„An der Hauptwache, Sie hören es dann schon.“ Mehr Wegbeschreibung braucht es nicht, um die Obdachlosen-Sprechstunde der Frankfurter Tierärztin Maja Firlé zu finden. Von dem zentralen Platz in der Innenstadt führt ein eindringliches Bell-Konzert die Treppen hinab in die sogenannte B-Ebene, wo sich U- und S-Bahn-Linien kreuzen. Mit jedem Schritt in den grün gekachelten Schlund schwillt die Geräuschkulisse weiter an. Unten warten schon ein Dutzend Punker, Obdachlose und Rentner mit ihren Hunden. Die Vierbeiner beschnüffeln und bespringen sich, die Kleinsten kläffen die Größten an. Die mit Einkaufstüten vorbeieilenden Passanten verfolgen das Spektakel teils genervt, teils neugierig.
Immer am ersten Samstag im Monat, immer um 13 Uhr, immer in der B-Ebene der Hauptwache - die offene Sprechstunde von Maja Firlé ist eine Institution in Frankfurt. Im Hauptberuf betreibt die gebürtige Serbin eine Tierarztpraxis im Stadtteil Bockenheim. Nebenbei behandelt sie seit mittlerweile sechs Jahren ehrenamtlich die Tiere von denen, die sich einen Besuch in der Praxis nicht leisten können. Je nach Jahreszeit und Wetter kommen an den Samstagen zwischen 30 und 70 Menschen mit ihren Vierbeinern - meist Hunde, aber auch Katzen - in die B-Ebene. Für Obdachlose ist die Behandlung kostenlos, Rentner und Hartz-IV-Bezieher zahlen 10 Euro.
Eine Bierbank, bespannt mit weißer Plastikfolie, dient als provisorischer Behandlungstisch, Medikamente und Impfstoffe hat Firlé in einem orangen Rollkoffer aus der Praxis mitgebracht. Mister Wilson begrüßt die Ärztin mit hektischem Schwanzwedeln. Ein stattlicher schwarzer Hund, mit reichlich Würmern und Zecken. „Der ist mit der Nase immer im Gras“, sagt sein Besitzer Olaf, ein Punker. Maja Firlé schaut Mister Wilson in die Ohren und tastet sein Fell ab. Dann gibt sie Olaf ein Reinigungsmittel und Tabletten mit. Man kennt sich, man duzt sich. Die Vierundvierzigjährige ist hier nicht „Frau Doktor Firlé“, sondern nur „die Maja“. Woher Mister Wilson die beiden kahlrasierten Stellen neben den Ohren habe, will die Ärztin noch von Olaf wissen. Ein Versehen, sagt der, beim Entfernen der Zecken habe er auf der einen Seite etwas zu viel Fell wegrasiert. Daraufhin habe er die andere Seite auch rasiert. „So ist es wenigstens einheitlich. Sollst ja gut aussehen“, sagt er zu seinem Begleiter und krault ihn hinter den Ohren.
“Vielen Dank an euch alle!“, ruft Olaf zum Abschied in die Runde und winkt Firlé und ihren Helfern zu. Die winken zurück. „Die Punker sind mir die liebsten“, sagt die Ärztin. Über gelegentliche Alkoholfahnen sieht sie geflissentlich hinweg. Was für sie zählt, ist etwas anderes: „Sie haben ihre Tiere am besten im Griff.“ Die Punker waren es auch, die Maja Firlé einst auf die Idee brachten, eine solche Sprechstunde anzubieten. Während eines Stadtrundgangs sprach die zierliche Frau mit den dunklen Haaren eine Gruppe an, die in der Fußgängerzone campierte, fragte, wann die Tiere zuletzt bei einem Arzt waren. Sie konnte sich die Antwort schon denken: „gar nicht“.
Ärger mit der Tierärztekammer
Zunächst kümmerte sich die Ärztin zwei Jahre kostenlos um die Tiere, nahm Impfungen vor, behandelte Ausschläge. Doch dann bekam Firlé Ärger mit der Tierärztekammer. Kollegen hatten sie dort angeschwärzt, die Berufsordnung verbiete es, kostenlos zu behandeln. „Damals hatte ich viele schlaflose Nächte und Angst, meine Zulassung zu verlieren“, erzählt Firlé. Aufhören wollte sie dennoch nicht. Also gründete sie einen Verein. Seit 2008 gibt es die „Soziale Tier-Not-Hilfe Frankfurt e.V.“. Seitdem stellt Firlé die Kosten für die Behandlungen in der B-Ebene dem Verein in Rechnung, der diese aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen begleicht.
Eine kräftige Frau mit blondem Zopf wuchtet ihren Mischling auf die Bierbank. Er hat einen Tumor an der Brust. Eigentlich wäre eine Operation notwendig, aber dafür reicht das Geld in der Vereinskasse nicht. „Finden wir einen Paten?“, fragt Firlé die Vorsitzende des Vereins, die im Hintergrund steht und Buch über die behandelten Tiere führt. Die wiegt den Kopf, antwortet: „Schwierig.“ Der Hundebesitzerin, einer Hartz-IV-Empfängerin, kommen die Tränen, aber Firlé bleibt hart. Der Verein könne leider nicht mehr als eine Grundversorgung finanzieren. Firlé rät, mit dem behandelnden Tierarzt eine Ratenzahlung zu vereinbaren.
Maja Firlé wird an diesem Nachmittag noch häufiger einen Vergleich ziehen zwischen den Punkern und Obdachlosen auf der einen Seite und Hartz-IV-Empfängern und Rentnern auf der anderen. Letztere kämen zuweilen mit einem erstaunlichen Anspruchsdenken in die B-Ebene, erzählt sie. Auch deshalb hat sie Anfang des Jahres beschlossen, von dieser Klientel 10 Euro zu verlangen. „Ich möchte, dass unsere Arbeit einen Wert hat. Wir machen das schließlich in unserer Freizeit.“
Wie viele Stunden sie jeden Monat für ihr ehrenamtliches Engagement aufwendet, zählt Maja Firlé nicht. Schon als Kind habe sie sich in ihrer Heimatstadt Belgrad um herrenlose Tiere gekümmert, „alles gefüttert, was auf der Straße lebte“. Später studierte sie in Belgrad Tiermedizin, dann führte sie die Liebe nach Deutschland, wo sie noch einmal alle Prüfungen ablegte, weil ihr ausländischer Abschluss nicht anerkannt wurde. Sie regt sich darüber nicht auf. Nicht zu ändern sei das, sagt sie und zuckt mit den Schultern. Aber was zu ändern ist, das wird geändert.
2000 Euro kostet ein Samstag in der B-Ebene
Firlé ist längst eine Meisterin des Marketings geworden. Regelmäßig begleitet ein Filmteam von Vox sie bei der Arbeit, sowohl in der Praxis als auch in der B-Ebene. Es gehe ihr nicht darum, berühmt zu werden, betont Firlé, es gehe ihr darum, Geld für den Verein zu sammeln. Auf rund 2000 Euro schätzt sie die Kosten für einen Samstag in der B-Ebene. Der Großteil der Kosten wird aus Spenden beglichen. Die Mitgliedsbeiträge - zuletzt zahlten rund 30 Mitglieder je 120 Euro Jahresbeitrag - reichen bei weitem nicht. Noch nicht.
Auch auf ideelle Unterstützung ist Firlé angewiesen. Die Bierbänke lagern beim benachbarten Kaufhof, auch in den Räumen der städtischen Verkehrsgesellschaft können die Helfer Sachen unterstellen. „Sehr kooperativ“, lobt Firlé. Nicht ganz so kooperativ sind mitunter die Wachleute, die durch die B-Ebene patrouillieren. Hat Firlé einmal ihre Genehmigung vergessen, dass sie dort behandeln darf, werden Zwei- und Vierbeiner schon mal nach draußen verbannt. Und ganz gleich, wo sie dort die Bänke aufbauen, kommen umgehend empörte Geschäftsleute, die Aktionen wie diese zwar grundsätzlich eine gute Sache finden, aber doch bitte nicht vor ihrem schönen Laden.
Der Einsatz von Maja Firlé gilt in erster Linie den Tieren, weniger ihren Besitzern. „Die Hunde können nichts dafür, wie es ihren Herrchen und Frauchen geht“, sagt sie. Firlé ermahnt niemanden, weniger zu trinken und mehr zu arbeiten, sie nimmt die Situation der Menschen, wie sie ist. Einmal aber hat sie auch einer Kundin geholfen. Die Punkerin macht nun eine Ausbildung zur Tierarzthelferin - in der Praxis von Maja Firlé.
