Home
http://www.faz.net/-gyl-73ptg
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Whistleblowing Ich sehe was, was du nicht siehst

Über Missstände in Unternehmen wissen die eigenen Mitarbeiter immer am besten Bescheid. Das kann für die Arbeitgeber teuer werden - wenn sie nicht gegensteuern.

© Foto Getty Vergrößern Flucht nach vorn: Bradley Birkenfeld weihte die amerikanischen Steuerbehörden in die Geschäftspraktiken seines früheren Arbeitgebers ein.

Dieser Tipp hat sich gelohnt: 104 Millionen Dollar hat der ehemalige Vermögensverwalter der UBS, Bradley Birkenfeld, dafür kassiert, dass er seinen früheren Arbeitgeber den amerikanischen Steuerbehörden ans Messer geliefert hat. Er brachte die ersten Hinweise, dass das Finanzinstitut von der Schweiz aus reichen Amerikanern bei der Hinterziehung von Steuern geholfen hat. Ganz ohne eigene Buße gab es dieses Vermögen jedoch nicht: Auch er selbst musste wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung ins Gefängnis. Kürzlich wurde er entlassen.

Corinna Budras Folgen:    

Die 104 Millionen Dollar erhielt Birkenfeld aus dem Hinweisgeberprogramm der amerikanischen Steuerbehörde IRS. Solche staatlichen „Whistleblowersysteme“ gibt es in den Vereinigten Staaten zuhauf: Korruption, Kartelle, schadhafte Produkte - das Wirtschaftsleben wimmelt von Straftaten, und die Behörden wüssten gerne mehr davon. Deshalb setzen sie üppige Belohnungen aus, oft bekommen die Tippgeber einen bestimmten Prozentsatz des später erhobenen Bußgeldes. Auch in Deutschland sind Behörden froh über Informationen, nur zahlen sie in der Regel nicht dafür. Das Bundeskartellamt hat erst im Juni ein anonymes Hinweisgebersystem eingerichtet, seitdem trudeln regelmäßig Informationen über Kartelle ein. Einige Hinweise hätten schon zu einer Untersuchung geführt oder zumindest laufende Verfahren unterstützt, wie ein Behördensprecher sagt.

Der gute Ruf kann Schaden nehmen

Für Unternehmen werden die staatlichen Programme immer mehr zum Problem. Dringen die schmutzigen Details erst einmal an die Öffentlichkeit, kann der gute Ruf Schaden nehmen. Der Versicherungskonzern Ergo könnte ein Lied davon singen, wenn er sich denn zu diesem Thema öffentlich äußern würde. Die ganze öffentliche Empörung über exotische Lustreisen hat er der Schwatzhaftigkeit enttäuschter Vertreter zu verdanken, die eigentlich über die Höhe ihrer Abfindungen unzufrieden waren. Das Unternehmen revanchierte sich mit Strafanzeigen wegen Erpressung, doch die verliefen - wie häufig in diesen Fällen - im Sande.

Ein solch öffentlicher Schlagabtausch gehört zum Albtraum jedes Unternehmens. Viel lieber würden Arbeitgeber ihre Beschäftigten dazu bringen, sich intern zu offenbaren und nicht den Behörden oder gar einer hämischen Öffentlichkeit. Die beste Prävention gegen staatliche Hinweisgebersysteme seien deshalb eigene Programme, rät der Frankfurter Arbeitsrechtler Tim Wybitul von der internationalen Wirtschaftskanzlei Hogan Lovells. Unternehmen bekämen so Informationen, die sonst bei den Behörden gelandet wären. „Damit können sie frühzeitig reagieren, manchmal sogar bevor es sich überhaupt zu einer richtigen Straftat auswächst.“ Viele Banken haben ein solches Programm schon, sie müssen sogar, denn ohne ein schlüssiges Hinweiskonzept könnten sie die strengen rechtlichen Vorgaben kaum einhalten.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Korruptionsvorwürfe gegen GEZ Beitragsservice für Vertraute

Gegen die frühere Gebühreneinzugszentrale werden nun auch noch Vorwürfe der Vetternwirtschaft erhoben. Dabei hat der Beitragsservice schon genug Sorgen mit der Umstrukturierung. 200 Stellen müssen abgebaut werden. Mehr Von Rüdiger Soldt, Stuttgart

23.03.2015, 21:51 Uhr | Politik
Mysterium Nobelpreis Exportschlager in Frack und Claque

Der Nobelpreis ist und bleibt die zur Autorität gewordene Instanz für menschliche Genialität. Wer den Nobelpreis zugesprochen bekommt, kann ihn nicht ablehnen, ergo kann er auch weder verwettet noch vertauscht werden. Mehr

12.12.2014, 15:42 Uhr | Wissen
Brüssel Taxifahrer greifen Uber mit Mehl und Eiern an

Der Ärger der Taxibranche über den amerikanischen Fahrdienst Uber ist groß. So groß, dass Taxifahrer in Brüssel jetzt auf Uber-Autos losgingen. Es ist nicht der erste Vorfall dieser Art. Mehr

24.03.2015, 13:12 Uhr | Wirtschaft
WikiLeaks-Gründer Schwedische Behörden wollen Assange in London verhören

Überraschende Wende im Fall Julian Assange: Die schwedische Staatsanwaltschaft hat am Freitag angekündigt, den WikiLeaks-Gründer in London vernehmen zu wollen. Er soll sich zu den Vorwürfen sexueller Übergriffe auf zwei Frauen 2010 äußern. Mehr

13.03.2015, 17:08 Uhr | Politik
Mammutbehörde Der Koloss für Arbeit

Die Arbeitslosigkeit hat sich in den vergangenen zehn Jahren fast halbiert. Doch die Bundesagentur für Arbeit beschäftigt heute mehr Mitarbeiter als damals. Warum wird Deutschlands größte Behörde nicht kleiner? Mehr Von Sven Astheimer

14.03.2015, 13:14 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 25.10.2012, 06:00 Uhr