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Sprache „Der babbelt ja wie isch“

28.02.2006 ·  Einen Dialekt im Beruf zu sprechen, kann ein Vorteil sein. Aber es gibt immer noch große Unterschiede zwischen der Beliebtheit der Dialekte. Die Finanzbranche hingegen legt Wert auf Hochdeutsch.

Von Kerstin Liesem
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„Unn, was wolldern fer den goanze Krembel ausgewwe?“ Wer so von seinem Geschäftspartner nach seinen finanziellen Vorstellungen gefragt wird, der braucht viel Phantasie. Oder er muß hessisch babbele oder zumindest das Hessisch-Gebabbel verstehen können. Ist das der Fall, so kann sich aus der Frage ein verbales Gefeilsche entspinnen, das Nichteingeweihte nur mit Mühe verstehen können.

„Der babbelt ja wie isch“, denkt sich der Kunde, und man ist sich oft auf Anhieb sympathisch. „Trifft Dialektsprecher auf Dialektsprecher, so fördert das die Verbundenheit“, bestätigt die Frankfurter Sprech- und Rhetoriktrainerin Franziska Fuchs. „Der Geschäftskontakt wird auf eine persönliche Ebene gezogen. Das führt oft zu besseren Geschäftserfolgen“, sagt Constanze Wachsmann von der Management-Beratung Kienbaum in Dresden.

Es könne nämlich durchaus geschäftsförderlich sein, seinen regionalen Zungenschlag nicht zu verbergen. Beispielsweise als Chef oder Mitarbeiter eines mittelständischen Unternehmens, das vor allem regional agiert. „Wer Dialekt spricht, schafft Vertrauen.“ Der Unternehmer, der hörbar zu seiner Heimat stehe, werde in der Region geschätzt als „einer von uns“. Beschäftigt er vor allem Mitarbeiter aus der Region, so rechne ihm das die einheimische Bevölkerung hoch an. „Denn er schafft oder erhält dort Arbeitsplätze.“

„Dialekt schafft Identifikation“

Auch für Außendienstmitarbeiter oder Verkäufer könne der Dialekt Trumpf sein. Manchmal würden Verkäufer, die sich durch ihre Sprache eindeutig einer bestimmten Gegend zuordnen lassen, sogar regelrecht gesucht. Denn mitunter könne eben nur der Einheimische regional typische Produkte optimal an den Mann bringen. Man denke nur an die Weißwurst. Wer kauft die nicht am liebsten von einem echten Bayern? Das wissen auch die Unternehmen, die ihre Produkte über Call-Center vertreiben. „Wenn der Mitarbeiter, der die Weißwurst verkaufen soll, schwäbelt, dann wirkt das komisch“, sagt Wachsmann.

„Dialekt verbindet und schafft Identifikation“, bestätigt Sprechtrainerin Fuchs. Einem Politiker würde sie deshalb nie empfehlen, sich die regionale Mundart abzugewöhnen und statt dessen Hochdeutsch zu sprechen. „Denn er steht ja gerade für eine bestimmte Gegend.“ Auch für Schauspieler sei das Beherrschen eines oder mehrerer Dialekte neben dem Hochdeutschen von Vorteil. „Es eröffnet einfach viel mehr Möglichkeiten, ihn zu besetzen.“ Außerdem wirke es sympathisch, wenn ein Schauspieler ganz offensiv für einen bestimmten Landstrich stehe. Was wäre eine Uschi Glas ohne ihren unverwechselbaren Zungenschlag? Oder der „Bulle von Tölz“, Ottfried Fischer?

Sprachbarrieren

„Dialekte stehen nämlich auch für Heimat, Gemütlichkeit und Nostalgie“, sagt Eckart Frahm, Leiter der Arbeitsstelle „Sprache in Südwestdeutschland“. Wer seine Mundart spreche, identifiziere sich ganz deutlich mit seiner Heimat und grenze sich gegenüber anderen Gegenden ab. Und das mögen immer mehr Menschen in Deutschland: Laut einer Studie des Instituts für Demoskopie in Allensbach kann jeder zweite die Mundart der Gegend sprechen, in der er lebt. In den alten Bundesländern ist der Dialekt eher etwas für die Privatsphäre: Er wird vor allem im Freundes- und Bekanntenkreis gesprochen. Im Osten der Republik hingegen ist er Bestandteil des ganz normalen Alltags.

Das war jedoch nicht immer so: Das Image des Dialektes hat sich im Laufe der Jahre gewandelt. „In den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts dachten viele, daß Dialekte Sprachbarrieren darstellen und man dadurch schlechtere Bildungschancen hat“, erklärt Eckart Frahm. Eltern hätten sich deshalb damals bemüht, ihrem Nachwuchs Hochdeutsch beizubringen. Das hat sich in der Zwischenzeit wieder geändert. „Mittlerweile wird es in der Gesellschaft wieder als positiv bewertet, wenn man Dialekt spricht“, sagt der Linguist Helmut Spiekermann von der Universität Freiburg. „Immer mehr Leute stehen zu ihrer Mundart.“

„Die Schwaben werden verulkt“

Dennoch: Den einen macht es die Gesellschaft leicht, sich zu ihrem Dialekt zu bekennen, den anderen nicht. Denn immer noch gibt es große Unterschiede zwischen der Beliebtheit der Dialekte. Eine besonders wichtige Rolle spielt der Dialekt der Allensbach-Studie zufolge in Bayern. Bayerisch beherrschen rund zwei Drittel der dort Lebenden. Kein Wunder. Denn der dortige Zungenschlag wirkt sympathisch - auch für die Ohren von Berlinern oder Sachsen. Auch das belegt die Allensbach-Studie. „Das Bayerische hat zusammen mit dem Wienerischen, das eigentlich auch ein bayerischer Dialekt ist, eine hohe Reputation unter den regionalen Idiomen“, sagt Spiekermann. Demgegenüber jagen die sächsische und die schwäbische Mundart vielen „Außenstehenden“ kalte Schauer über den Rücken. Das Hessische landet in der Beliebtheit im Mittelfeld.

Was ist der Grund dafür? Dialekt-Experte Frahm sagt: „Das muß gar nicht einmal an der Qualität des Dialektes liegen.“ Vielmehr sei die Beliebtheit einer Mundart abhängig davon, was man mit ihr verbinde. „Sächsisch war zu Zeiten der DDR die Verkehrssprache. Von dieser wollen sich jetzt natürlich viele Menschen distanzieren.“ Zu Goethes Zeiten hingegen sei das Sächsische äußerst beliebt gewesen, sagt Fuchs. Denn mit Sachsen verband man damals wirtschaftliche Prosperität.

Die Ablehnung gegen die Schwaben und ihren Dialekt habe eine Tradition, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreiche, berichtet Frahm. „Die Schwaben werden schon lange verulkt. Man denke nur an die Sieben Schwaben.“ Verstärkt würde dieses Negativimage durch das gebrochene Verhältnis der Schwaben selbst zu ihrer Mundart. Die Bayern hingegen hätten ein ganz gesundes Selbstbewußtsein. Motto: „Mir san mir.“ Das ist südlich des Weißwurst-äquators ein echtes Lebensgefühl. Die Bayern sind stolz auf ihren Freistaat. Nicht ohne Grund: „Bayern steht wirtschaftlich gut da und ist ein beliebtes Urlaubsziel“, zählt Frahm auf.

Die Finanzwelt legt Wert auf Hochdeutsch

Dennoch: Selbst der Bayer hat es schwer, wenn es ihn in ein anderes Bundesland verschlägt. Den Sprachen-Schock so klein wie möglich zu halten, das ist eine der Hauptaufgaben von Sprech-Trainerin Fuchs. „Zu mir kommen viele Leute, wenn sie in eine andere Gegend ziehen und Hör- oder Verständnisprobleme haben durch dialektbelegte Ausdrücke.“ Damit der Bayer nicht in die Wirtschaft um die Ecke marschiert, wenn er das hessische Wort „Kneipchen“ zum ersten Mal hört. Fuchs lacht. „Damit ist nämlich hier bei uns in Hessen das kleine Küchenmesser gemeint. In meinen Schulungen geht es mir darum, meinen Kunden zu helfen, daß sie in anderen Sprach-Gegenden besser verstanden werden und die Einheimischen auch besser zu verstehen.“ Aus welchen Branchen kommen die Hilfesuchenden? Aus ganz unterschiedlichen Bereichen: „Vom Studenten bis zur Hebamme ist alles dabei.“

„Auch wer in einem global agierenden Unternehmen arbeitet, sollte Hochdeutsch beherrschen“, rät Kienbaum-Expertin Wachsmann. Als Führungskraft in einem solchen Unternehmen sei es in der Regel ein Muß, Hochdeutsch zu sprechen. Genauso als Firmensprecher. Denn besonders diese Personen müßten das Unternehmen in anderen Bundesländern und jenseits der Grenzen Deutschlands repräsentieren. „Und da ist es schon wichtig, daß man verstanden wird“, sagt Sprechtrainerin Fuchs. „Wenn es zu viele Nachfragen gibt, wird das nächste Mal ein anderer zur Besprechung geschickt.“

Sie hat die Erfahrung gemacht, daß besonders in der Pharmabranche und in der Finanzwelt Wert auf Hochdeutsch gelegt werde. Auch Anwälte trügen ihr Heimat-idiom nicht gerne offensiv zur Schau. „Aber in diesen Branchen spielt die Herkunft auch keine bedeutende Rolle.“ Ebenso bei der Arbeit in Teams, die aus Mitarbeitern verschiedener Bundesländer zusammengewürfelt sind, sei es eher störend, breiten Dialekt zu sprechen. „Das führt zu Hör- und Verständnisproblemen.“ Dabei sei es gar nicht so schwer, sich von seiner allzu extremen Sprachfärbung zu verabschieden. Der Tip der Fachfrau: „Die Endungen der Wörter nicht verschlucken, sondern deutlich aussprechen.“ Es heißt eben nicht Buttä - wie die Hessen sagen -, sondern Butter. Wer diese Regel beherzige, werde bald besser verstanden. Davor heißt es jedoch „Üben, üben, üben“. Denn „wann mer net genuch noipulvern dut, dann kimmt aach hinne nix naus“. Und das gilt nicht nur für die Hessen.

Quelle: F.A.Z., 25.02.2006, Nr. 48 / Seite 55
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