10.05.2006 · Starker Dialekt und eine schlechte Aussprache kann im Berufsleben ein Hindernis sein. Immer mehr Führungskräfte wenden sich daher an Rhetorik- und Sprechtrainer, um gezielt ein besseres sprachliches Selbstbewußtsein zu trainieren.
Von Sebastian Flohr„König Ludwig hat bei uns in Bayern Kultstatus. Wehe, man wagt es sich, Kritik gegen den einstigen Monarch zu formulieren. Doch wie man den König aus vergangenen Zeiten richtig ausspricht, ist nur wenigen bekannt“, sagt Eggolf von Lerchenfeld. Der smarte Bayer weiß, wovon er spricht. Gemeinsam mit seinem Kollegen Uwe Hackbarth schult er seit über zehn Jahren als Rhetorik- und Sprechtrainer Führungskräfte aus Politik, Wirtschaft und Industrie.
„Wenn sich jemand bei Ihnen vorstellt, der vielleicht einen hohen Intelligenzquotienten von 180 besitzt, aber eine schlechte Aussprache hat, werden Sie ihn gleich unterschätzen und falsch einstufen. Deshalb ist Sprache als persönliches ,Aushängeschild' im Berufsleben unheimlich wichtig“, sagt von Lerchenfeld.
„Dialektfrei sprechen“
Das haben auch die elf Teilnehmer des Management Circle Seminars „Dialektfrei sprechen“ erkannt. Aus ganz Deutschland sind die Teilnehmer in das Tagungshotel nach Frankfurt am Main gereist. Die Sachsen, Pfälzer und Hessen verbindet ein gemeinsamer Wunsch: Mit Hilfe der Sprechtrainer wollen sie sich ihre falsche Aussprache, dialektalen Einfärbungen wie auch ihre leiernden Satzmelodien abtrainieren.
Die Kommunikationstrainer haben vorgesorgt. Auf dem Tisch des kleinen Seminarraumes steht ein Mikrofon. Noch sind alle Kursbesucher entspannt. Das Mikrofon mit dem gelben Windschutz wird bald von Teilnehmer zu Teilnehmer wandern. Langsam macht sich Unruhe breit. „Wenn Sie Ihre Aussprache verbessern wollen, müssen Sie wie ein Marathonläufer trainieren“, sagt Eggolf von Lerchenfeld.
Der erste am Mikrofon ist Dirk Wesener aus der Pfalz. Der pfälzische Dialekt ist beim Vorlesen des Textes nicht zu überhören. „Meine Kollegen haben mir mitgeteilt, daß sie mich so schlecht verstehen. Deshalb bin ich hier“, sagt der zweifache Familienvater aus Landau, der für die Überwachung medizinischer Gerätschaften in einem großen Pharmakonzern zuständig ist. „Bei Ihnen, Herr Wesener, müssen wir noch das ,s' aus dem ,ich' rausbügeln“, erklärt von Lerchenfeld.
„Horrorlaute der deutschen Sprache“
Die deutsche Sprache hat einige kniffelige Facetten. „,Ig' und ,t' am Wortende und innerhalb eines Wortes sind aber die Horrorlaute der deutschen Sprache“, sagt Uwe Hackbarth. „,igt', egal, ob am Wortende oder innerhalb eines Wortes, wird fast immer icht, wie im Wort ,Ich', ausgesprochen - und nicht anders.“ Die Skepsis steht den Teilnehmern ins Gesicht geschrieben. „Dann heißt es also ,Könich' und nicht Konig“, sagt Jürgen Müller mit sächsischer Einfärbung.
Genauso wie der König wird in der Standardaussprache von der „Predicht“ und von der Zahl „neunzich“ gesprochen. Ähnlich ungewohnt ist die Aussprache bei der Kombination von „ch und st“ innerhalb der Wörter „höchstens“ und „nächstens“. „Sprechen Sie niemals ,gs', ,ks', oder ,x', sondern auch hier ein deutliches ,ch', wenn Sie zum Beispiel von dem Frankfurter Stadtteil Höchst sprechen“, erwähnt der Kommunikationstrainer. „Das ist zuerst einmal für viele ungewohnt und verwirrend. Korrekte Aussprache wird schon in der Schule nicht richtig vermittelt. Deutschlehrer sind dafür einfach nicht ausgebildet.“
Betonungsregeln
Auch Jürgen Müller aus Chemnitz hat Probleme mit seiner Aussprache. „Ich arbeite als Controller bei einem deutschen Automobilkonzern und muß Ergebnisse und Firmenbilanzen präsentieren. Da stört mich einfach mein sächsicher Dialekt.“ Gerade die richtige Aussprache von Zahlen fordert die Teilnehmer heraus. „Besonders die Zahl fünf ist schwierig auszusprechen“, sagt Trainer Uwe Hackbarth. „Viele verschlucken bei Summen wie 55.555 das ,und'. Oft wird auch das ,n' in der Fünf zu einem gesprochenen ,m'. Das kann bei Präsentationen zu Verständnisschwierigkeiten führen.“
Auch die Betonung ist für eine klare Aussprache von weitreichender Bedeutung. „Oft neigen wir dazu, zuviel zu betonen. Dann versteht man den Kern der Nachricht nicht mehr. In der Regel ist es sinnvoller, nur das Hauptwort zu betonen, da es in unserer Sprache viel mehr Nomen gibt als Verben“, sagt von Lerchenfeld. Bei Vorträgen sollen die wichtigen Stellen besonders hervorgehoben werden, um das Publikum bei der Stange zu halten. „Als Controller müssen Sie mehr die Zahl betonen und nicht die Einheit Euro“, verbessert Trainer Hackbart den Manager aus Sachsen.
Atemtechnik und Stimmbildung
Aus dem Seminarraum im siebten Stock dringt lautes Gelächter, es wird schwer geatmet, anschließend folgt kräftiges Summen. „Keine Sorge, die kennen uns hier schon im Hotel“, beruhigt von Lerchenfeld die Seminarteilnehmer, die mittlerweile aufgestanden sind. Jeder von ihnen hält seine Hand an den Bauch. In den Gesichtern ist ein leichtes Schmunzeln zu erkennen. An diesem Nachmittag steht noch die richtige Atemtechnik und Stimmbildung auf dem Seminarplan.
„Viele haben bei Präsentationen Angst, daß ihnen die Luft ausgeht. So pumpen sie sich, kurz bevor es losgeht, bis zum Anschlag mit Sauerstoff voll“, bemängelt von Lerchenfeld. „Zuviel Luft behindert die Stimmentfaltung. Atmen Sie ruhig und nur aus dem Bauch heraus. Die Schultern bleiben dabei völlig unten.“ Uwe Hackbarth öffnet schließlich die Fenster. Nach den Atemübungen ist die Luft in dem kleinen Raum verbraucht.
Daß eine gelungene Präsentation ein Zusammenspiel so vieler Faktoren darstellt, erstaunt die Immobilienmaklerin Diana Sippel. Sie rückt ihren Pullover, den sie über ihre Schultern gelegt hat, in den Nacken. Im Saal zieht es. „Bei einem Vortrag ist man doch eh schon angespannt. Wie soll ich mich dann noch auf die Sprech- und Atemregeln konzentrieren?“ fragt sich die Frau in dem schwarzen Hosenanzug und schließt das Fenster.
„Wie ein Handwerk“
„Richtiges Sprechen ist wie ein Handwerk. Das muß ständig geübt und verbessert werden“, sagt Eggolf von Lerchenfeld. „Nehmen Sie sich nicht gleich zuviel vor, sonst sind Sie im Kopf nur damit beschäftigt, alles zu verbessern.“ Referenten sollen sich vor einer Präsentation auf einem kleinen Schmierzettel nur ein bis zwei Punkte notieren, die sie verbessern wollen, um so Schritt für Schritt an sich zu arbeiten.
Ziel ist es nicht, gleich alles perfekt zu können, sondern auch ein Gespür für Sprache zu entwickeln. „Ich kann Ihnen versprechen, heute abend werden Sie die Fernsehnachrichten mit ganz anderen Augen sehen und auch hören“, sagt von Lerchenfeld.
Die beiden Kommunikationstrainer sehen die Intention ihres Seminars nicht darin, dialektale Einfärbungen aus der Sprache der Kursteilnehmer völlig auszuradieren. „Sie müssen Ihre Heimat nicht verleugnen. Dialekt ist etwas Schönes. Sie sollen nur besser verstanden werden“, gibt Uwe Hackbarth zu verstehen.