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Aktualisiert: 31.10.2016, 09:23 Uhr

„Refugee Code Week“ Programmierkurse für 10.000 Flüchtlinge

Millionen von Flüchtlingen leben seit Jahren unter kritischen Umständen in Lagern, etwa in Jordanien oder im Libanon. Warum Programmierkurse vielen von ihnen helfen könnten.

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© Dana Rösiger/SAP Flüchtlinge im Programmierkurs

Die bewaffneten Konflikte im Nahen und Mittleren Osten haben gewaltige Flüchtlingsströme ausgelöst. Der Großteil der vor allem aus Syrien und Irak vor dem IS-Terror geflohenen Bürger harrt jedoch noch in der Region aus. Schätzungen zufolge haben alleine in Ägypten, Jordanien, im Libanon und in der Türkei rund 5 Millionen Zuflucht gefunden. Entstanden sind dadurch riesige Lager wie in Zaatari im Norden von Jordanien.

Sven Astheimer Folgen:

Von einem Provisorium hat es sich zu einer dauerhaften Einrichtung entwickelt, in der mehr als 80.000 Flüchtlinge unter teilweise kritischen Umständen oft schon seit Jahren leben. Mehr als die Hälfte der Einwohner sind Kinder und Jugendliche. Viele müssen den Schulunterricht verlassen, um zu arbeiten oder zu betteln. Das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) versucht deshalb, gerade den jungen Flüchtlingen im Lager Entwicklungsmöglichkeiten aufzuzeigen und berufliche Perspektiven zu eröffnen - unter diesen Umständen ein äußerst schwieriges Unterfangen.

 
Was die @refugeecodeweek Flüchtlingen in Jordanien bringt.

Umso bemerkenswerter ist deshalb ein vor wenigen Tagen zu Ende gegangenes Bildungsprojekt. Gemeinsam mit dem deutschen Software-Konzern SAP und weiteren Partnern haben die Vereinten Nationen ein neuntägiges Mammutprogramm zur Informatik-Schulung von Flüchtlingen in den vier Ländern durchgeführt. „Wir haben noch keine genauen Zahlen, aber wir haben die geplanten 10.000 Teilnehmer wohl übertroffen“, sagt Projektleiterin Batoul Husseini. Damit habe die „Refugee Code Week“ die Erwartungen mehr als erfüllt, sagt die Managerin, die für SAP im Mittleren Osten und Afrika tätig ist. In seiner Form dürfte das Projekt einzigartig sein.

Ein Baukastensystem, ähnlich wie Lego

Die Schulungen wurden für drei Altersklassen durchgeführt. Mit Kindern zwischen acht und elf Jahren sowie Jugendlichen bis 17 Jahre wurde vor allem mit „Scratch“ gearbeitet. Das ist eine Software, mit der spielerisch eigene Animationen und Spiele entwickelt werden können - ein einfacher Weg, um ins Programmieren einzusteigen. „Es funktioniert nach einem Baukastensystem, ähnlich wie Lego“, sagt Shadi Al-Khamayseh, IT-Ausbilder von SAP. Er sei begeistert, mit welcher Begeisterung die Kinder bei der Sache gewesen seien.

Wie der Jordanier weiter erläutert, wurden für junge Erwachsene zwischen 18 und 24 Jahren zwei verschiedene Kurse angeboten. Zum einen der Programmierbasiskurs für Sprachen wie HTML oder Java, in dem die Teilnehmer lernten, ihre eigenen Internetseiten zu bauen. Zum anderen die Einführung in die SAP-Managementsoftware, die von 50 000 Kunden auf der Welt benutzt wird.

Die Ausbilder haben aus diesen Kursen die 90 größten Talente identifiziert und für einen 16 Wochen langen Intensivkurs nominiert. 30 werden am Ende mit einem Zertifikat als Computer-Ingenieure auf Einstiegsniveau für den Arbeitsmarkt fit gemacht. Die Nachfrage nach Programmierern in der Region ist groß, heißt es von den Organisatoren. Allein in Saudi-Arabien würden rund 30.000 Informatiker gesucht. Während der IT-Markt auf der Welt um rund 9 Prozent im Jahr wächst, werden für den arabischen Raum 29 Prozent angenommen.

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Auch in Afrika gab es ein ähnliches Projekt

Die Idee zu dem Programmiercamp für Flüchtlinge entstand vor einem Jahr, sagt Projektleiterin Husseini. Damals nahmen an einem ähnlichen Projekt in Afrika sogar 89.000 Menschen in 17 Ländern teil. Im November reiste sie nach Genf, um vor den Vereinten Nationen für ihre Idee zu werben. Mit Erfolg. „Im Februar begannen wir mit der Umsetzung“, erinnert sich die Managerin. Einen Monat später flog ein SAP-Team schon nach Jordanien, um herauszufinden, ob sich das Projekt überhaupt realisieren lässt. Schließlich mussten 1000 Trainer gefunden werden und die entsprechenden Räumlichkeiten.

„Die Unterstützung war überwältigend“, erinnert sich Ausbilder Al-Khamayseh. Universitäten stellten ihre Räume zur Verfügung, Studenten ihre Arbeitskraft. Auch in Ägypten, in der Türkei und dem Libanon fanden sich schnell genügend Unterstützer. Insgesamt waren mehr als 30 Organisationen beteiligt. Auch Europäer waren dabei, um die Trainer für die Klassen auszubilden. SAP stellte insgesamt 26 Mitarbeiter zur Verfügung, die gut 1100 Arbeitsstunden investierten.

An den Kursen nahmen auch viele Frauen teil und gerade Mütter. „Sie konnten nicht nur sehen, was ihre Kinder hier machen, sondern auch selbst lernen zu programmieren, um dann gegebenenfalls selbst Kinder zu trainieren“, sagt Husseini. Für sie wird es jedoch nicht einfach werden, ihre erworbenen Grundkenntnisse im Lager weiterzuentwickeln. Denn Computer sind etwa im Lager Zaatari Mangelware, und Strom gibt es nur zwischen 16 Uhr und Mitternacht.

„Bildung ist die stärkste Waffe im Kampf gegen die Folgen der Flucht“

Dennoch ist Ausbilder Al-Khamayseh von der Nachhaltigkeit des Programmes überzeugt. „Bildung ist die stärkste Waffe im Kampf gegen die Folgen der Flucht“, findet der Jordanier. Jeder könne etwas für Flüchtlinge tun, und jeder könne auch zu einem Flüchtling werden, gibt er zu bedenken. Technik könne dabei enorm helfen: „Wir geben den Leuten etwas mit und bereiten sie darauf vor, ihr Land wieder aufzubauen.“

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In der SAP-Zentrale im nordbadischen Walldorf sieht man das ähnlich. Nur eine gemeinsame Anstrengung von Regierungen, Non-Profit-Organisationen, Bürgern und Unternehmen könne diese Krise mildern, sagt Alicia Lenze, die den Bereich unternehmerische Verantwortung leitet. Als IT-Unternehmen könne man dabei die eigene Expertise sinnvoll einsetzen: „Jungen Menschen die nötigen Kenntnisse zu vermitteln, damit sie eine Perspektive für die Zukunft haben und die digitale Transformation in ihrer Region vorantreiben können.“ SAP will das Programm fortsetzen.

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