Die Fachsprache der modernen Kommunikationsbranche ist Kauderwelsch und oft ein abenteuerliches Denglisch. Man trifft sich zu Meetings, hantiert mit Tools und erdenkt Strategies. Information sheets werden in Folders sortiert. Man könnte meinen, man spricht Englisch.
Stephanie Kurz und Dennis de la Haye, Brand Consultants bei der Berliner Agentur MetaDesign, bekamen trotzdem spontan kalte Füße, als sie für ein internationales Unternehmen in München zum ersten Mal einen mehrtägigen Workshop vollständig auf englisch moderieren sollten.
Sprachliches Fitneßtraining
Könnte man die englischen Formulierungen doch bloß ins eigene Sprachzentrum downloaden! Stephanie Kurz und de la Haye verordneten sich ein sprachliches Fitneßprogramm: Bis zum großen Auftritt in München sprachen sie untereinander ausschließlich Englisch. „Das klappte jeden Tag ein bißchen besser“, sagt Kurz.
Am Ende klappte es auch mit der Moderation des Workshops. Das Projekt in München ist inzwischen erfolgreich abgeschlossen. Und für ein Berliner Projekt war damit der Startschuß gegeben. Arbeitstitel: „English Friday“.
Skeptische Blicke
Einmal in der Woche beweisen sich seither die Berater von MetaDesign: Man spricht Englisch. „Aus den anderen Abteilungen kamen anfangs skeptische bis spöttische Blicke“, sagt de la Haye und erinnert sich mit einem kurzen Lachen an einzelne Begegnungen am gemeinsamen Kaffeeautomaten.
Erstaunlich wortkarg sei es dort, vor allem morgens, an manchen Freitagen zugegangen. „Die Hemmschwelle, mit deutschen Kollegen Englisch zu sprechen, ist doch ziemlich hoch.“ Manche haben es lieber schriftlich: Um die eigenen Englischkenntnisse unter Beweis zu stellen, nehmen seit einiger Zeit immer mehr Berufstätige und Jobsuchende an einem vom Educational Testing Service entworfenen zweistündigen „Test of English for International Communication“ (TOEIC) teil.
Fragebogen simuliert authentische Situationen
Die Evaluierung des standardisierten 200-Fragen-Katalogs verspricht ein neutrales Urteil, das sowohl Arbeitnehmern als auch Arbeitgebern Gewißheit verschaffen soll. Die Fragen entstammen nach offiziellen Angaben authentischen Situationen des internationalen Berufslebens wie Besprechungen, Reisen oder Telefongesprächen.
Den TOEIC gibt es in Deutschland seit 1998. Die Vergabe des offiziellen Nachweises erfolgt bundesweit an über 100 ausgewiesenen Testzentren. Anders als beim TOEFL - die häufige Voraussetzung für Studienaufenthalte im englischsprachigen Ausland - kann beim TOEIC niemand durchfallen.
Zertifikat als Bonus im Bewerbungsschreiben
Auf dem Zertifikat, das die Teilnehmer am Ende erhalten, steht die erreichte Punktzahl. Höchstwert: 990 Punkte. Immer mehr Jobaspiranten fügen das Zertifikat ihren Bewerbungsunterlagen bei, um potentiellen Arbeitgebern einen offiziellen Nachweis ihrer Fähigkeiten liefern zu können.
Festzuhalten bleibt jedoch, daß beim TOEIC jeweils nur das Hör- und Leseverständnis getestet wird, während im beruflichen Alltag in der Regel das selbst verfaßte Wort gilt - mündlich und schriftlich. Nichtsdestotrotz verlangen mittlerweile aber auch Unternehmen in ihren Stellenausschreibungen mitunter ausdrücklich den offiziellen Nachweis über die internationalen Kommunikationsfähigkeiten ihrer Bewerber.
Englischkenntnisse auch für Mittelständler wichtig
International agierende Firmen wie die Renault Nissan Deutschland AG führen den TOEIC außerdem mit ihren Mitarbeitern durch. Inwiefern eine hohe Punktzahl die persönlichen Karrierechancen der Mitarbeiter konkret beeinflußt, ist offen.
Wer schlecht abschneidet, muß jedoch damit rechnen, daß sein Trainingspensum von der Firmenleitung aus aufgestockt wird. „Die Ansprüche an Arbeitnehmer sind in den letzten Jahren in fast allen Bereichen gestiegen“, sagt Oliver Dutt. Er leitet in Berlin eines von 13 Sprachlehrzentren des Wall Street Institutes in Deutschland. „In fünf bis zehn Jahren werden auch im Mittelstand bei allen Bewerbern profunde Englischkenntnisse vorausgesetzt“, sagt Dutt.
Das Prinzip eines Fitneßstudios
Die Sprachenbranche wächst. Im Trend sind Kursangebote, die inhaltlich und konzeptionell auf bestimmte Berufsgruppen oder auf den Tagesrhythmus von Einzelpersonen zugeschnitten sind. Das Wall Street Institute funktioniert nach dem Prinzip eines Fitneßstudios.
Die Lernenden erhalten einen Ausweis, mit dem sie nach Belieben an den aufgestellten Geräten wie Computern, DVD-Playern und Audioformaten trainieren können. Jedem Lernenden steht ein Studienberater zur Seite, der Neueinsteigern zunächst einen individuellen Trainingsplan erstellt. Über den Rhythmus und das Tempo des Sprachtrainings entscheidet jeder selbst.
