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Sprungbrett Bundeswehr Tausche Uniform gegen Blaumann

 ·  Auf der Suche nach gut ausgebildetem Personal entdecken Arbeitgeber die Bundeswehr. Denn Zeitsoldaten können Förderprogramme nutzen, bevor sie die Truppe verlassen. Das macht sie wertvoll.

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© Cyprian Koscielniak

Der General findet deutliche Worte: Die personelle Einsatzbereitschaft der Bundeswehr sicherzustellen, das sei „die strategische Herausforderung der Zukunft“. Die Pflicht ist der Freiwilligkeit gewichen. Die Streitkräfte sind damit umso mehr gefordert, sich als attraktiver Arbeitgeber zu profilieren. Das Risiko eines Auslandseinsatzes, Belastungen für die Familie durch Wohnortwechsel, die Zugehörigkeit zu einem System, das sich gewissermaßen in einem Dauer-Reformzustand befindet - dafür muss der Dienstherr was bieten.

Der Berufsförderungsdienst (BFD) ist für die Armee dabei von zentraler Bedeutung. Generalleutnant Wolfgang Born bestellt dieses Feld, das bei vielen Soldaten einen guten Ruf hat. Von einer delikaten Sache, wie man sie oft beim Militär findet, kann bei dem gut 52 Jahre alten zivil-militärischen Gemeinschaftsprojekt keine Rede sein.

Er kam als Geselle, er ging als Meister

Acht Jahre war Enrico Göppert Soldat. Zuvor hatte der Stabsunteroffizier a. D. eine Kfz-Mechaniker-Lehre bei Mercedes absolviert. Doch ein Gesellen-Dasein wollte er nicht ewig fristen. Nachdem Göppert zu Beginn seiner Dienstzeit im Jahr 2003 erstmals von den Angeboten des BFD erfahren hatte, reifte der Gedanke an den Meisterbrief. Noch während der Dienstzeit bestand er seine Eignungsprüfung zum Ausbilder und begann seine Weiterbildung im Meisterhandwerk für das Kfz-Gewerbe in Lübeck - alles bezahlte der Dienstherr. Ende Juli 2011 hielt er schließlich den Meisterbrief in der Hand.

Er kam als Geselle und ging als Meister. Dass Göppert voll des Lobes für dieses Angebot des Militärs ist, überrascht daher nicht: „Mir wurden keine Steine in den Weg gelegt und die Beratung war überzeugend.“ Seit Anfang dieses Jahres arbeitet der 29-Jährige als Ausbildungsmeister für die Handwerkskammer in Lübeck.

Bei acht Jahren Dienst darf sich ein Soldat 36 Monate weiterbilden

Mittlerweile verfügt die Bundeswehr über ein ausgeklügeltes System der Berufsförderung, das sich nach der Laufbahnzugehörigkeit und der Verpflichtungsdauer bemisst. Einem Zeitsoldaten, der wie Göppert acht Jahre seinen Dienst verrichtet, stehen 36 Monate zur Verfügung, in denen er sich schulisch und beruflich weiterbilden kann - am Ende und nach der Wehrdienstzeit.

15 Monate davon kann er sich sogar komplett vom Militärdienst freistellen lassen. Für all das darf er bis zu 8500 Euro aufwenden. Der einstige Instandsetzungsunteroffizier Göppert hat sein Budget noch nicht ganz aufgebraucht. Ihm bleiben, schätzt er, immer noch rund 1000 Euro. Göppert überlegt damit noch eine Weiterbildung zum Servicetechniker zu machen oder vielleicht den Betriebswirt im Handwerk.

„Kundenorientiert“ aufgestellt: Ein Soldat, ein Berater

Der BFD hat in Deutschland zurzeit 20 regionale Dependancen. Hinzu kommen 95 Standortteams, die direkt in den Kasernen sitzen. Das ist erst seit 2003 so. Bis dahin waren die Berater in den Kreiswehrersatzämtern stationiert und sind zu den Soldaten gefahren. Da diese Aufgabe mal dieser, mal jener Berater übernahm, waren oft mehrere BFD-Mitarbeiter mit einem Soldaten beschäftigt. Diesem fehlte somit der zentrale Ansprechpartner.

Die Reform von 2003 habe den Berufsförderungsdienst „kundenorientiert“ aufgestellt, sagt der Leiter des Berufsförderungsdienstes Neubrandenburg, Birger Schnell. Man versuche jeden Zeitsoldaten mindestens einmal im Jahr zu beraten. Weil jährlich rund 15 000 Zeitsoldaten die Bundeswehr verlassen, ist diese Aufgabe kein Pappenstiel. Trotzdem liegt die Eingliederungsquote, das verrät die Jahresbilanz 2011, bei gut 91 Prozent. Darunter befinden sich mit über 20 Prozent relativ viele Kaufleute und DV-Fachkräfte.

Letzten Endes sei aber jeder Soldat seines Glückes Schmied. Bei ihm, sagt Reserveoffizier Schnell, habe noch nie ein Soldat vor der Tür gestanden und sein berufliches Scheitern beklagt. Interessanterweise meint er einen leichten Unterschied in der Beratung von Männern und Frauen auszumachen. Soldatinnen brächten häufig eine größere Motivation mit als ihre Kameraden. Bisweilen hätten sie konkretere Vorstellungen von ihrem zivilen Berufsweg und erschienen deswegen oftmals besser präpariert zum Gespräch.

Die Bundeswehrreform wird den BFD wohl noch wichtiger machen

Inwieweit der BFD von der Umstellung zur Freiwilligenarmee betroffen sein wird, lässt sich noch nicht absehen. Das Reformkonzept de Maizières sieht bis zu 15 000 freiwillig Wehrdienst Leistende vor. Jeder von ihnen kann in den ersten sechs Monaten fristlos kündigen. Womöglich, mutmaßt Schnell, sei man dadurch „noch stärker in der Bringschuld“.

Als einen „Verlierer der Reform“ betrachtet er den Dienst aber nicht. Auch General Born sieht das so: Gerade weil die Bundeswehr künftig noch stärker ein „Mitbewerber unter vielen“ sei, werde die Bedeutung des Berufsförderungsdienstes für die Wahl des Soldatenberufes weiter zunehmen.

Die Wirtschaft integriert die Soldaten schon während ihres Dienstes über Praktika

“Praktisch ständig in Kontakt mit der Bundeswehr“ steht das Unternehmen Hobas aus Neubrandenburg. Es fertigt glasfaserverstärkte Rohrsysteme für Trink- und Abwasser, Be- und Entwässerung sowie Wasserkraftleitungen für Industrieanlagen. Ein Werk in den Vereinigten Staaten, 300 Mitarbeiter und eine Verdopplung des Umsatzes in den vergangenen fünf bis sechs Jahren - der Betrieb läuft rund. Dementsprechend sei man seit einigen Jahren ständig auf der Suche nach Personal, berichtet Torsten Jagoda.

Seit zweieinhalb Jahren leitet er den Betrieb. Der BFD ist für ihn ein „erfreulicher Zusatz“. Zurzeit absolviere wieder ein Soldat ein Praktikum - über ein Jahr, zwei Tage in der Woche. Dies sei Teil seiner Ausbildung zum Industriekaufmann. Dahinter stecken durchaus konkrete Pläne des Unternehmens. Bewährt sich der Soldat, winkt ihm eine Anstellung. Über diese Schiene sei schon ein anderer Mitarbeiter ins Unternehmen gekommen - ein gelernter Speditionskaufmann, der dann für acht Jahre zur Bundeswehr gegangen sei.

Bei Hobas habe man ihn mit dem Ziel eingestellt, einen neuen Zollbeauftragten heranzuziehen. „Menschlich hat es ganz einfach gepasst“, erinnert sich Jagoda. Dennoch: Die Unterstützung durch den BFD sei zweifelsohne ein „willkommenes Zuckerbrot“. So bekam der neue Mitarbeiter die Lehrgänge für seine Stelle als Zollfachmann wie Warenkunde und Veredelungstechniken von der Bundeswehr bezahlt. Einen Arbeitgeber freut das. Auch zahlt ihm die Armee einen Einarbeitungszuschuss, um gegebenenfalls die Differenz zwischen Lohn und Leistung auszugleichen.

Fremdsprachenkenntnisse und interkulturelle Kompetenz

Von den 160 Angestellten der FWW Fahrzeugwerk GmbH in Helpt haben gut 10 Prozent einen BFD-Hintergrund. Das Unternehmen wartet wehrtechnische Spezialgeräte und setzt sie instand, fertigt Fahrzeuge für die Bundeswehr und die Vereinten Nationen.

Sein Eigentümer Thomas Bockhold nimmt gerne Soldaten. Die würden die Fahrzeuge oft schon aus ihrer eigenen Militärzeit kennen. Zudem schätzt er, dass sich viele seiner Mitarbeiter mit Bundeswehr-Vergangenheit durch die Auslandseinsätze bereits auf internationalem Terrain bewegt hätten. Die Beherrschung einer Fremdsprache und interkulturelle Kompetenz seien gerade für einen Geschäftspartner wie die Vereinten Nationen sehr hilfreich.

Aber unter Arbeitgebern und -nehmern gibt es auch skeptische Stimmen

Wo ist der Haken? Klar ist: Eine Kooperation mit dem BFD kommt nur für solche Unternehmen in Frage, deren Führung dem Militär aufgeschlossen gegenübersteht. Jagoda von Hobas ist genauso Reserveoffizier wie Bockhold von der FWW Fahrzeugwerk GmbH. Berührungsängste haben diese beiden bestimmt nicht. Ein militärischer Hintergrund dürfte aber nicht überall gut ankommen. Das schränkt die Zahl potentieller Arbeitgeber für den Zeitsoldaten ein. Manchem wird es auch schwerfallen, den mitunter langweiligen Kasernentrott abzulegen. Eigenständiges Handeln unter Stress falle anfangs nicht jedem leicht, der gestern noch einen Feldanzug getragen habe, berichtet Jagoda aus seinem Betrieb.

Skeptische Stimmen finden sich auch in Internet-Foren: Man gelte zivil immer noch als Berufseinsteiger, wenn man die Bundeswehr verlasse, moniert dort ein Bedenkenträger. Das sei oftmals mit Gehaltseinbußen verbunden. Für viele „Abgänger“ sei dies ein Problem, da man seinen Lebensstil an die letzten Dienstbezüge angepasst habe. Das BFD-System sei im Grunde ja gut, jedoch nicht so perfekt, wie es die Bundeswehr darstelle. Armee und ziviler Arbeitsmarkt seien zwei Welten, die wenige Parallelen aufwiesen. Im Extremfall, sagt Daniel Scheirich, der für die Stadtverwaltung Worms Unternehmen über das BFD-Angebot unterrichtet, gipfelt das für einen Betriebsleiter in der Frage: „Will ich einen ehemaligen Scharfschützen im Team haben?“

Wer gefördert wird

2011 zählte die Bundeswehr rund 205 000 Soldatinnen und Soldaten.

Im vergangenen Jahr hat der Berufsförderungsdienst (BFD) mehr als 161 000 Soldaten betreut. 2010 lag diese Zahl noch um 21 000 höher. Das bedeutet einen Rückgang von 12 Prozent in 2011.

Knapp 12 000 von ihnen haben 2011 schon während ihrer militärischen Dienstzeit eine Prüfung in einem anerkannten Ausbildungsberuf erfolgreich abgelegt.

Fast 35 000 Anträge auf Förderung der schulischen und beruflichen Bildung bewilligte der Dienstherr seinen Soldaten.

2011 sind bundesweit 91 Prozent der arbeitssuchenden Soldaten im zivilen Arbeitsmarkt untergekommen. Wiederum 91 Prozent gelang dies innerhalb von sechs Monaten.

157 Millionen Euro ließ sich die Bundeswehr die Berufsförderung in 2011 kosten (2009: 139 Millionen; 2010: 148 Millionen).

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