21.04.2010 · Die neun großen Technischen Universitäten planen eine Revolution: Sie wollen den Titel Diplom-Ingenieur wiederbeleben - zur Not auch gegen den erklärten Willen von Politik und Wirtschaft.
Von Sebastian BalzterSein Vater ist Diplom-Ingenieur, sein älterer Bruder auch. Bei Oliver Difflipp aber muss die Familientradition enden. Er wird, wenn er in wenigen Wochen sein Abschlusszeugnis von der ingenieurwissenschaftlichen Fakultät der Hochschule Aschaffenburg bekommt, ein „Bachelor of Engineering“ sein. Difflipp gehört zur ersten Generation von Studenten in Deutschland, die nicht mehr mit den herkömmlichen Titeln „Diplom“ oder „Magister“ die Hochschule verlassen. Er hat nach den Vorgaben der als Bologna-Reform bekannten neuen europäischen Hochschulordnung studiert, sechs Semester nur hat sein Mechatronikstudium gedauert – so schnell waren weder sein Vater noch sein Bruder fertig. Auch eine Stelle hat Oliver Difflipp gefunden, er arbeitet schon beim Druckmaschinenhersteller Manroland am Stadtrand von Offenbach.
Welchen Titel sollen deutsche Ingenieure künftig führen? Diskutieren Sie mit!
Ob das hohe Tempo des Studiums auf Kosten der Qualität ging? Der Dreiundzwanzigjährige selbst hält seine Ausbildung nicht für ein abgemagertes Studium zweiter Klasse. „Ich saß in denselben Vorlesungen wie die Kommilitonen aus den alten Diplom-Studiengängen, habe dieselben Prüfungen geschrieben wie sie“, betont er. Dass er zu Hause beim Abendbrot trotzdem manchmal gefoppt werde, lasse sich jedoch nicht vermeiden. „Und wenn ich hier im Werk meinen Titel nenne, denken viele Kollegen zuerst an die Kuppelshow aus dem Privatfernsehen.“
An seichter Unterhaltung aber wollen Deutschlands Ingenieure nicht gemessen werden. Maschinenbauer, Elektro- und Verfahrenstechniker halten sich selbst mit einigem Recht für Herzstück und Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Um ihre Anerkennung an den Hochschulen haben sie lange gerungen, erst 1899 wurde der Titel „Diplom-Ingenieur“ als akademischer Grad anerkannt. Ein Jahrhundert lang galt er danach als unangefochtenes Gütesiegel – bis die Bildungsminister aus 29 europäischen Staaten am 19. Juni 1999 in Bologna eine freiwillige Selbstverpflichtung unterzeichneten: Ein einheitliches System von Leistungspunkten sollte künftig den Wechsel von Hochschule zu Hochschule erleichtern, die Studiengänge sollten in zwei Stufen mit einem ersten berufsqualifizierenden Abschluss nach drei Jahren unterteilt und die Abschlussbezeichnungen für beide Stufen „leicht verständlich und vergleichbar“ gemacht werden. In Deutschland einigten sich die Kultusminister dafür rasch auf die angelsächsischen Titel Bachelor und Master. 2010, so die Vorgabe aus Bologna, sollte die Reform umgesetzt sein.
Dieses staatlich verordnete Begräbnis des „Dipl.-Ing.“ haben viele Ingenieure wegen der internationalen Wertschätzung des Titels von Anfang an kritisiert. Aufhalten konnten sie es nicht. Ende 2009 waren 93 Prozent aller ingenieurwissenschaftlichen Studiengänge in Deutschland umgestellt: „Bachelor of Engineering“ wie Oliver Difflipp nach sechs oder sieben Semestern, „Master of Science“ oder „Master of Engineering“ nach im Regelfall zehn Semestern heißen die Absolventen nun, Widerstand scheint zwecklos.
Titel-Salto
Es sei denn, sie sind an einer der neun im Verband TU 9 zusammengeschlossenen großen Technischen Universitäten des Landes eingeschrieben. Deren Präsidenten und Rektoren nämlich treffen sich an diesem Wochenende, rechtzeitig zum Auftakt der größten Investitionsgütermesse der Welt, um in Hannover eine bildungspolitische Revolte zu planen. „Wenn wir in zwei Jahren unsere ersten Absolventen aus den Master-Studiengängen verabschieden, werden sich viele wundern“, verspricht Horst Hippler, als Präsident der Karlsruher Universität einer der neun Revolutionäre, schon jetzt. Denn dann werde auf dem Zeugnis neben dem „Master of Science“ auch – Bologna hin oder her – „Diplom-Ingenieur“ stehen. „Alles andere wäre doch auch grotesk“, wettert Hippler, der selbst promovierter Physiochemiker ist. „Auf das Diplom zu verzichten – das wäre, als ob Mercedes den Stern abschaffen würde.“
Zusammen mit seinen Kollegen aus Aachen, Berlin, Braunschweig, Darmstadt, Dresden, Hannover, München und Stuttgart will Hippler nun über die richtige Strategie für den Titel-Salto rückwärts beraten. Sehnsüchtig schielen sie nach Österreich, wo „Diplom-Ingenieur“ und „Master of Science“ schon jetzt in trautem Nebeneinander und gleicher Schriftgröße auf den Abschlussurkunden stehen. Das in Deutschland dem Hochschulzeugnis beigefügte „Diploma Supplement“, in dem die Gleichwertigkeit von neuen und alten Studiengängen bescheinigt werden kann, genügt ihnen nicht.
List statt Paragraphenreiterei
Nach ihrer eigenen Überzeugung garantiert den neun Präsidenten, von deren Hochschulen jeder zweite universitäre Ingenieur in Deutschland stammt, schon die im Grundgesetz verankerte Freiheit von Forschung und Lehre das Recht zur Titelvergabe. Weil in den Landesgesetzen jedoch die neuen Titel festgeschrieben sind, könnte sie am Ende womöglich eher eine List als Paragraphenreiterei ans Ziel bringen: „Diplom-Ingenieur, das ist unsere Übersetzung von Master of Science“, sagt Horst Hippler. „Und gegen eine Übersetzung ins Deutsche wird ja wohl niemand etwas einwenden können.“
Abgesehen von der Kultusministerkonferenz freilich, aus deren Hochschulabteilung es heißt, Bachelor- und Master-Studiengänge seien inhaltlich etwas ganz anderes als die alten Diplom-Studiengänge, weshalb der Übersetzungstrick nicht statthaft sei. Abgesehen vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, der die TU 9 dazu auffordert, sich „endlich auf die Reform einzulassen“ und „fachlichen Ballast abzuwerfen“. Abgesehen schließlich vom Bundesverband der Deutschen Industrie und vom Arbeitgeberdachverband BDA, die nach eigener Darstellung „ohne Wenn und Aber“ hinter der Reform stehen. Ingenieure mit Bachelor-Abschluss seien in der Wirtschaft gefragt und würden nicht schlechter bezahlt als Diplom-Ingenieure.
Die Zahl der Bachelor- und Master-Absolventen ist gering - noch
„Bestenfalls nutzlos, schlimmstenfalls schädlich“ sei die Debatte um den Abschlusstitel, schimpft auch Frank-Stefan Becker, der Bildungs- und Hochschulexperte des Siemens-Konzerns. Wie sich verkürzte Studienzeiten, verknappte Inhalte und neue Titel auf Dauer in den Unternehmen auswirken werden, lässt sich aber noch nicht absehen: Noch ist die Zahl der Absolventen mit Bachelor- und Master-Titel zu gering. Aber schon sind mehr als die Hälfte der angehenden Techniker in einem der neuen Studiengänge eingeschrieben.
Tatsächlich geht es den Technischen Universitäten mit ihrer Diplom-Offensive um mehr als ein bloßes Etikett. Horst Hippler etwa hat die Reform in Karlsruhe auch deshalb so lange wie möglich blockiert, weil er den ersten Abschluss nach sechs Semestern rundweg ablehnt und alle Studenten zum längeren Master-Studium ermuntert. „Nach drei Jahren kann man an einer Forschungsuniversität wie unserer noch kein Ingenieur sein“, sagt er.
Der Abstand zu den Fachhochschulen droht zu schwinden
Nicht alle seine TU-9-Kollegen sehen das so pauschal, aber alle sind um das Renommee ihrer Institutionen besorgt: Der Abstand zu den Fachhochschulen, die traditionell für zwei Drittel des Ingenieurnachwuchses stehen, droht zu schwinden. Dank schon zuvor kürzerer Studienzeiten fällt diesen die Einführung der Bachelor-Studiengänge leichter, wie die Universitäten dürfen sie zusätzlich Master-Programme anbieten, das ungeliebte Kürzel „FH“ hinter den Abschlüssen ist verschwunden – und die meisten nennen sich inzwischen „Hochschule“ oder noch lieber „University of Applied Sciences“.
Oliver Difflipp, der jüngste Spross der Ingenieurfamilie, versucht, sich um solche akademischen Grabenkämpfe nicht zu kümmern. Albrecht Völz, der Leiter des Trainingszentrums von Manroland, ist über ihn und den Aschaffenburger Bachelor-Studiengang voll des Lobes. Für vier Fünftel der zu besetzenden Ingenieurstellen seien dessen Absolventen bestens qualifiziert, nur für besonders mathematiklastige Aufgaben hätten TU-Abgänger einen Vorteil. Und Difflipp selbst gefällt die Perspektive, nach einigen Jahren Berufserfahrung für ein Master-Studium an die Hochschule zurückkehren zu können. Und wenn er dann außerdem vom Prüfungsamt einen Stempel mit der Aufschrift „Diplom-Ingenieur“ auf sein Zeugnis bekommen könnte? „Dann würde ich mir den sofort abholen“, sagt er. „Keine Frage.“