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Serie „Anders arbeiten“ : Kreativ auf Bestellung

Heute hier, morgen dort: Ein sogenanntes Pop-up-Büro in London, schnell neu eröffnet, aber auch schnell wieder geschlossen Bild: AP

Immer mehr Menschen verzichten freiwillig auf feste Anstellung und Büro. Aufträge kommen fast von alleine – neue Plattformen machen’s möglich.

          Mit dem Internet kam die Freiheit. Das ist zumindest eine Art, den Wandel der Arbeitswelt zu sehen. Arbeit war früher da, wo der Arbeitgeber war: ein Schreibtisch, ein Stuhl, ein Telefon und ein Faxgerät. Das gab es nur dort. Dann wurden die Computer immer leichter, bis man sie überallhin tragen konnte, das Internet sorgte für Erreichbarkeit auf der ganzen Welt. Auch auf Bali, in Mexiko oder – wenn das W-Lan hält – auf einem Kreuzfahrtschiff in der Südsee. Statt unter der Leuchtstoffröhre sitzt man unter der Sonne Thailands und gräbt seine Füße in den Sand, während man auf seinem Computer die Internetseite des Kunden gestaltet. Kein Grund also, sein Leben in einem Büro herkömmlicher Art und Güte zu fristen, jedenfalls wenn man ungebunden und frei ist.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Mit dem Internet kam eine neue Form der Ausbeutung. Das ist die andere Art, den Wandel zu sehen. Das Internet ist eine gute Gelegenheit für Unternehmen, gutbezahlte Stellen abzubauen und stattdessen schlechtbezahlte Tagelöhner einzusetzen; digitale Nomaden, „Crowdworker“ genannt, weil sie nur Teil eines undefinierbaren Schwarms sind, die gar keine Chance auf eine Festanstellung haben und sich deshalb in ihrem Arbeitsleben von einem schlecht bezahlten Auftrag zum nächsten hangeln.

          Wer darauf hofft, sich beruflich zu binden, hat gute Chancen

          Beide Seiten gibt es, keine Frage, aber lange Zeit war unklar, welche Art sich am Ende durchsetzen würde. Die gute Nachricht zuerst: Vieles deutet auf die erste Variante hin. Die Zahlen jedenfalls sagen: Arbeit gibt es zuhauf. Noch nie gab es in Deutschland so viele sozialversicherungspflichtig Beschäftigte wie jetzt (knapp 33 Millionen), die Arbeitslosenquote mit 5,7 Prozent selbst im tiefsten Winter ist so niedrig wie lange nicht mehr. Die Zahl der Selbständigen steigt ebenfalls stetig, aber auf ein ganz anderes Niveau. Rund 1,4 Millionen Selbständige gab es im vergangenen Jahr. Das bedeutet: Wer darauf hofft, sich zu binden, hat gute Chancen, zumindest in den meisten Branchen.

          Doch viele wollen gar nicht. Auch wenn nur eine Minderheit die neue Freiheit dazu nutzt, die Arbeit vom Strand aus zu erledigen. Das ist dann vielen doch zu abgedreht, das Café oder das Home-Office sind oft schon Flexibilität genug. Die Abwechslung macht den Reiz aus, die Möglichkeit, sich Auftraggeber und Arbeitszeit frei zu wählen.

          Hinzu kommt: Die Alternativen sind verlockend, dem Internet sei Dank. Die Suche nach Aufträgen endet jetzt nicht mehr in den Kleinanzeigen oder am Schwarzen Brett beim Rewe um die Ecke. Es hat sich eine regelrechte „Plattformökonomie“ gebildet: Wer Aufgaben und Projekte sucht, findet sie in solchen Foren. Rund eine Million Menschen arbeiten so, schätzt die IG Metall, zumindest in Form eines Nebenverdienstes. Tendenz steigend. „Wir gehen davon aus, dass diese Form der Arbeit weiter zunehmen wird“, sagt Vanessa Barth, zuständige Ressortleiterin der IG Metall.

          Der Bedarf ist groß, zum Beispiel, wenn es um künstliche Intelligenz geht. Die notwendigen Trainingsdatensätze zu beschaffen ist eine schier endlose Aufgabe. Allein zur Vorbereitung auf die selbst fahrenden Autos müssten auf riesigen Mengen von Straßenfotos Poller oder Straßenschilder per Hand markiert werden, berichtet Barth.

          Es gibt Dutzende Plattformen mit unterschiedlicher Ausrichtung

          Ausgerechnet der Internetkonzern Amazon hat den Trend einst gestartet mit kleinen, relativ schlechtbezahlten Aufgaben auf seiner Internetseite „Mechanical Turk“. Doch inzwischen gibt es allein in Deutschland Dutzende Plattformen mit unterschiedlicher Ausrichtung, auch für Tätigkeiten, die es früher gar nicht gab. Oder für die früher jedenfalls noch niemand bezahlen wollte.

          Die Jobvermittlungsplattform „Appjobber“, ein Startup der TU Darmstadt, ist so ein Beispiel. Auf der Plattform gibt es „Microjobs“ zuhauf, also Tätigkeiten, die so klein sind, dass sie kaum der Rede wert sind. Einfach zu erledigen, quasi im Vorbeigehen mit dem Handy. Die Jobber fotografieren Straßenschilder oder Werbeaktionen im Supermarkt. Erstaunlicherweise gibt es dafür einen Markt: Tom Tom, der Navigationsgerätehersteller, möchte mit den Informationen seine Karten verfeinern. Ein Schokoladenkonzern will sicher sein, dass seine Ware ordentlich drapiert ist. Früher mussten die Unternehmen für die Aufgaben Trupps losschicken, jetzt verlassen sie sich auf die Hilfe des „Schwarms“ im Internet. Je nach Tätigkeit zahlen sie mal ein Euro, fünf oder auch mal zehn. Das kann sich läppern.

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