Home
http://www.faz.net/-gyl-71tdb
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Serie: Arbeiten ohne Geld Mit Händen und Füßen

Immer mittwochs um 11 Uhr behandelt der Augsburger Arzt Rolf Peter Lindner ehrenamtlich Patienten ohne Krankenversicherung. Teil 5 der Sommerserie „Arbeiten ohne Geld“.

© Tobias Schmitt / F.A.Z. Sprechstunde mit Hindernissen: Kein Versicherungsschutz und oft Verständigungsprobleme. Rolf Peter Lindner (li) mit Helferin Anne Lemke im Gespräch mit einer Patientin

Margarita Bogdan war im siebten Monat schwanger, als sie mit vorzeitigen Wehen ins Krankenhaus kam. „Von da an sollte ich den ganzen Tag still auf dem Rücken liegen“, berichtet sie. Aber das war nicht das Schlimmste. „Zwei Wochen sollte ich im Krankenhaus bleiben. Vier Tage habe ich ausgehalten. Dann bin ich abgehauen.“ Nicht aus Unvernunft, nicht aus Langeweile, sondern aus Angst vor der Rechnung. Denn Margarita Bogdan, die ihren wirklichen Namen nicht in der Zeitung lesen will, hat keine Krankenversicherung. Die Rumänin, die ohne Papiere über die deutsche Grenze gekommen ist, hangelt sich von befristetem Visum zu befristetem Visum. Ein Platz in der Gesetzlichen Krankenversicherung steht ihr deshalb nicht zu.

Nadine Bös Folgen:

An diesem Vormittag steht die 23 Jahre alte Frau an der Anmeldung der Praxis von Rolf Peter Lindner in Augsburg und wiegt ihren drei Wochen alten Sohn Nathan in den Armen. Im angrenzenden Wartezimmer, das mit exotischen Bambusmöbeln eingerichtet ist, spielt ein etwa drei Jahre altes Mädchen mit Legosteinen. Auf den Ledersesseln daneben haben zwei Frauen in bunten, afrikanischen Gewändern Platz genommen und unterhalten sich mit gedämpfter Stimme auf Somali. Es ist 11 Uhr, und wie jeden Mittwoch beginnt Rolf Peter Lindner seine „Migrantensprechstunde“, wie er sie nennt.

Rolf Peter Lindner - Der Allgemeinarzt und Psychotherapeut behandelt neben seinen normalen Patienten auch ehrenamtlich Menschen ohne Krankenversicherung. Rolf Peter Lindner: Für seine Schützlinge schlüpft der heutige Psychotherapeut einmal in der Woche in seine alte Rolle als Allgemeinarzt. © Tobias Schmitt / F.A.Z. Bilderstrecke 

Im normalen Berufsleben ist Lindner Psychotherapeut und Psychoanalytiker. Ursprünglich hat er einmal als Allgemeinmediziner angefangen. Nach mehreren Fortbildungen wandte er sich aber immer stärker ab von den körperlichen und hin zu den seelischen Leiden seiner Patienten, bis er schließlich sein Hausarztdasein komplett aufgab. Nur einmal die Woche schlüpft Lindner nun noch in sein weißes T-Shirt, die weißen Plastikschlappen und die alte Rolle als Arzt für alles. Dann behandelt er unentgeltlich Patienten ohne Krankenversicherung, die sich einen herkömmlichen Hausarzt nicht leisten können. Die meisten sind Menschen ohne Aufenthaltserlaubnis in Deutschland. Es gibt aber auch Deutsche unter seinen Patienten, meist Selbständige, die in geschäftlichen Krisen aufgehört haben, in die Krankenversicherung einzuzahlen. Hin und wieder behandelt Lindner auch ehemalige Häftlinge.

Zu seinem Ehrenamt gekommen ist der Arzt, nachdem er sich 2004 bei den Maltesern als freiwilliger Helfer zur Betreuung asiatischer Tsunami-Opfer zur Verfügung gestellt hatte. „Der Kontakt zu den Maltesern ist danach nie abgebrochen“, berichtet Lindner. „Als sie vor zwei Jahren einen Ehrenamtler für die Migrantenmedizin suchten, sind sie gezielt auf mich zugekommen. Ich war sofort begeistert.“ Nicht aus Altruismus, auch nicht aus Religiosität mache er diesen Job, sagt Lindner, sondern „weil ich es so spannend finde“. Der 63 Jahre alte Mediziner ist viel gereist, hat eine besondere Affinität zu Afrika und Asien. „In meiner Migrantensprechstunde begegnen mir so viele Menschen aus fremden Kulturen, mit so vielen unterschiedlichen Geschichten“, sagt er. Auch Reibereien mit der Ausländerbehörde, wenn er sich mit medizinischen Gutachten für ein Bleiberecht seiner Schützlinge einsetzt, gehören für ihn dazu.

Von Zahnersatz bis Knochenbruch

Lindners Sprechstunde ist eine erste Anlaufstelle. Von Zahnersatz bis Knochenbruch reichen die Fälle; oft stellt er nur eine erste Diagnose. Für diejenigen Patienten, die letztlich einen Facharzt brauchen, spannt Lindner Kollegen ein. „Mittlerweile verfüge ich über ein ziemlich großes Netzwerk von Leuten, die ich ansprechen kann“, sagt er. Für schwere Fälle kümmert sich Lindner darum, einen Krankenhausaufenthalt zu organisieren; dafür hat er Kooperationen mit einigen Kliniken.

Margarita Bogdan war so ein Fall. An diesem Mittwoch ist sie in der Praxis erschienen, weil sie eine Nachsorgehebamme sucht. Außerdem hat sie die Krankenhausrechnung für ihre Entbindung mitgebracht. Bogdans Schwangerschaft endete mit einer komplizierten Geburt; Nathan hatte sich völlig in seine Nabelschnur eingewickelt und musste letztlich per Kaiserschnitt geholt werden. „Doktor Lindner hat mir schon beim letzten Mal so toll geholfen. Für den Krankenhausaufenthalt in der Schwangerschaft musste ich keinen Cent bezahlen.“

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Ärztemangel Doktor Google und Mister Freizeit

Eigentlich gibt es in Deutschland so viele Ärzte wie nie zuvor. Warum ist trotzdem von einem Mangel an Medizinern die Rede? Mehr Von Claus Peter Müller

29.08.2015, 14:56 Uhr | Politik
Nach einem Angriff Schutz im unterirdischen Krankenhaus

Das Bonner Hilfskrankenhaus ist ein seltsames Gebäude. Für die Bevölkerung unsichtbar unter einer Turnhalle in die Erde gesenkt, sollte das Klinikum auf 2600 Quadratmetern 463 Patienten selbst nach einem Angriff mit chemischen, biologischen und nuklearen Waffen für drei bis vier Wochen arbeitsfähig bleiben. Ein Besuch. Mehr

25.04.2015, 11:47 Uhr | Politik
Nachts in der Notaufnahme In stressigen Zeiten braucht es Routine

Wenn nachts viele Notfälle ins Krankenhaus kommen, müssen Pflegekräfte rasch entscheiden. Routine hilft. Und ein gewisses psychologisches Geschick ist unabdingbar. Eine Schicht im Hospital zum Heiligen Geist. Mehr Von Angelika Fey, Frankfurt

18.08.2015, 20:06 Uhr | Rhein-Main
Interview Klonpionier Mitalipov über seine Therapiepläne

In der Petrischale und in Tierversuchen gelingt es längst. Defekte Mitochondrien werden in Keimzellen und Embryonen kuriert. Jetzt laufen die Anträge für klinische Tests mit Patienten. Es geht darum, Gendefekte durch Zellkerntransfer zu beseitigen, was im Ergebnis Embryonen mit drei genetischen Eltern ergäbe. Die Keimbahnversuche sind vielerorts ein Tabubruch, oft verboten wie in Deutschland. Doch der Schöpfer des sogenannten therapeutischen Klonens will sich von Gesetzeshürden nicht abschrecken lassen. Das grüne Licht aus London vor wenigen Wochen ist für ihn erst der Anfang. Mehr

30.04.2015, 00:44 Uhr | Wissen
Krankenkassen Yogakurs statt Asthmamittel

Mit Gesundheit wirbt es sich schöner als mit Krankheit. Deshalb zahlen Krankenkassen nicht mehr für das, was medizinisch sinnvoll ist. Sondern lieber für das, was sich gut vermarkten lässt. Mehr Von Martina Lenzen-Schulte

19.08.2015, 11:06 Uhr | Politik

Veröffentlicht: 09.08.2012, 06:00 Uhr

Stellensuche
Was
Wo