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Seminare gegen Erschöpfung Stress, lass nach

Erschöpfte Mitarbeiter suchen zunehmend Hilfe in Seminaren. Doch Wissenschaftler warnen: An den Symptomen herumzudoktern hilft nicht - die Arbeitsabläufe müssen entschleunigt werden.

© Elleringmann / LAIF Vergrößern Mal alle Fünfe gerade sein lassen: Viele Arbeitnehmer hoffen auf Hilfe in Entspannungsseminaren.

Durch die Panoramafenster fällt graues Tageslicht in den Raum, während es draußen auf die gepflegten Blumenrabatten regnet. Ein Dutzend Leute sitzen in verschiedenen Posen auf gelbroten Kissen, die in zwei Reihen auf dem Holzboden liegen. Sie tragen dicke Socken und ziehen die plüschigen Decken um ihre Beine enger zusammen, denn durch die Türritzen dringt feuchte Herbstkälte herein. „Legen Sie Ihre Hände auf die Knie und schauen Sie locker geradeaus“, sagt die Stimme. „Augen geöffnet halten. Ruhig atmen. Bleiben Sie zehn Minuten lang so.“

Lena Schipper Folgen:  

Die Stimme gehört Chris Tamdjidi, einem ehemaligen Unternehmensberater, der seit Jahren als Meditationstrainer aktiv ist. Die Leute, die auf den Kissen sitzen, sind die Teilnehmer eines Wochenendseminars zum Thema „Stressbewältigung durch Achtsamkeit“. Das zehnminütige Geradeausgucken ist die erste meditative Übung. Sie sind Führungskräfte, selbständige Unternehmer oder Angestellte und größtenteils aus eigenem Antrieb gekommen. Alle klagen darüber, dass ihnen der Alltag über den Kopf wächst: E-Mails, Anrufe, Multitasking, ständige Erreichbarkeit und dazu Konflikte im Betrieb. „Es ist einfach alles zu viel“, fasst eine Teilnehmerin die Misere zusammen. Von dem Seminar erhoffen sie sich, den Stress besser aushalten zu können.

Ein Konzept aus dem Buddhismus

Das Konzept der Achtsamkeit stammt aus dem Buddhismus: die säkulare Variante der Meditationstechnik, im angloamerikanischen Raum auch bekannt als „mindfulness-based stress reduction“ (MBSR) dient dazu, dass der Meditierende den gegenwärtigen Augenblick und die damit verbundenen Gefühle bewusster wahrnimmt, egal, ob die Erfahrung als angenehm oder unangenehm empfunden wird. Wer diese Haltung erfolgreich verinnerlicht, kann laut Tamdjidi eine gesunde Distanz zum alltäglichen Stress im Berufsleben entwickeln und so leichter damit fertig werden. Es geht dabei explizit nicht um Systemkritik oder darum, die stressigen Aspekte des Alltagslebens zu beseitigen. Stattdessen soll das Achtsamkeitstraining den Seminarteilnehmern helfen, ihre eigene Rolle im System und ihre emotionalen Reaktionen darauf bewusster wahrzunehmen und aushalten zu können. Die meisten Menschen hätten wenig Gestaltungsspielraum, was ihr Arbeitsumfeld beträfe, findet Tamdjidi. Die Welt sei objektiv schnelllebiger und hektischer geworden. „Es kommt deswegen darauf an, wie man persönlich damit umgeht“, sagt er.

Diese Idee steht hinter vielen Angeboten zu Entspannung und Stressmanagement. Ob Yoga oder autogenes Training, Joggen in der Mittagspause oder Fußball nach der Arbeit - Arbeitnehmer stählen sich für den besseren Umgang mit immer neuen Veränderungen und Herausforderungen. Welche das sind und ob sie immer alle auch notwendig sind, ist dabei erst einmal egal.

Die Branche ist größtenteils unreguliert

Das Potential dieser Angebote erkennen auch zunehmend Unternehmen - und könnten dem Stressmanagement damit zu einem noch größeren Markt verhelfen. Weil die Branche größtenteils unreguliert ist und von sehr unterschiedlichen Anbietern beackert wird, gibt es keine genauen Zahlen zum Wachstum des Angebots. Auch verlässliche Zahlen, wie viele Unternehmen ihren Mitarbeitern mittlerweile Angebote im Bereich Stressmanagement machen, gibt es bisher nicht - auch, weil nicht genau definiert ist, welche Arten von Aktivitäten in diesen Bereich gehören. Im Bereich Achtsamkeit hat sich in der Vergangenheit etwa der amerikanische Internetkonzern Google hervorgetan. Dort gibt es sogar ein eigens eingerichtetes Zentrum, in dem sich Mitarbeiter in Achtsamkeit schulen lassen können.

In Deutschland fördert eine simple Internetsuche viele hundert Angebote zutage, die sich im Preis rund 300 Euro für Meditationsseminar am Wochenende und vielen tausend Euro für maßgeschneiderte Individualtrainings inklusive Sport- und Ernährungsplan bewegen. Die Anbieter berichten von zunehmender Nachfrage von Unternehmen und von Einzelpersonen: „Unternehmen suchen zunehmend nach Möglichkeiten, ihre Mitarbeiter beim Umgang mit Stress zu unterstützen. Wir haben immer mehr Anfragen“, sagt etwa Günter Hudasch, Vorsitzender des MBSR-Verbands in Berlin, der sich die Zertifizierung und Verbreitung der Achtsamkeitsmeditation zur Aufgabe gemacht hat - sein Hauptgeschäftsgebiet sind Seminare in Unternehmen. Die Führungskräfte, mit denen er in Seminaren zu tun habe, würden durch die Achtsamkeitsmeditation entspannter, aber deshalb nicht weniger leistungsfähig - im Gegenteil.

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