Es gibt nicht viele Arbeitsplätze, wo Touristen an die Tür klopfen und fragen, ob sie sich mal umschauen dürften. Der von Rosa Loy ist so einer. Die Malerin hat ihr Atelier in der alten Baumwollspinnerei in Leipzig, einem Areal, auf dem bis Anfang der neunziger Jahre Garne produziert wurden. Später ließen sich Künstler und Galerien in den Fabrikhallen nieder. Was anfangs ein Geheimtipp unter Kunstkennern war, ist heute ein Publikumsmagnet. Spätestens seit der britische „Guardian“ die Spinnerei als „hottest place on earth“ bezeichnete, stehen die Backsteingebäude in jedem Reiseführer. Und die Touristen vor der schweren Metalltür, die zum Atelier von Rosa Loy führt.
Drei Wörter sind es, die Kunstinteressierte aus aller Welt faszinieren: Neue Leipziger Schule. Eine Gruppe von Absolventen der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, deren Stil nach der Wende international Aufsehen erregte. Rosa Loy ist eine dieser Malerinnen. Ihre Bilder, oft Frauen in mystischer Umgebung, kosten zwischen 5000 und 45000 Euro. Das ist viel in einer Welt, in der sich viele Künstler nur mit Nebenjobs über Wasser halten können. Und doch ist es wenig, zumindest im Vergleich zum prominentesten Vertreter dieser Gruppe, Neo Rauch, dessen Bilder für ein Vielfaches gehandelt werden. Das Besondere an der Konstellation: Rosa Loy ist die Frau von Neo Rauch.
Neulich in Wien
Es gehört zu ihrem Berufsalltag, dass sie bei jeder Gelegenheit auf ihren ungleich berühmteren Ehemann angesprochen wird. Wie kürzlich während einer Ausstellung in der Nähe von Wien, in der das Künstlerpaar zum ersten Mal gemeinsam seine Bilder präsentierte. „Ach, Sie malen auch?“, sagte ein Besucher zu Loy. Und weiter: „Meine Frau malt auch.“ Rosa Loy lacht, wenn sie von solchen Szenen erzählt. Es sei ja nett gemeint. Und doch hat man das Gefühl, dass sie es ein wenig leid ist, immer wieder „die Frau von“ zu sein.
Sie sitzt auf einem mit Farbe besprenkelten Stuhl in ihrem Atelier. Auf dem Tisch liegt anstelle einer Tischdecke ein Teppich, darauf einige schrumplige Äpfel und ihr iPhone. Auf dem Sofa schnarcht Mops Smilla, der zuvor noch auf dem glatten Atelierboden hin und her geflitzt ist. „Ein Partyhund“, sagt Loy. Auf ihrem Pullover hängen reichlich Hundehaare. Die Staffelei steht am anderen Ende des Raumes, gleich neben dem Fenster. Die Leinwand darauf wirkt fertig, aber Loy ist mit dem Bild noch nicht zufrieden. Manchmal dreht sie eine Leinwand für eine Weile um, verbannt sie aus ihrem Blickfeld, bevor sie weitermacht oder auch nicht. Das Malen an sich sei nicht so schwer, sagt Loy. „Man muss im richtigen Moment aufhören.“
Faible für Pflanzen
Überall im Atelier stehen Vasen mit Blumen, manche noch frisch, andere schon lange verblüht. Hinter dem Sekretär, an dem Loy ihre Skizzen fertigt, streckt sich eine Zimmerpflanze in Richtung Hallendecke. Loy hat ein Faible für Pflanzen. Es zieht sich durch ihre Bilder wie durch ihr Leben. Ihre Eltern hatten in der DDR eine Gärtnerei, Rosa Loy half als Kind oft dort mit. Nach der Schule bemühte sie sich dann um einen Studienplatz für Gartenbau, obwohl sie schon damals gerne zeichnete. Sie bekam den erhofften Platz, was einerseits an ihren guten Noten lag, aber auch daran, dass die Familie nicht gegen das politischen System aufbegehrte.
Nach ihrem Abschluss als Gartenbauingenieurin arbeitet Loy bei der Leipziger Stadtverwaltung. Eine Stelle in der Abteilung Umweltschutz. Loy fühlt sich dort alles anderes als wohl. „Es ging nur darum, irgendwie die Zeit rumzuschlagen und anderen Leuten die Arbeit zuzuschieben, die man selbst nicht machen wollte.“ Die Aussicht, so die nächsten 30 Jahre zu verbringen, schaudert sie. So nimmt sie ihr altes Hobby wieder auf, das Zeichnen, schreibt sich in der Abendschule der Hochschule für Grafik und Buchkunst ein. 1985 dann der Bruch mit dem Gartenbau: Mit ihrer während der Abendschule bestückten Bewerbungsmappe wird sie für ein reguläres Studium an der Kunsthochschule angenommen.
Zuhause in der alten Spinnerei
Es ist auch das Jahr, in dem sie Neo Rauch heiratet. Die beiden haben sich einige Jahre vorher über eine gemeinsame Freundin kennengelernt, er studierte da bereits, sie besuchte noch die Abendschule. Nach der Wende beziehen sie in der alten Spinnerei Quartier. Wegziehen, ob in den Westen oder ins Ausland, kommt nicht in Frage. „Es ist so viel passiert in dieser Umbruchzeit“, sagt Loy. „Da war es beruhigend, wenigstens am gleichen Ort weiter zu wohnen.“
Die ersten Jahre entwickeln sich die Karrieren der beiden in einem ähnlichen Takt. Jeder baut sich mit Hilfe seines Galeristen einen Sammlerkreis auf. Mal habe ihr Mann mehr verdient, mal sie, so erzählt es Loy. Doch spätestens als eine Kunstkritikerin der „New York Times“ Neo Rauch 1999 als „Maler, der aus der Kälte kam“ feiert, ändert sich das. Die Nachfrage nach seinen Bildern wächst rasant. Für die anderen Vertreter der Neuen Leipziger Schule ist das eine zweischneidige Sache. Einerseits stehen sie im Schatten des Stars. Andererseits profitieren sie von seinem Glanz. „Ich fand’s toll“, beschreibt Rosa Loy ihre Gefühle. „Ich bin da sehr großzügig. Wir sind ja ein Paar und keine Gegner.“ Und sie sagt auch: „Natürlich sind wir alle in der Sonne von Neo.“
Nähe und Distanz
Dass ihr Mann und sie im gleichen Beruf arbeiten, sich noch dazu stilistisch ähnlich sind, empfindet Loy als angenehm. „Das ist wie bei Chirurgen. Die kommen abends nach Hause und fragen: Welches Bein hast du heute amputiert? Und wie hast du das mit den Adern gemacht?“ Und doch gilt eine eiserne Regel: Kritik und Ratschläge an den anderen nur, wenn dieser entweder darum gebeten hat („Was stimmt hier nicht?“) oder auf die Frage „Darf ich dir etwas sagen?“ zugestimmt hat. Ihre Ateliers liegen unmittelbar nebeneinander, trotzdem wahren die Künstler Abstand. Als Neo Rauch sich am späten Nachmittag verabschiedet, um zusammen mit der inzwischen wieder wachen Smilla den Heimweg anzutreten, klopft er zunächst dreimal an die Metalltür. Erst auf Loys „Herein“ betritt er das Atelier.
Rund 20 Bilder malt Rosa Loy jedes Jahr. In der Regel arbeitet sie an drei Leinwänden parallel - eine fast fertig, eine noch ganz am Anfang. Die Größen hängen davon ab, welche Ausstellungen in nächster Zeit geplant sind. Sobald sie den Raumplan vorliegen hat, fängt sie mit dem Strukturieren an. Welche Wand bedarf eines großen Formats, wo wirken mehrere kleinere Bilder besser? Ihre Bilder am Ende zu verkaufen fällt ihr nach eigener Aussage nicht schwer. „Sie müssen raus in die Welt.“ Und auch, dass der Galerist 50 Prozent des Verkaufspreises erhält, findet Loy nur gerecht. Er müsse schließlich die Kontakte zu den Sammlern pflegen - sie dagegen ist lieber in ihrem Atelier.
Kopieren ist erlaubt
Auch heute noch ruft sie sich beim Malen immer wieder die Inhalte ihres Studiums ins Bewusstsein. Dann studiert sie zum Beispiel in einem Spiegel, wie die Haut Falten wirft, wenn man den Arm in einer bestimmten Form hält. Während des Studiums habe sie häufig andere Maler kopiert. „Das ist in Ordnung, solange man studiert.“ In den Augen von Rosa Loy ist Malen ein Handwerk, das sich erlernen lässt, das man geradezu erlernen muss. „Wenn man sich diese Karos hier anguckt“, sagt sie und deutet auf den Boden des Ateliers, „die verjüngen sich, die sind vorne breiter als hinten.“ Das gelte es auf die Leinwand zu übertragen. „Man kann die Regeln auch brechen, aber man muss sie erst mal lernen.“
Neo Rauch hat einmal gesagt, die Bilder seiner Frau seien Heilpflanzen, seine dagegen kämen wie Disteln daher. Die Art, wie Rosa Loy erzählt, bestärkt den Eindruck, dass diese Frau nur wenig aus der Ruhe bringen kann. Auf die Frage, welche Ziele sie im Leben noch hat, antwortet sie lapidar: weiter malen. Sie empfinde es als großes Glück, von ihrem Beruf leben zu können. Und sonst wäre da ja noch der Plan B, zurück zu den Wurzeln: „Wenn alles zusammenbricht, haben wir immer noch einen Garten und können Kartoffeln anbauen.“
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... zeitigem Aufstehen um halb sieben.
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... - es gibt nichts, was ich nicht noch einmal machen würde. Es war alles richtungsweisend.
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... - Geld bietet eine gewisse Sicherheit. Ansonsten ist es abstrakt.
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...bei Freunden, in der Familie und auch in Büchern. Ich schaue, wie andere Leute Probleme gelöst haben.
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... - mein Mann arbeitet im gleichen Beruf, das macht es viel einfacher.
Den Kindern rate ich, ...
... das zu machen, was ihnen Spaß macht. Und genau zu überlegen, was das ist. Damit sparen sie viel Zeit.
Mein Weg führt mich ...
... - ich werde auf jeden Fall lange arbeiten. Und ich werde nicht allzu viel reisen. Ich bin am liebsten zu Hause.
Zur Person
- Rosa Loy kommt 1958 im sächsischen Zwickau auf die Welt.
- Von 1976 an studiert sie Gartenbau in Berlin und arbeitet zunächst auch in diesem Beruf.
- 1985 schreibt sie sich an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst ein. Seit ihrem Abschluss 1993 arbeitet sie als freischaffende Malerin.
- Sie ist verheiratet mit Neo Rauch, einem der bekanntesten deutschen Maler. Das Paar lebt in einem Vorort von Leipzig und hat einen erwachsenen Sohn.
