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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Serie „Arbeiten ohne Geld“ Bummeln für die Integration

 ·  Die Wiesbadenerin Monika Kmetovic hilft einer Frau aus Eritrea, nach 20 Jahren endlich in Deutschland anzukommen. Folge 6 der Sommerserie „Arbeiten ohne Geld“.

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Manchmal ist das Einfache so schwierig. „Wiesbaden ist meine Heimat“, wird Lula Gebrhiwot später in ihrem unbeholfenen Deutsch nuscheln, und für diesen kleinen Satz hat die 35-Jährige sehr viel Zeit gebraucht. Vor 20 Jahren ist sie aus Eritrea nach Hessen geflohen und kam doch lange Zeit nicht wirklich an, konnte kaum Deutsch, kannte kaum jemanden. Dass sie diesen Satz nun sagen kann - das verdankt sie vor allem ihrer Begleiterin, Monika Kmetovic. Diese hakt sie unter, hier in der quirligen Fußgängerzone der hessischen Landeshauptstadt, und die beiden prusten vor Lachen, als der Fotograf anfängt, ein Bild nach dem anderen von ihnen zu schießen.

Monika Kmetovic hat im Rahmen eines neuen Projekts des Flüchtlingsrats Wiesbaden die Patenschaft für Lula Gebrhiwot übernommen, damit diese endlich in Deutschland ankommt. Sie bespricht mit ihrer Tandempartnerin deren Alltagsprobleme, geht spazieren, sitzt in Kaffees, in Arztpraxen oder Behördenstuben. Sie begleitet sie durch den Alltag und schenkt ihr vor allem eines: viel Zeit. „Willkommen!“ nennt sich das Projekt des Flüchtlingsrats ganz einfach und mit Ausrufezeichen. Ein Mentorenprojekt ist das, bei dem sich immer ein „Wiesbadener“ um einen „Flüchtling“ kümmert. In Anführungszeichen muss man das in unserem Fall setzen, schließlich hat die Wiesbadenerin einen kroatischen Pass, und schließlich lebt die Dame, die aus Eritrea floh, seit 20 Jahren in Hessen. Aber gerade das macht sie zu einem passenden Tandem.

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Spaß in der Fußgängerzone: Lula Gebrhiwot (links) und Monika Kmetovic © Marcus Kaufhold / F.A.Z. Spaß in der Fußgängerzone: Lula Gebrhiwot (links) und Monika Kmetovic

Auf einem solchen sitzen immer zwei Leute, die beide strampeln, der eine mal mit mehr Kraft, der andere mit weniger - aber ins Ziel kommen beide gemeinsam. „Ich habe mein Glück gefunden“, sagt Lula Gebrhiwot. „Unsere Treffen geben mir sehr viel“, sagt ihre Mentorin. Wer die beiden Frauen einen Tag lang begleitet, der lernt viel über die weiten Begriffe von Integration und Heimat und der erfährt auch ein wenig von der Schwierigkeit, dazugehören zu wollen, aber sich nicht immer zugehörig zu fühlen.

Monika Kmetovic ist eine fröhliche Frau mit langen schwarzen Haaren. Sie ist in Wiesbaden aufgewachsen, sie lebt und arbeitet hier; ihr zehnjähriger Sohn geht hier zur Schule. Sie ist bestens integriert und damit die Idealbesetzung für das Ehrenamt als Integrationshelferin. Während sie mit Lula Gebrhiwot durch die Einkaufsstraße schlendert, winkt sie einer Freundin auf der anderen Straßenseite zu, zieht ihre Begleiterin ein wenig mit sich und stellt sie vor. So muss Integration funktionieren, denkt man sich. Kmetovic ist studierte Sozialpädagogin und arbeitet als Bildungsreferentin in einer Organisation, die sich der Förderung von Frauen in Unternehmen und Behörden widmet. Doch Migration ist ihr großes Thema. Ihre Eltern stammen aus Kroatien, sie waren über ein Anwerbeabkommen nach Deutschland gekommen. Die Familie habe anfangs Schwierigkeiten gehabt, sich zu integrieren, erzählt sie. „Das ist schon heftig, wenn man hier ankommt und das Gefühl bekommt, dass man nicht hierher gehört“, sagt sie. Doch auch ihrer Familie half früher eine Art von Tandempartner. „Wir hatten früher auch so jemanden wie mich“, sagt sie. Das sei eine Nachbarsfamilie gewesen. Die hätte sich um sie gekümmert, bei Behördengängen, aber auch bei Alltagsproblemen - das habe ihnen sehr geholfen anzukommen.

„Es sind so kleine Sachen, die wehtun“

Aber das Wort schränkt sie sofort ein - wirklich anzukommen sei sehr schwierig. Selbst für sie, die schon immer hier lebt. Letztlich fühle sie sich immer noch nicht als Deutsche, sagt sie, daher hat sie auch noch keinen deutschen Pass beantragt. Denn die deutsche Umgebung mache es ihr nicht einfach: „Es sind so kleine Sachen, die wehtun“, sagt sie. Einmal sei sie arbeitslos gewesen, da habe sie eine Sachbearbeiterin im Arbeitsamt gefragt: „Wollen Sie nicht wieder zurück nach Kroatien?“ „Zurück?“, fragt sie da laut. Wohin denn? Sie ist doch hier geboren. „Was soll ich denn bitte noch tun, dass die Aufnahmegesellschaft mich integriert?“

Mit ihren eigenen Erfahrungen im Gepäck versucht sie nun, anderen zu geben. Das sei gar nicht viel, sagt sie, nur ein wenig Zeit und Verantwortung. „Aber ich bekomme so viel zurück“, sagt sie. Vertrauen vor allem, aber auch einen anderen Blick auf die Dinge. Und das Gefühl, gebraucht zu werden. Das beanspruche natürlich viel Zeit, sagt sie. Früher wäre das nicht möglich gewesen, aber seitdem ihr Sohn größer sei und in den Sportverein gehe, habe sie nun oft Zeit nach der Arbeit. Manchmal würde sie auch gemeinsam mit ihrem Sohn und Lula Gebrhiwot etwas unternehmen. Zusammen kochen etwa.

Zumeist aber braucht ihre Patin Begleitung, in Arztpraxen oder Behördenstuben. Das planen sie im Voraus und gehen dann oft auch zusammen zu den Terminen. So wie heute, da muss Frau Gebrhiwot zum Arzt. Wieder einmal. Im Wartezimmer einer großen Praxis wird der letzte Besuch detailliert besprochen. Monika Kmetovic beruhigt, ermuntert und geht auch mit ins Arztzimmer. Und auf dem Rückweg durch die Wiesbadener Innenstadt wird die Diagnose noch einmal im Detail besprochen und das weitere Vorgehen geplant. Gemeinsam.

In Wiesbaden gibt es mittlerweile zwölf solcher Tandems, die sich unter der Regie des örtlichen Flüchtlingsrats gebildet haben. Momentan hätten sie Anfragen von acht weiteren Flüchtlingen, die auf Tandempartner hofften, sagt Lisa Friedmann, eine der Initiatorinnen vom Flüchtlingsrat. Um eine „Willkommenskultur“ gehe es ihnen, erzählt sie, damit solle Flüchtlingen eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht werden. Wer als Mentor mitmachen will, sollte sich für mindestens ein halbes Jahr festlegen. Er muss dann ein Profil ausfüllen und bekommt einen Tandempartner zugeteilt. „Wir schauen, wer menschlich zueinander passt“, erzählt Frau Friedmann. Der Flüchtlingsrat begleite dann das erste Treffen. „In den meisten Fällen funktioniert das, und das nächste Treffen wird gleich geplant. Von da ab verabreden sich die Tandems selbständig.“

Viel gearbeitet, wenig Kontakte geknüpft

Später gebe es auch Fortbildungen für die Ehrenamtlichen - etwa zum Thema Asylrecht. Geplant sind auch gemeinsame Kurse für die Tandempartner, zum Beispiel, um über die Herkunftsländer zu informieren. Das Herkunftsland von Lula Gebrhiwot ist Eritrea. Seitdem die zierliche Frau mit den rot gefärbten Haaren vor 20 Jahren nach Deutschland floh, habe sie viel gearbeitet und wenig Kontakt mit Deutschen gehabt, erzählt sie in immer noch gebrochenem Deutsch. Jetzt wage sie einen neuen Versuch, um Deutsch zu lernen und Leute kennenzulernen. „Und ich habe ein Geschenk gekriegt“, sagt sie, lacht und blickt zu ihrer Tandempartnerin.

Einen deutschen Pass hat Lula Gebrhiwot einst beantragt, erzählt sie. Die Staatsbürgerschaftsprüfung habe sie bestanden - zum Beweis erklärt sie fröhlich die Bedeutung der Farben auf der deutschen Flagge. Aber dann, in der Behörde, sollte sie einen Brief vorlesen, und das habe nicht so richtig geklappt. Daher hat sie immer noch keinen deutschen Pass. „Das verbindet“, ruft ihre Mentorin.

Sehr deutsch und etwas kleinstädtisch

Was sich für sie verändert habe, seit sie von dieser begleitet werde? „Früher hab ich viel Angst gehabt“, sagt Lula Gebrhiwot. Vor den Gängen zu Behörden etwa oder zum Arzt. Heute bespricht sie sich vorher mit Monika oder wird von dieser begleitet - das habe sie stärker gemacht. Oft, wenn sie in ihrem Redefluss stockt, springt ihre Mentorin ein. „Bei dir ist der erste Schritt immer wichtig“, stellt Monika Kmetovic klar. „Da helfe ich, aber dann machst du ja alles selbst.“

Später sitzen die beiden Frauen in einem Café auf dem Marktplatz in Wiesbaden. Die Sonne steht tief, die beiden trinken Kaffee und blättern durch das Kinoprogramm. Vielleicht gehen sie später einen Film ansehen. Eine Jazzband spielt ein wenig zu laut, um sie herum sitzen ältere Paare im Rentenalter, sehr blond zum Teil und fast immer gut gebräunt, viele trinken Pils aus langstieligen Gläsern. Sehr deutsch wirkt das alles und etwas kleinstädtisch, und da strahlt Lula Gebrhiwot und sagt, dass das hier ihre Heimat ist, dass sie Wiesbaden liebt, und Monika Kmetovic lacht, und man wünscht sich, dass das alles schon 20 Jahre früher passiert wäre.

Nächste Woche, Folge 7: Vier Frankfurter organisieren ehrenamtlich das Lichter Filmfestival.

Lesen Sie die anderen Teile unserer Serie unter www.faz.net/ehrenamt

Quelle: F.A.Z.
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