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Schlüsselkompetenzen Nicht mit den Füßen kippeln

09.02.2012 ·  Arbeitgeber klagen, dass Jungakademiker unsicher auftreten und schlecht kommunizieren. Manche Hochschulen bieten deshalb besondere Workshops an.

Von Lisa Becker
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Die rot markierten Workshops sind schon ausgebucht, heißt es auf der Internetseite der Frankfurter Goethe-Universität. Ein genauer Blick offenbart: Alle Veranstaltungen sind rot markiert; bis Ende März - so weit reicht die Liste - kann keine mehr gebucht werden. Die Seminare sind sogar zwei- bis dreifach überbucht. Zwölf Teilnehmer werden je Workshop aufgenommen. Die Zahl der Anmeldungen ist aber oft höher als 30.

Auf besonders großes Interesse stößt mit 60 Anmeldungen "Die schriftliche Bewerbung". Überdurchschnittlich hoch ist auch die Nachfrage nach "Rhetorik I" und nach "Ausstrahlung, Körpersprache, selbstbewusstes Agieren". Besonders beliebt sind außerdem "Prüfungsstress und Lampenfieber" sowie "Self-Marketing - der überzeugende Auftritt".

Das Angebot an Kursen nimmt zu

Ähnliche Workshops gibt es auch an anderen deutschen Hochschulen. Das Frankfurter Angebot ist aber besonders reichhaltig: Rund neunzig fakultätsübergreifende Seminare zu Schlüsselkompetenzen bietet die Hochschule im Wintersemester 2011/2012 an, einige sogar auf Englisch. Vor vier Jahren, als die Uni damit begann, waren es erst vierzig Veranstaltungen im Halbjahr. "Der Erfolg ist riesig, wir werden regelrecht überrannt", sagt Hans-Henning Kappel, der an der Goethe-Universität das Zentrum für Weiterbildung leitet.

Schlüsselqualifikationen sind überall an den Hochschulen ein Thema. Das hat mit der Bologna-Reform zu tun, deren Ziel es ist, Studierende für den Beruf zu befähigen ("Employability"). Dafür reicht es - das zeigen Umfragen unter Arbeitgebern - bei weitem nicht aus, über Fachwissen ("Hard Skills") zu verfügen; genauso wichtig sind die Schlüsselqualifikationen ("Soft Skills"). Denn wer über "weiche" Fähigkeiten verfügt, kann sich Wissen schnell und fruchtbar erschließen und sich gut an neue Herausforderungen im Beruf anpassen.

Kommunikationsfähigkeit, Einfühlungsvermögen, Kreativität, Analysefähigkeit, gute Lern- und Arbeitstechniken, Leistungsbereitschaft, Flexibilität, Zuverlässigkeit, Selbständigkeit - das sind nur einige dieser Kompetenzen. In Umfragen fällen Arbeitgeber allerdings regelmäßig ein schlechtes Urteil, wenn sie gefragt werden, ob Jungakademiker in der Lage sind, Probleme zu lösen, zu kooperieren, zu kommunizieren oder selbständig zu arbeiten.

Ideal: Schlüsselkompetenzen gemeinsam mit Fachwissen vermitteln

Die Hochschulen müssen sich deshalb überlegen, wie sie die Schlüsselqualifikationen stärken wollen. Am besten wäre es, diese Fähigkeiten gemeinsam mit dem Fachwissen zu vermitteln, sagen Hochschuldidaktiker. Zum Beispiel könnte man Studenten in einer Lehrveranstaltung ein fachliches Problem eigenverantwortlich in der Gruppe lösen lassen. Solche Lehrmethoden sind allerdings noch sehr rar.

Deshalb kommen die Workshops, wie sie an der Gothe-Universität gehalten werden, vielen Studenten gerade recht. Bildungsfachmann Kappel will sie aber nicht als Lückenfüller verstanden wissen. "Sie haben eine ganz eigene Qualität", sagt er. "Wenn Studierende aus verschiedenen Fachbereichen und Studienphasen fachübergreifend zusammenkommen, können sie viel voneinander lernen."

Der Trainer aus der Wirtschaft ist gleichzeitig Vorbild

Den Großteil der Frankfurter Workshops leitet Helmut-Gerhard Müller. Wenn er keine Studenten trainiert, coacht Müller in Frankfurter Bankentürmen und anderen Unternehmen Führungskräfte. Die Arbeit mit den Studenten bereitet Müller sichtlich Freude. Auch genieße er es, mal in Jeans zur Arbeit gehen zu können, sagt er. Seine Jeans sind freilich in tadellosem Zustand, genauso wie Müllers gut geschnittenes dunkles Sakko und die blanken schwarzen Schuhe.

Im Workshop "Kommunikation klipp und klar", den Müller an diesem Tag leitet, ist er ein gutes Vorbild für das, was er vermitteln möchte. So erklärt er beim Austeilen von Arbeitsblättern in klaren, wohlgewählten Worten, worum es gleich gehen wird. Er betont sehr sorgfältig, wirkt dabei aber nicht steif. Den Teilnehmern schaut er freundlich in die Augen, nicht zu lange und nicht zu kurz, und benutzt gewandt seine Hände, um das Gesagte zu verdeutlichen.

Müller weiß, dass Schlüsselqualifikationen nur zu einem gewissen Grad in zwei Tagen erlernt werden können. Doch ist er überzeugt, dass Studenten aus den Workshops viel mitnehmen können, vor allem wenn sie mehrere besuchen. "Man vernetzt sich menschlich miteinander und wahrt gleichzeitig die nötige Distanz", erklärt er.

Im Kommunikations-Workshop: Die Theorie wird konkret

Zunächst stellt sich jeder Teilnehmer kurz vor und erklärt, warum er teilnimmt. Nach jeder Vorstellung beurteilen die anderen, ob die Vorstellung kurz, klar, korrekt, konkret, kompetent, konzentriert und kooperativ war. Diese sieben Ks werden das ganze Seminar über der Maßstab für die Beurteilung der vielen Reden, Vorträge und Statements sein. Müller mahnt positive Botschaften an. "Streichen Sie Füllwörter, halten Sie Augenkontakt, aber mit einer Person nicht mehr als drei bis vier Sekunden. Und argumentieren Sie."

"Ich will meine Meinung selbstbewusster darstellen können", sagt eine Studentin. Die anderen motivieren sie: "Das machst du gut, Du kannst selbstbewusst sein." "Ich kann mich nicht immer so deutlich ausdrücken", meint eine andere. Sie solle etwas lauter sprechen, lautet eine Rückmeldung. "Nicht mit den Füßen kippeln", rät Trainer Müller einer anderen.

Die Teilnehmer der Kurse sind überwiegend weiblich

Die Workshops werden zu rund 80 Prozent von Frauen besucht. Auch im Kommunikations-Workshop sitzt nur ein Mann: der 22 Jahre alte Miloud Akir, Student der Wirtschaftswissenschaften. Akir hat schon den Rhetorik-Workshop besucht und ist voll des Lobes. Alle Workshop-Themen seien interessant, sagt er. "Das braucht man fürs Leben."

In der Schule und an der Universität werde vor allem Fachwissen vermittelt, bemängelt er. "Doch was nutzt es mir, wenn ich weiß, was schon andere vor mir wussten, dieses Wissen aber nicht rüberbringen kann?" In der Hochschule höre man zudem meistens nur zu. "Wenn einem in der Vorlesung eine Frage einfällt, kann man sie nicht stellen." In den Tutorien mit 30 bis 40 Teilnehmern sei es besser. "Doch wenn man nichts sagen will, dann muss man auch nicht."

Nur etwa ein Drittel der Studenten lernt die Kompetenzen von allein

Ist aber das Studium in einem Massenfach an der Massenuniversität nicht auch eine gute Möglichkeit, Schlüsselqualifikationen zu trainieren? Lernt man nicht besonders gut, sich selbst zu organisieren und zu motivieren? Für etwa ein Drittel der Studierenden stimme das, sagt Trainer Müller. "Das sind die Stehaufmännchen." Ein weiteres Drittel habe unter diesen Bedingungen aber schlechte Karten, schätzt Müller.

Das letzte Drittel versuche immerhin, die eigenen Lernbedingungen zu verbessern, indem man sich zum Beispiel durch die Bildung von Lerngruppen mit Kommilitonen vernetze. Zu diesem Drittel gehört Akir. Auch an einer privaten Lerngruppe hat er schon teilgenommen. "Da kann man mit offenem Herzen alles sagen, was man möchte", lobt er.

Die 23 Jahre alte Psychologiestudentin Julia Engel tritt im Kommunikations-Workshop schon erstaunlich professionell auf. Die anderen nehmen sie als locker, sympathisch und kompetent wahr. Das Kommunizieren habe sie nicht in den Lehrveranstaltungen gelernt, sagt sie. "Am meisten fürs Leben bringen Praktika." Außerdem profitiere sie davon, dass sie an ihrer Fakultät eine Übungsgruppe leite. Auch die Workshops findet sie gut. " Man nimmt viele Grundlagen mit, die man dann aber üben muss."

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Jahrgang 1966, Redakteurin in der Wirtschaft

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