04.12.2004 · Auf dem Absolventenkongreß suchen Unternehmen nicht nur Mitarbeiter, sondern auch ein besseres Image. Viele Bewerber haben trotz einer guten Qualifikation Probleme bei der Stellensuche.
Von Bernd MikoschAlexander Mischner nimmt kein Blatt vor den Mund. Der Psychologiestudent von der RWTH Aachen ist einer von 12 000 Besuchern des Absolventenkongresses in Köln, Deutschlands größter Karrieremesse mit 250 Ausstellern.
Er steht mit vielen anderen meist gut gekleideten jungen Menschen vor dem Messestand von Tchibo und schiebt sich geduldig Meter um Meter vorwärts. Schlange stehen für einen Job bei Tchibo? "Ich bin ganz ehrlich: Da gibt's Kaffee", sagt Mischner. Tatsächlich, um die Ecke schenkt das Hamburger Unternehmen sein bekanntestes Produkt aus.
Nicht nur auf Bewerberfang
Natürlich gibt es auch Kaffeetrinker, die sich für eine Stelle bei Tchibo interessieren. Zehn bis zwölf Traineeplätze hat das Unternehmen 2005 zu vergeben. "Für diese Stellen bekommen wir mehrere tausend Bewerbungen", sagt Anne Schafmayer. An der Referentin für das Nachwuchsprogramm kommt kein Bewerber vorbei: Sie führt die Telefoninterviews, mit denen der Kaffeeröster die Kandidaten für das Assessmentcenter aussucht. "Wir brauchen den Absolventenkongreß nicht, um genügend Kandidaten zu finden", ergänzt Elisabeth Engel, Leiterin des Personalmarketings. "Wir nutzen den Kongreß, um uns als attraktiver Arbeitgeber zu präsentieren. Bei Tchibo kann man nicht nur in der Filiale hinter dem Tresen arbeiten, sondern auch im Controlling, Einkauf oder Marketing."
Die Allianz hat ein ähnliches Problem: "Viele Absolventen denken bei der Allianz an die Versicherungsagentur im Dorf, dabei bieten wir unzählige spannende Jobs", sagt Diana Seibold, Leiterin des Personalmarketings beim Münchner Versicherungsriesen. Die Präsenz auf dem Absolventenkongreß habe noch einen schönen Nebeneffekt: "Die Besucher sollen später natürlich alle mal Allianz-Kunden werden." Der Versicherer nehme gerne Bewerbungsunterlagen guter Kandidaten aus Köln mit, die Personalauswahl geschehe aber in München.
Rekrutierung mit Image
Was Tchibo und die Allianz in Köln betreiben, nennt sich Arbeitgebermarketing. Bei einem Unternehmen mit einem guten Image, so der Gedanke, bewerben sich die besten Kandidaten. Allein für die Rekrutierung von Mitarbeitern würde sich der Messebesuch kaum rechnen: Der Quadratmeter Standfläche kostet bis zu 250 Euro, fertig eingerichtete Messepavillons gibt es für 5500 bis 24 500 Euro. Dazu kommt die Arbeitszeit, die Personaler und Fachkräfte auf der Messe investieren. Ist der Absolventenkongreß also nicht mehr als eine Plattform für Unternehmen, die ihr Image bei der jungen Generation aufbessern wollen? Philips zumindest nutzt den Kongreß anders: "Bei uns steht tatsächlich die Rekrutierung im Vordergrund", sagt Frank Suntinger, Leiter des Philips-Personalmarketings.
Der Elektronikkonzern will im kommenden Jahr 350 Hochschulabsolventen einstellen. Studenten und Absolventen konnten sich vor der Karrieremesse im Internet auf eine Stelle bewerben, in Köln fanden richtige Bewerbungsgespräche statt. In wenigen Tagen werden die Kandidaten wissen, ob sie ins Assessmentcenter eingeladen werden. Die in Köln Auserwählten haben gute Chancen, wie Suntinger erläutert: "Nahezu alle Kandidaten, die wir im vergangenen Jahr nach einer Bewerbung auf dem Absolventenkongreß ins Assessmentcenter geladen haben, haben wir auch eingestellt."
Konkurrenz der Talente
Auch für die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young sei die Rekrutierung das entscheidende Ziel, schließlich wolle man im kommenden Jahr 700 Hochschulabsolventen einstellen. "Wichtig ist aber auch, auf dem Bewerbermarkt präsent zu bleiben", sagt Klaus Dyck, der für das Personalwesen verantwortliche Partner bei Ernst & Young. "Der Markt dreht sich. In zwölf oder 18 Monaten rechnen wir wieder mit einem war for talents'." Noch scheint es, als sei nicht der Kampf um Talente ausgebrochen, sondern der Kampf der Talente. Praktika, Auslandsaufenthalte und Fremdsprachenkenntnisse sind fast eine Selbstverständlichkeit in den Lebensläufen. Die junge Dame, die im Zug nach Köln ihr Leid klagt, ist kein Einzelfall: sehr gutes BWL-Examen, deutsch-französisches Doppeldiplom, hochwertige Praktika und trotzdem seit Monaten vergeblich auf Stellensuche.
Immerhin wirkt sie nach zahlreichen Bewerbungsgesprächen und Assessmentcentern abgeklärter als andere Kandidaten, die ihre ersten Schritte auf dem Bewerbermarkt wagen. Das beginnt bei der Kleidung: Oft ist die Krawatte zu kurz gebunden. Manche tragen ihren Rucksack über dem Kostüm, andere kommen in Jeans und Pulli. Weitere Fallstricke lauern in der Ansprache. "Äh, kann ich Ihnen einfach meine Mappe dalassen?" fragt ein Student am Stand von Gerolsteiner. Dirk Hoffmann, Leiter Personalmanagement des Unternehmens, legt die Bewerbungsunterlagen zu den anderen Mappen. 500 bis 1000 Bewerbungen muß er nach dem Kongreß sichten. Zu bieten hat er zwei oder drei Traineestellen.
Schnellboot gegen Tanker
Ein BWL-Student der Uni Oldenburg geht das Gespräch keine 20 Meter weiter am Stand des Discount-Händlers Norma geschickter an: "Sehe ich das richtig? Der schöne Wagen dort könnte mal meiner sein?" Tatsächlich hat Norma einen schwarzen Audi in den dritten Stock der Messehalle hieven lassen - so sieht der Dienstwagen für den Managementnachwuchs aus.
Niederlassungsleiter Jörg Seegardel glaubt nicht, daß ihm die Konkurrenten von Lidl und Aldi, die sich in Sichtweite positioniert haben, die besten Bewerber wegschnappen. Er sieht Norma "als Schnellboot, das immer ein bißchen fixer ist als der große Tanker Aldi". Auf dem Stand des Schnellbootes stehen Stühle und Bistrotische, wie auf der Terrasse eines Eiscafés.
Der Beamtendienst bietet Sicherheit
Ein Stockwerk tiefer geben sich die Unternehmensberater von Accenture betont dezent: cremefarbener Teppich, unauffällige Sesselchen, Wände aus hellem Buchenholz. Hier parkt keine Limousine neben dem Stand, obwohl die Berater natürlich einen Dienstwagen bekommen. 750 Absolventen will Accenture 2005 einstellen, und die Veranstaltung in Köln soll bei der Auswahl helfen. "15 bis 20 Prozent unserer Einstellungen beruhen auf Kontakten, die wir auf dem Campus und Karriereveranstaltungen geknüpft haben", sagt Simone Spacke, die das Rekrutierungsmarketing bei Accenture leitet. Jeden Monat bekommt sie 800 Bewerbungen.
Wenn Henning Thiele Absolventen anspricht, kann er nicht wie die Beratungsunternehmen mit hohen Gehältern locken, auch nicht mit einem Jet-set-Leben oder ständig neuen Projekten. Er hat jedoch einen Trumpf auf der Hand, der vor einigen Jahren noch keiner war: die Beamtenlaufbahn. Sicherheit. "Wir sind ein Stück weit berechenbarer als Arbeitgeber aus der Industrie", sagt Thiele. Er gehört zum Team Nachwuchswerbung des Bundesamtes für Wehrtechnik und Beschaffung, Deutschlands größter technischer Behörde. 150 Ingenieure stellt das Amt 2005 ein, mit FH-Diplom für den gehobenen Dienst, mit Uni-Diplom für den höheren Dienst. Thiele bestreitet zwar, daß immer mehr junge Menschen bei ihm arbeiten wollen, weil in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit die Beamtenlaufbahn als sichere Bank lockt. Aber er gibt zu, daß das Sicherheitsbedürfnis derzeit ein "relevanter Punkt" sei. Wie groß der Wunsch nach einem Behördenstuhl bei Ingenieuren der Elektro- und Nachrichtentechnik ist, von denen Thiele Dutzende sucht, ist jedoch fraglich. Gerade diese Fachrichtungen sind schließlich auch in der Industrie gerne gesehen.
Beliebte Arbeitgeber brauchen den Kongreß nicht
Porsche dagegen hat wohl kein Problem, qualifizierte Bewerber in ausreichender Anzahl zu finden. "Porsche hat ein tolles Produkt, ein tolles Image und führt regelmäßig die Rankings der beliebtesten Arbeitgeber an", sagt Jörg Dassel. Er arbeitet nicht bei Porsche, sondern bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers (PwC). Porsche fehlt auf dem Absolventenkongreß, genau wie BMW oder Daimler-Chrysler - deren Arbeitgebermarketing kommt offensichtlich ohne Karrieremessen aus. "Im Gegensatz zu Porsche ist unsere Leistung abstrakt. Das macht es nicht einfacher, uns auf dem Arbeitgebermarkt zu positionieren", sagt Dassels Chef Bernhard Riester, der für Personal zuständige Partner bei PwC. Die abstrakte Leistung der Wirtschaftsprüfer schreckt die Absolventen nicht ab. 800 Bewerbungen sammelt PwC auf dem Kongreß ein.
Thomas Kohlhase war mit dem Gespräch bei PwC über einen möglichen Einstieg in der Bankenprüfung sehr zufrieden. Ganz glücklich wirkt er trotzdem nicht: "Wenn ich schon einen Job hätte, wäre ich nicht hier." Mit seinem Profil hätte sich der 26 Jahre alte Kölner noch vor wenigen Jahren keine Sorgen um eine gute Stelle machen müssen: Ausbildung bei der Deutschen Bank, schnelles BWL-Studium, Praktika bei einer Investmentbank und einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Porsche, der Premium-Arbeitgeber, kann sich den Absolventenkongreß sparen. Für Premium-Bewerber gilt das offensichtlich nicht.