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Serie: Arbeiten ohne Geld Mit Händen und Füßen

 ·  Immer mittwochs um 11 Uhr behandelt der Augsburger Arzt Rolf Peter Lindner ehrenamtlich Patienten ohne Krankenversicherung. Teil 5 der Sommerserie „Arbeiten ohne Geld“.

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Margarita Bogdan war im siebten Monat schwanger, als sie mit vorzeitigen Wehen ins Krankenhaus kam. „Von da an sollte ich den ganzen Tag still auf dem Rücken liegen“, berichtet sie. Aber das war nicht das Schlimmste. „Zwei Wochen sollte ich im Krankenhaus bleiben. Vier Tage habe ich ausgehalten. Dann bin ich abgehauen.“ Nicht aus Unvernunft, nicht aus Langeweile, sondern aus Angst vor der Rechnung. Denn Margarita Bogdan, die ihren wirklichen Namen nicht in der Zeitung lesen will, hat keine Krankenversicherung. Die Rumänin, die ohne Papiere über die deutsche Grenze gekommen ist, hangelt sich von befristetem Visum zu befristetem Visum. Ein Platz in der Gesetzlichen Krankenversicherung steht ihr deshalb nicht zu.

An diesem Vormittag steht die 23 Jahre alte Frau an der Anmeldung der Praxis von Rolf Peter Lindner in Augsburg und wiegt ihren drei Wochen alten Sohn Nathan in den Armen. Im angrenzenden Wartezimmer, das mit exotischen Bambusmöbeln eingerichtet ist, spielt ein etwa drei Jahre altes Mädchen mit Legosteinen. Auf den Ledersesseln daneben haben zwei Frauen in bunten, afrikanischen Gewändern Platz genommen und unterhalten sich mit gedämpfter Stimme auf Somali. Es ist 11 Uhr, und wie jeden Mittwoch beginnt Rolf Peter Lindner seine „Migrantensprechstunde“, wie er sie nennt.

Im normalen Berufsleben ist Lindner Psychotherapeut und Psychoanalytiker. Ursprünglich hat er einmal als Allgemeinmediziner angefangen. Nach mehreren Fortbildungen wandte er sich aber immer stärker ab von den körperlichen und hin zu den seelischen Leiden seiner Patienten, bis er schließlich sein Hausarztdasein komplett aufgab. Nur einmal die Woche schlüpft Lindner nun noch in sein weißes T-Shirt, die weißen Plastikschlappen und die alte Rolle als Arzt für alles. Dann behandelt er unentgeltlich Patienten ohne Krankenversicherung, die sich einen herkömmlichen Hausarzt nicht leisten können. Die meisten sind Menschen ohne Aufenthaltserlaubnis in Deutschland. Es gibt aber auch Deutsche unter seinen Patienten, meist Selbständige, die in geschäftlichen Krisen aufgehört haben, in die Krankenversicherung einzuzahlen. Hin und wieder behandelt Lindner auch ehemalige Häftlinge.

Zu seinem Ehrenamt gekommen ist der Arzt, nachdem er sich 2004 bei den Maltesern als freiwilliger Helfer zur Betreuung asiatischer Tsunami-Opfer zur Verfügung gestellt hatte. „Der Kontakt zu den Maltesern ist danach nie abgebrochen“, berichtet Lindner. „Als sie vor zwei Jahren einen Ehrenamtler für die Migrantenmedizin suchten, sind sie gezielt auf mich zugekommen. Ich war sofort begeistert.“ Nicht aus Altruismus, auch nicht aus Religiosität mache er diesen Job, sagt Lindner, sondern „weil ich es so spannend finde“. Der 63 Jahre alte Mediziner ist viel gereist, hat eine besondere Affinität zu Afrika und Asien. „In meiner Migrantensprechstunde begegnen mir so viele Menschen aus fremden Kulturen, mit so vielen unterschiedlichen Geschichten“, sagt er. Auch Reibereien mit der Ausländerbehörde, wenn er sich mit medizinischen Gutachten für ein Bleiberecht seiner Schützlinge einsetzt, gehören für ihn dazu.

Von Zahnersatz bis Knochenbruch

Lindners Sprechstunde ist eine erste Anlaufstelle. Von Zahnersatz bis Knochenbruch reichen die Fälle; oft stellt er nur eine erste Diagnose. Für diejenigen Patienten, die letztlich einen Facharzt brauchen, spannt Lindner Kollegen ein. „Mittlerweile verfüge ich über ein ziemlich großes Netzwerk von Leuten, die ich ansprechen kann“, sagt er. Für schwere Fälle kümmert sich Lindner darum, einen Krankenhausaufenthalt zu organisieren; dafür hat er Kooperationen mit einigen Kliniken.

Margarita Bogdan war so ein Fall. An diesem Mittwoch ist sie in der Praxis erschienen, weil sie eine Nachsorgehebamme sucht. Außerdem hat sie die Krankenhausrechnung für ihre Entbindung mitgebracht. Bogdans Schwangerschaft endete mit einer komplizierten Geburt; Nathan hatte sich völlig in seine Nabelschnur eingewickelt und musste letztlich per Kaiserschnitt geholt werden. „Doktor Lindner hat mir schon beim letzten Mal so toll geholfen. Für den Krankenhausaufenthalt in der Schwangerschaft musste ich keinen Cent bezahlen.“

“Wir tun, was wir können“, sagt Lindner und kickt unter dem Behandlungstisch die Schlappen von den Füßen. „Wir“ - das sind Lindner und die Malteser, die ihn finanziell unterstützen. „Die Malteser kommen zum Beispiel für die Kosten von Medikamenten für die Nichtversicherten auf“, erklärt Lindner. Außerdem zahlen sie ein Drittel der Rechnungen für Patienten wie Margarita Bogdan, die Lindner in ein Krankenhaus überweisen muss. Ein weiteres Drittel übernehmen die Kliniken, die mit dem Arzt kooperieren. „Das letzte Drittel muss ich mir zusammenbetteln“, so formuliert es der Arzt. Er hat sich damit abgefunden, dass sein Ehrenamt auch zu einem guten Teil aus Organisieren und Spendeneinwerben besteht. „Damit mir das nicht über den Kopf wächst und noch genug Zeit für die Patienten bleibt, habe ich mir Hilfe für die administrativen Sachen geholt.“ So unterstützt die ehemalige Apothekerin und heutige Rentnerin Anne Lemke den Arzt regelmäßig in seiner Migrantensprechstunde, führt Patientenakten, sammelt Rechnungen, telefoniert mit Geldgebern. Auch sie arbeitet ehrenamtlich. Der praktische Nebeneffekt: Lemke hat selbst einen Migrationshintergrund, floh mit 20 Jahren aus Indonesien nach Deutschland und kann sich aufgrund ihrer eigenen Geschichte gut in viele Patienten hineinversetzen. „Außerdem reden manche Frauen ganz anders mit einer Frau als mit mir“, sagt Lindner.

Bei den somalischen Frauen in seinem Wartezimmer war das der Fall. Die Patientin Mariam Omar erschien zum ersten Mal gemeinsam mit einem männlichen Dolmetscher in Lindners Praxis. „Da war kaum ein Wort aus ihr herauszukriegen“, erinnert sich der Arzt. „Sie pflegt keinen direkten Kontakt zu Männern. Auch mir gibt sie bis heute nicht die Hand. Anne dagegen hat einen guten Zugang zu ihr.“ Omar, die ebenfalls ihren wirklichen Namen nicht verrät, kam ursprünglich wegen einer Bronchitis in Lindners Praxis, klagte aber wiederholt über Kopf- und Bauchschmerzen. Weil der Arzt keine organischen Ursachen feststellen konnte, griff er auf sein Wissen als Psychotherapeut zurück. Heute behandelt Lindner die Flüchtlingsfrau wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung: Sie hatte in Somalia mit ansehen müssen, wie zwei ihrer Söhne auf offener Straße erschossen wurden, weil sie den Militärdienst verweigerten.

„Das Echo ist eigentlich immer Anerkennung“

Bis Lindner die vollständige Geschichte erfahren hatte und in die Behandlung einsteigen konnte, dauerte es geraume Zeit, denn Omar spricht quasi kein Wort Deutsch. Deshalb besucht sie die Sprechstunde für gewöhnlich gemeinsam mit einer arabischsprechenden Freundin. Lindner wiederum kennt eine Übersetzerin, die Arabisch und Deutsch beherrscht. Wie Flüsterpost laufen dann die Sitzungen ab. Die Patientin spricht Somali mit ihrer Freundin, diese Arabisch mit der Übersetzerin, die Übersetzerin Deutsch mit Lindner und seiner Arzthelferin. An diesem Mittwoch allerdings ist die Übersetzerin krank; Lindner und Lemke sitzen den Somalierinnen hilflos gegenüber. „Haben keine Sprache“, sagt Omars Freundin und zuckt die Schultern. „Mit Händen und Füßen“ müsse man oft kommunizieren, sagt Lindner, für tiefgehende psychotherapeutische Gespräche reiche das natürlich nicht.

Das stressigste Detail an seiner Arbeit ist für Lindner, „ständig unterscheiden zu müssen, wer wirklich Hilfe nötig hat und wer nicht“. Da war zum Beispiel einmal der Mann, der eine Handoperation für 18 000 Euro in einer Privatklinik finanziert haben wollte. „Hinterher stellte sich heraus, dass er selbst genug Geld hatte und ihm ein normales Krankenhaus nur nicht gut genug war.“ Wenig Stress bereitet es dem Arzt dagegen, seinen normalen Praxisalltag vom Ehrenamt zu trennen. „Klar kommt es vor, dass so eine Frau in afrikanischer Tracht eben nicht am Mittwoch, sondern am Donnerstag vor der Tür steht“, berichtet er. Seine Psychotherapie-Patienten kennen das schon und wundern sich nicht. Neuen Patienten erklärt Lindner gern, was er neben dem normalen Job leistet. „Das Echo ist eigentlich immer Anerkennung.“

Viel Anerkennung hat auch Margarita Bogdan für Lindners Arbeit übrig. „Ohne ihn hätte ich nicht gewusst, was ich machen soll“, sagt sie. „Ich hätte niemanden gefunden, der meine Schwangerschaft und Geburt betreut hätte.“ Als hätte er verstanden, macht Nathan in ihren Armen die Babyaugen einen winzigen Spalt auf - um gleich darauf mit einem zufriedenen Schnarcher wieder einzuschlafen.

Nächste Woche, Folge 6: Eine Sozialpädagogin leistet ehrenamtlich Integrationshilfe für Flüchtlinge.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1980, Redakteurin in der Wirtschaft.

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