22.08.2006 · Menschen aus verschiedenen deutschen Regionen verhalten sich unterschiedlich. Das gilt auch und vor allem für das Berufsleben. Diese Besonderheiten eines jeden einzelnen werden häufig unterschätzt - ihre Konsequenzen auch.
Von Anna LollDie Frage, wie ein deutscher Manager dem japanischen Geschäftskollegen angemessen gegenübertritt, beschäftigt ganze Seminare. Wie tief ist die Verneigung? Darf gelächelt werden? Wann wird geredet? Oder der Gast aus den Vereinigten Staaten: Bleibt die Hand in der Tasche und das Jackett geöffnet? Welches Lob ist wie stark zu bewerten? „Was international ein Thema ist, interessiert merkwürdigerweise auf Deutschland bezogen kaum jemanden“, sagt Alexander Mackat, geschäftsführender Gesellschafter der Fritzsch & Mackat Werbeagentur aus Berlin.
Das historisch tief verankerte föderalistische Empfinden und Denken der Deutschen mit all ihren Autonomiebestrebungen sei im Wirtschaftsleben auf einmal kein Thema. „Statt dessen kommt eine vereinfachende Gleichmacherei auf, die Unterschiede bewußt ignoriert.“ Mit Folgen, die von einzelnen Alltagserfahrungen bis hin zu Marktanteilen reichen.
„Ostdeutsche machen sich häufig kleiner“
Mackats Thesen fußen nicht allein auf individueller Beobachtung. Im Dezember erscheint sein Buch zum Thema innerdeutsche Unterschiede, ein Ergebnis empirischer Einzelstudien. Besonders große Differenzen sieht Mackat zwischen Ost- und Westdeutschen und nennt dafür Beispiele. „Bei Bewerbungsgesprächen machen sich Ostdeutsche häufig kleiner. Erst zum Schluß kommt da: Ach, übrigens, ich habe da auch noch einen Doktor in dem Bereich.“
Westdeutsche dagegen tendierten dazu, sich besser darzustellen; sie seien sich bewußt, daß sie sich verkaufen müßten. Das widerstrebe Ostdeutschen in der Regel. Viele wollten sich nicht anpreisen und vertrauten eher darauf, daß ihr Gegenüber schon das Gute erkennen werde. „Es ist schon ein Problem, wenn sie damit rechnen, daß 20 Prozent zu dem dazuaddiert wird, was sie sagen“, sagt der Sechsunddreißigjährige, der selbst in der DDR gelebt hat.
„Schweigen bedeutet da Ablehnung“
Die Unterschiede reichten bis in die Gesprächskultur hinein. „Im westdeutschen Meeting gilt ein Vorschlag als akzeptiert, wenn niemand etwas dagegen vorbringt. Im Osten ist es andersherum: Schweigen bedeutet da Ablehnung.“ Selbst das Körperempfinden sei anders. Studien hätten gemessen, daß der Abstand bei Warteschlangen in Banken in Ostdeutschland 15 Zentimeter betrüge; im Westen dagegen 45 Zentimeter.
Viele Berührungspunkte gibt es zwischen den Menschen aus unterschiedlichen Gegenden Deutschlands allemal. Vier Millionen Menschen wechselten pro Jahr zwischen Stadt- und Landkreisen, schreibt Herwig Birg in dem Buch „Die innerdeutsche Migration“. Dabei sei ein Wanderungstrend zu verzeichnen, der sich schon seit Jahrzehnten vom Norden gen Süden richtet und seit der Wiedervereinigung von Ost nach West.
„Mir ist egal, wie man die Uhrzeit sagt“
Besonders in den großen Konzernen kommen die Mitarbeiter aus verschiedenen Regionen, nicht selten aus verschiedenen Nationen. Mißverständnisse fangen da schon bei der Uhrzeit an: Heißt es Viertel sieben oder Viertel nach sechs? Daß die Süd-, aber auch viele Ostdeutsche bei der Uhrzeitangabe wesentlich konsequenter als ihre norddeutschen Mitbürger sind, davon ist zumindest Ronald Beaugeois überzeugt.
Der freiberufliche Designer aus Heidelberg ist für die Arbeit in den hohen Norden nach Neumünster gezogen und hat das Unverständnis der Schleswig-Holsteiner geerntet, wenn es um die Uhrzeit ging. „Aber letztendlich ist mir egal, wie man die Uhrzeit sagt“, erklärt Beaugeois. Eine größere Bedeutung habe im persönlichen Umgang der Dialekt. „Im Norden wird man manchmal nicht ernst genommen, wenn man Dialekt redet. Andersherum wirken die Norddeutschen für Süddeutsche bisweilen aufgrund ihrer Sprache überheblich.“
„Häufig läuft man mit Klischees herum“
Lappalien, die im professionellen Umgang keine Bedeutung haben? „Häufig läuft man mit Klischees herum und sucht sich dann die Beobachtungen, die dazu passen“, sagt Helmut Klages, emeritierter Professor für empirische Sozialwissenschaften an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften Speyer. Unterschiede des Verhaltens, auch im Beruf, ließen sich heute durch das Bildungsniveau, die Größe des Wohnorts oder das Alter viel stärker bestimmen als aufgrund regionaler Herkunft.
Das treffe auch auf den allgemein als bedeutend angenommenen Gegensatz zwischen Ost- und Westdeutschen zu. Beim Vergleich der Wertestruktur der Deutschen seien in wiederholten Untersuchungen nur geringe Unterschiede zwischen Ost und West gemessen worden. „Allgemein gesehen, sind die Nord-Süd-Unterschiede noch wesentlich ausgeprägter. Die Mecklenburger sind den Schleswig-Holsteinern doch zum Beispiel ähnlicher als den Sachsen!“ sagt Klages.
Kleine Unterschiede, große Konsequenzen
Hinter den Nord-Süd-Unterschieden stehe unter anderem die Tatsache, daß sich die Reformationsbewegung nur im Norden durchsetzen konnte. „Das ist viel stärker kulturell prägend als der Unterschied zwischen BRD und DDR“, ist Klages überzeugt. Im Ganzen aber würden sich die Differenzen im Zeitalter der Massenkommunikation und Mobilität sowieso immer mehr verwischen.
Nichtsdestotrotz gehören die kleinen Unterschiede zu den Erfahrungen der in der Wirtschaft Tätigen, und sie haben teilweise Konsequenzen größeren Ausmaßes. Swen Grauer, Leiter der Corporate Activity Programme des Mobilfunkanbieters O2, ist sich seiner Herkunft bei der Arbeit bewußt geworden. Verantwortlich für Gesundheitsförderung und Gesundheitsmanagement, reist der Schwabe vom Münchener Hauptsitz aus durch die Republik, um den Angestellten neue Projekte vorzustellen. Mit unterschiedlichem Erfolg: In der Hauptstadt zum Beispiel hätte die Belegschaft erst Interesse am Gesundheitsprogramm gezeigt, nachdem ein Berliner es ihnen erklärt hatte.
„Gleiche Sache mit anderen Worten erklären“
„Da kommen sicherlich verschiedene Faktoren zusammen. Ich habe ja nun einmal einen schwäbischen Akzent und war viel zu offiziell angezogen“, sagt der Manager. Diese Erfahrung führte ihn dazu, daß er jetzt für die Präsentation jemanden einsetzt, mit dem sich die Mitarbeiter identifizieren können. „Menschen aus anderen Regionen ticken bisweilen ganz anders. Das macht es schwieriger, etwas nahezubringen. Manchmal muß man die gleiche Sache mit anderen Worten erklären.“
Ähnliches berichtet der norddeutsche Mitarbeiter eines großen Automobilkonzerns aus dem Süden. „Das Allerschlimmste an Klischees ist: Sie stimmen alle! Vom geizigen Schwaben über den pessimistischen Ossi bis hin zum gemütlichen Bayern.“ Dem Wunsch nach dem frischen Orangensaft am Morgen oder dem Schlüssel zum verschlossenen Büroraum kämen die Angestellten in Bayerns Hotels ohne Zögern nach, in Sachsen jedoch würden solche Extra-Bedürfnisse seiner Erfahrung nach schnell zum Problem. Dort werde dem Gast dann mit Unverständnis begegnet, selbst in Fünf-Sterne-Hotels.
„Da wußte man noch ganz genau, wie ein Sachse ist“
In bares Geld setzten sich die regionalen Mentalitäten beim Autoverkauf um: Preisnachlässe in Baden-Württemberg gewährten die Verkäufer selten, die größten Rabatte sind dem Dozenten für Erwachsenenbildung dagegen im Nürnberger Raum aufgefallen. Doch im Büro merke er „von diesen Merkwürdigkeiten“ bis auf die Spracheinfärbung nichts, auch wenn die Kollegen alle aus einer anderen Ecke Deutschlands stammten. „Da trifft man sich auf der professionellen Ebene.“
Wissenschaftlich seien diese „Tönungen des Verhaltens“ kaum zu erfassen, gibt Klages zu Bedenken. „Sicherlich findet man Unterschiede beim Habitus. Was der eine als unfreundlich empfindet, hat der andere gar nicht so gemeint. Doch das können Sie häufig gerade deswegen nicht erfassen, wenn Sie wissenschaftlich fragen.“ Bei der Betrachtung innerdeutscher Unterschiede treffe man auf eine Art Informationsloch: Abgesehen von der Schwierigkeit, Verhalten zu messen, interessiere sich heute niemand sonderlich für das Thema, das im 18. Jahrhundert noch literaturfähig gewesen sei. „Da wußte man noch ganz genau, wie ein Sachse ist.“ Aber heute sei das den meisten Wissenschaftlern wohl zu kleinkariert und war bisher auch finanzstarken Investoren nicht einer Studie wert, meint der Soziologe.
„Aber das will natürlich niemand sagen“
Ein Fehler, ist sich Alexander Mackat sicher: „Kaum ein Marktführer im Westen ist auch Marktführer im Osten. Aber das will natürlich niemand sagen.“ Das sei besonders für die Werbebranche gravierend und sollte doch zu denken geben. Kulturelle Unterschiede über Ostdeutschland hinweg seien prägender als die einzelnen Differenzen zwischen den Ländern. Ostdeutsche seien im allgemeinen traditioneller sozialisiert, Pflicht- und Akzeptanzwerte hätten einen höheren Stellenwert als im Westen, wo Freiheits- und Selbstentfaltungswerte bestimmend seien.
„Bei Umfragen, ob es Unterschiede zwischen Ost und West gibt, bejahen mehr Ost- als Westdeutsche diese Frage. Die Ostdeutschen nehmen mehrheitlich noch heute viele kulturelle Unterschiede wahr, während die Westdeutschen kaum noch welche benennen können“, sagt Mackat. Auch wenn man sicherlich nicht einen Kurs belegen müsse, wie mit den Menschen aus den verschiedenen Regionen im Arbeitsleben umzugehen sei, sollte man sich auf jeden Fall der innerdeutschen Unterschiede bewußt sein. „Nur wer die Unterschiede kennt, kann Gemeinsamkeiten entdecken.“