auf die zu erwerbenden Kompetenzen und damit auf die ,Learning Outcomes’ der Studierenden“.

Der Student lernt dementsprechend Antworten auf Fragen auswendig, die er selbst nie gestellt hätte. Ein Problem als Problem zu behandeln, eine Frage als Frage zu erörtern ist daher nicht das Ziel modularisierter Vorlesungen. Es werden nur Fragen gestellt, auf die es auch eine Antwort gibt, Beobachtungen gemacht, aus denen sich Regeln ableiten lassen. Die Erkenntnisse der Forschung werden auf Merksatzformate eingedampft, Lehrstreitigkeiten gelten als entschieden.

Karikatur mit drei „r“

Im Getriebe der mit der Erhöhung der Studierendenzahlen verbundenen Exzellenz- und Prominenzrhetoriken ist eine ganz wesentliche Frage nahezu vollständig in den Hintergrund getreten: Was, aber vor allem wie denken unsere Studenten?

Im vergangenen Wintersemester habe ich in der Abschlussklausur zur Vorlesung „Einführung in die Soziologie“ neben drei anderen, ebenfalls offen gestellten Fragen die Studierenden gebeten, die obenstehende Karikatur von Greser & Lenz zu kommentieren. Dabei ging es mir darum festzustellen, ob junge Leute mit Abitur in der Lage sind, ein eigenständiges Urteil zu begründen. Es geht mir nicht darum, die Studierenden zu blamieren, indem man auf die verbreiteten Grammatik- und Satzbaufehler oder die mangelnde Textkohärenz hinweist. Die Auswahl der nachfolgenden Zitate (die immer einer anderen Klausur entnommen wurden) kann den Gesamteindruck aller Kommentare nicht annähernd wiedergeben. Um ihre Lesbarkeit zu erleichtern, wurden die Textauszüge von gröbsten Schnitzern befreit. Eine Mehrheit der 157 Klausurteilnehmer erkennt in den dem Lehrer gegenübersitzenden Menschen „Eltern“ (Elternsprechtag!), immerhin zwölf Studierende schreiben „Karrikatur“ mit drei „r“.

„Die Mutter wirkt auf uns traditionell und altmodisch. Durch Kleidung, Frisur und Brille machen wir uns ein Bild von ihr und urteilen womöglich sogar über ihren Erziehungsstil. Dies alles zeigt uns, dass wir Kultur brauchen, um die Karikatur zu verstehen.“

„In der Karikatur sieht man zum einen ein Elternpaar. Der Vater ist ein Skinhead, und die Mutter ist wegen ihres Kopftuchs als Muslimin zu erkennen. Dies allein ist schon ein krasser Gegensatz, der nicht passt.“

„Da wir unser Handeln immer auf andere beziehen, kann es sein, dass der Sohn von seinen Eltern verprügelt wurde und dieses Handeln nun auf seinen Lehrer überträgt. Eine unbeabsichtigte Nebenwirkung ist aus dem Handeln der Eltern entstanden.“

„Allgemein wird angenommen, dass man immer so handelt, als würde man von jemand Drittem beobachtet und es demnach kein sinnloses Handeln gibt.“

„Der Lehrer mit dem blauen Auge attestiert den Eltern des aggressiven Sohnes, dass dieser eben kein Choleriker sei, sondern emotional intelligent. Die Karikatur verdeutlicht die differenten Ansichten über die Tatsache dass der Sohn den Lehrer verhauen hat.“

„Der Karikaturist könnte damit aussagen wollen, dass man Autoritätspersonen nicht blind folgen und gehorchen soll. Das blaue Auge steht hier für den Widerstand, und der Lehrer selbst sagt aus, dass der Sohn emotional intelligent ist.“

„Der Lehrer scheint also ein Verfechter der antiautoritären Erziehung zu sein, der seine Schüler also nicht einschränken, sondern ihre Fähigkeiten fördern möchte. Dabei ist ihm nicht nur die geistige Intelligenz, sondern auch die emotionale Intelligenz ein Anliegen.“

„Der Sohn, so scheint es, hatte eine solche Wut auf den Lehrer, dass er ihn geschlagen hat. Er hat der Wut also nachgegeben und konnte sich (so vermute ich) so von ihr befreien. Die Befreiung kann als durchaus intelligent bezeichnet werden und emotional war sie sicherlich auch.“

„Die Karikatur soll zeigen, dass ein Mensch nicht als rein rational denkendes Wesen betrachtet werden kann. Der Mensch handelt nicht immer vernünftig, er ist bis zu einem gewissen Grad wie das Tier Instinkten und Emotionen unterlegen, die er nicht beeinflussen kann. Diese Situation, bei der die Rationalität ,ausgeschaltet’ ist, nennt man affektuelles Handeln.“

„Der Lehrer vertritt einen recht soziologischen Standpunkt, indem er den Jungen nicht für sein von der Gesellschaftnorm abweichendes Verhalten verurteilt und ihm seine Intelligenz abspricht, sondern unbefangen an die Situation herangeht. Wer hat schließlich Intelligenz definiert? Der Lehrer hat somit ein anderes Bewusstsein für Intelligenz als die Gesellschaft.“

„Im Differenzierungsprozess wird Wert darauf gelegt, dass jeder Mensch ein Individuum ist und auf besondere Weise einzigartig ist. Deswegen ist der kleine Junge kein Schläger, sondern ,emotional intelligent’.“

„Es geht hier um Macht des Sohnes. Machtmittel ist die Gewalt. Der Lehrer unterstützt den Sohn, da der Sohn die Herrschaft hat, er hat bzw. ergreift die Chance für einen Befehl bestimmten Inhalt bei dem Lehrer Gehorsam zu finden und der Befehl, der Wille des Sohnes bzw. des Herrschenden beeinflusst das Handeln des Lehrers, bzw. des Beherrschten. Dieser Befehl macht den Lehrer gehörig. Der Sohn ist in einer höheren Hierarchiestufe.“

„Eine Anspielung in dieser Karikatur könnte auch sein, dass die Gesellschaft auch immer in verschiedene Schichten untergliedert ist und sich die weniger priviligierten ihr Recht auf eine andere Art und Weise erwerben! Denn nicht die Autorität, sondern die Wahrheit schafft das Recht. Und die Wahrheit hier ist, dass der Schüler mehr physische Kraft hat.“

„Doch was bedeutet emotional intelligent? Vermutlich heißt es, dass der Sohn seine Emotionen offen zeigt, wo andere Schüler diese vielleicht verdrängen oder zurückhalten würden. Somit würde dem Lehrer ersichtlich, dass dieser Schüler besonders emotional intelligent ist, da dieser mehr Emotionen hat als andere Schüler. Er fällt kein Urteil über die Tat, sondern klärt die Eltern zufriedenstellend nur über das Geschehene auf.“

„Die Grundeinstellungen des Lehrers und des Sohnes sind verschieden geworden. Der Sohn hat zwar nie soziologisch gehandelt und ihm präsentierte und vorgelebte Zustände hinterfragt. So gesehen ist er intelligent, da er sich seiner Umgebung anpasst.“

„Der Junge kann sich vielleicht nicht durch Fachwissen auszeichnen, ist aber ein durch Emotionen geleiteter Mensch und könnte so im Leben erfolgreich sein, wenn er diese kontrollieren könnte.“

„Der Sohn ist emotional intelligent und bezieht sein Wissen nicht aus Literatur oder naturwissenschaftlichen Gesetzen. Er ordnet sein Wissen emotional, und für diesen Anlass scheint ein Faustschlag in das Auge des Lehrers emotional richtig!“

„Der Lehrer schätzt wert, dass der Schüler sein emotionales Bewusstsein dazu genutzt hat zu erkennen, dass er sich wehren kann. Der Schüler . . . erfüllt damit diejenige Erwartung, die in ihn gestellt wird. Schon Rousseau sagte: ,Der Mensch ist frei geboren, aber überall liegt er in Ketten.’ Diese Ketten hat der Schüler versucht zu sprengen.“

„Damit meint er, dass der Sohn sich enttraditionalisieren will von dieser Herrschaftsform und eine neue Dynamik in die Gesellschaft bringen will. Durch diese Selbstautorisierung möchte er sich sozial differenzieren und individualisieren. Es kann aber auch sein, dass der Sohn das Verhalten, was er von zu Hause kennt, auf die Schule reflektiert. Vielleicht streiten sich die Eltern zu Hause so heftig, dass er dieses Verhalten schon übernommen hat.“

„Emotional intelligente Menschen wissen, was sie wollen. Sie lassen sich von ihren Gefühlen, ihren Emotionen leiten und nutzen diese als Handlungsrahmen. Da der Mensch sich selbst fremd ist, hat er kaum eine Wahl, als auf sein Inneres zu hören und aus dem Affekt zu handeln.“

„Emotionales Wissen wird von einem selbst gesteuert. Es ist subjektiv und passiert von mir aus. Der Schüler reagiert mit Gewalt auf d. Lehrer. Er handelt somit nur rational, ohne über sich nachzudenken“.

„Durch die Modernisierung des gesamten Lebens, insbesondere der Gesellschaft, sind die Normen und Traditionen aufgrund der viel komplexeren gesellschaftlichen Zusammenhänge nicht mehr so stark bzw. haben durch die Enttraditionalisierung an Wert und Gewicht verloren. Durch die Enttraditionalisierung entstand eine viel größere Autonomie in allen Lebensbereichen, es gab eine Abkehr von herkömmlichen Autoritäten, eine Verbürgerung der Gesellschaft.“

„Der Sohn dieser Eltern lässt seine Wut zweckrational heraus. Dies soll dem Sohn helfen, sich abzureagieren. Er könnte aber auch wegen seines affektuellen Gemüts zur Cholerik neigen.“ „Kann man dem Schüler einen Vorwurf machen? Es heißt, das Individuum wird von der Gesellschaft hervorgebracht, die ihm bestimmte Leistungen abverlangt. Seit die derzeitige Gesellschaft auf persönliche Entfaltung und Individualisierung besteht, hat der Schüler nur nach ihren Vorgaben gehandelt.“

Ignoranz im Gewand der Toleranz

Die Verwirrungen, die angesichts des unvermittelten Nebeneinanders miteinander unvereinbarer Interpretationen deutlich werden, sind mit dem bekannten Begriffsapparat des Kulturpessimismus nicht zu beschreiben. Es scheint, als habe sich die Ignoranz im Gewand der Toleranz gegenüber allem und jedem im Chaos der Beliebigkeiten zur Kulturtechnik entwickelt. Wer keine Idee habe, meinte Chesterton, dem steige die erstbeste direkt ins Hirn.

Wenn alles Mögliche gedacht und alles Denkbare auch gemacht werden kann, warum sollte man es dann nicht auch einmal mit dem Gegenteil versuchen? Die Welt ist das, was der Fall ist, von ihr berichten das Fernsehen und das Internet, die Hinterwelt heißt Kultur, die man hat, aber über die man nicht verfügt. Hinzu kommt: Begriffe sind längst nicht mehr Werkzeuge des Denkens, sondern Signalflaggen zur zeitweisen Konstruktion von Erfahrungs- und Kommunikationsgemeinschaften. Dies führt zu einer Erweiterung und Beliebigkeit der Begriffsräume, die nicht auf Urteilsfähigkeit oder Sprachkompetenz beruhen, sondern auf Zustimmungsbereitschaft im Medium der Öffentlichkeit.

Der ideenpolitische Opportunismus, so schrieb bereits Arnold Gehlen, habe zu einer Haltung geführt, „die im Alltag fünf gerade sein lässt, die das Abwarten, wer gewinnt, und in welcher Richtung man den eigenen Mantel in den Wind hängen sollte, für Lebensklugheit hält. Man entscheidet selbst, was gut und böse ist. Die Realität passt sich der Wortwirklichkeit an“, die Tatsachen und Menschen entwickeln sich sozusagen in das Gerede von ihnen hinein. Ich glaube, dass es an der Zeit ist, sich über die Folgen dieser „Revolution“ im Bildungswesen Klarheit zu verschaffen. Dazu gehört nicht zuletzt auch eine Diskussion darüber, wer von der Verabschiedung der Bildung an den Gymnasien und der Entakademisierung der Universitäten profitiert hat.

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Georg Kamphausen lehrt Soziologie an der Universität Bayreuth.

Quelle: F.A.Z.
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