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Weiterbildungsrendite Wann sich das Lernen lohnt

12.04.2011 ·  Berufliche Weiterbildungen gelten als Karrierehilfe. Doch oft leiden Freizeit und Familie. Damit es sich wenigstens finanziell rentiert, sollten Arbeitnehmer vorher genau rechnen.

Von Nadine Bös
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Wenn für Oliver Reith mal wieder ein langes Weiterbildungswochenende anstand, wusste die Familie Bescheid: Die Großeltern würden von Donnerstag an zu Gast sein und seiner Frau helfen, Haushalt, Kinder und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Er selbst dagegen würde mal wieder nicht mitkommen zum Kindergeburtstag, nicht helfen beim Spülmaschine einräumen und Wäsche waschen und abends todmüde ins Bett fallen. „Das war schon eine stressige Zeit“, sagt der Vierzigjährige. „Zum Glück hat es sich gelohnt.“

Oliver Reith ist eigentlich Sozialpädagoge und kümmerte sich zu Beginn seiner Karriere um die Ausbildung benachteiligter Jugendlicher. Doch der Beruf wandelte sich mehr und mehr zum Bürojob, in dem er viel vor dem Computer saß, Angebote kalkulierte oder Konzepte schrieb. „Da habe ich angefangen, mich wegzubewerben“, sagt Reith. Er wollte in den Bereich externe Mitarbeiterberatung - „weg aus den Jugendprojekten, rein in die Wirtschaftswelt“. Und er wollte viel mit Menschen zu tun haben; „meine Kompetenzen als Sozialpädagoge wieder nutzen“.

Doch er bekam eine Absage nach der anderen; viele mit dem Verweis, dass für die fraglichen Stellen eine Weiterbildung zum Systemischen Berater nötig sei. „Erst wusste ich gar nicht genau, was das ist“, sagt Reith. Dann begann er Kursangebote zu wälzen und mit der Familie zu diskutieren, ob sich Kosten und Zeit für eine solche Weiterbildung mit dem Beruf seiner Frau und der Betreuung der zwei kleinen Kinder in Einklang bringen lassen könnten. Auch mit seinem Arbeitgeber trat er in Verhandlungen. Weil er wusste, dass er kaum Chancen auf Zuschüsse hatte, versuchte er, immerhin Sonderurlaub herauszuschlagen. „Insgesamt war es eine lange Phase voller Überlegungen“, erinnert sich Reith. „Wie kann ich das organisieren? Wo kann ich hingehen, um möglichst geringe Reisekosten zu haben? Welcher Bildungsanbieter ist geeignet?“

Die Fragen, die Reith sich stellte, betreffen immer mehr Arbeitnehmer. Lebenslanges Lernen lautet das Stichwort. Betriebswirte grübeln, ob sie in MBA-Schulen investieren sollten, Gesellen denken über die Meisterschule nach, Angestellte erwägen einen Sprachkurs oder ein Softwaretraining. Die Liste ließe sich fortsetzen: 34 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland nahmen laut der jüngsten Erhebung des Berichtssystems Weiterbildung an beruflichen Weiterbildungsmaßnahmen teil. Besonders in der Altersgruppe der 25- bis 34-Jährigen ist das berufsbegleitende Lernen verbreitet; vor allem Menschen mit einem hohen Schulabschluss entschließen sich dazu.

Zahlen sich Weiterbildungen aus?

Aber zahlen sich Weiterbildungen nicht nur in mehr Wissen und schöneren Stellen, sondern auch in Euro und Cent aus? Um sich dieser Frage zu nähern, hat die Wissenschaft das Konzept der Weiterbildungsrendite geschaffen. So haben etwa die Ökonomen Grit Mühler, Michael Beckmann und Bernd Schauenberg vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung herausgefunden: Weiterbildungen, die allgemeine berufliche Fähigkeiten vermitteln, bringen für den Arbeitnehmer im Durchschnitt 5 bis 6 Prozent Einkommensverbesserung. Denn wer im Anschluss an eine solche Weiterbildung den Job wechselt, bekommt häufig auf der neuen Stelle ein höheres Gehalt.

Firmenspezifische Weiterbildungen, die Fähigkeiten vermitteln, die nur innerhalb der eigenen Firma eine Rolle spielen, haben dagegen keinen signifikanten Effekt auf das Einkommen, wie die Forscher mit Daten aus dem Sozioökonomischen Panel empirisch zeigen konnten. „Außerdem gilt natürlich: Wenn der Arbeitgeber die Maßnahme finanziert, ist die Rendite für den Einzelnen höher“, sagt Grit Mühler, Mitautorin der Studie. Allerdings gebe es dann oft Vertragsklauseln, dass die geförderten Mitarbeiter eine Zeitlang nicht den Arbeitgeber wechseln dürfen - sonst müssen sie die Kosten zurückzahlen. „Das schränkt die Einkommensgewinne wieder ein, weil die meisten Zuwächse nach Stellenwechseln erzielt werden.“

Oliver Reith hatte mit solchen Vertragsklauseln keine Probleme. „Ich musste die 7500 Euro Kosten für meine Weiterbildung aus meinen persönlichen Ersparnissen zahlen“, berichtet er. Dazu kamen dann noch etwa 500 Euro für Literatur. Reisekosten konnte er sich sparen, weil er einen Anbieter in der Nähe seines Wohnortes fand. „Ich habe mein Sparbuch gern für die Maßnahme geplündert“, sagt er. „Ich brauchte zu dem Zeitpunkt einfach etwas Neues, ein bisschen Sport fürs Gehirn.“ War er früher in der Schule eher faul gewesen, hängte er sich nun richtig rein: „Ich habe meine Bücher regelrecht verschlungen.“ Trotz allem habe der Kurs Zeit und Nerven gekostet. „Ich habe ihn für mehr berufliche Zufriedenheit gemacht“, sagt Reith. „Trotzdem hätte es mich geärgert, wenn unterm Strich ein Verlust herausgekommen wäre. Denn hinsichtlich Freizeit und Familie musste ich schon einige Opfer bringen.“

Es können auch indirekte finanzielle Vorteile entstehen

Wie aber lässt sich für den Einzelnen vorab berechnen, ob sich eine Weiterbildung hinterher lohnt? „Mit ein paar Kalkulationen kann man sich dieser Frage zumindest nähern“, glaubt Ralf Dillerup, Professor für Unternehmensführung und Controlling an der Hochschule Heilbronn. Der Arbeitnehmer müsse dafür aber einige Annahmen treffen: Nach wie vielen Jahren wird sich das Gehalt wie entwickelt haben? Welche Kosten entstehen? Wie viel davon muss er selbst tragen, und was kann er von der Steuer absetzen?

„Nicht zuletzt sollte man darüber nachdenken, welche indirekten finanziellen Vorteile entstehen könnten“, sagt Dillerup. „Neue Kontakte und Netzwerke, neue Kunden, ein besseres Image oder ein effizienteres Führungsverhalten zahlen sich oft auch in barer Münze aus.“ Schließlich müsse ein Weiterbildungsteilnehmer bedenken, dass er das in die Maßnahme investierte Geld ansonsten anderweitig hätte anlegen können. Mit all diesen Faktoren gefüttert, hat Dillerup für diese Zeitung eine Formel entwickelt, die es ermöglicht, individuelle Weiterbildungsrenditen auszurechnen. (Hier können Sie selbst rechnen: Der F.A.Z.-Weiterbildungsrechner)

Die Zufriedenheit lässt sich schwer in Formeln packen

Für Oliver Reith hat sich seine Fortbildung zum Systemischen Berater bereits doppelt ausgezahlt. „Schon bevor der Kurs ganz zu Ende war, hatte ich Erfolg mit einer Bewerbung in einem Bildungszentrum des Unternehmens AEG. Den Job hätte ich nicht bekommen, wenn die Weiterbildung nicht im Lebenslauf gestanden hätte“, sagt er. Dort verdient er jetzt etwa 15 Prozent mehr Geld als bei seinem alten Arbeitgeber.

Noch schöner für Reith war jedoch eine zweite Veränderung: Um den Weiterbildungskurs abzuschließen musste er neben der Theorie eine Reihe an praktischen Beratungsstunden leisten. Er mietete dafür einen Büroraum und suchte Klienten, die sich von ihm in beruflichen Problemen coachen lassen wollten. Zu seiner Überraschung wurde aus den Übungsstunden mehr und mehr Beratungsstunden, die Klienten empfahlen Reith per Mund-zu-Mund-Propaganda, immer mehr Menschen nahmen seine Dienste in Anspruch. Mittlerweile ist aus dem ehemaligen Anwaltsbüro eine kleine Beratungspraxis gewachsen, mit der Reith schon die Hälfte seines Lebensunterhalts bestreitet. Für AEG arbeitet er nur noch in Teilzeit. „Die Praxis hat schon so viel abgeworfen, dass ich die Weiterbildungskosten mehr als wieder reingeholt habe“, sagt er und klingt dabei, als wundere er sich bis heute selbst ein bisschen über den Erfolg.

Solch positive Geschichten seien jedoch nicht die Regel, wenn Mitarbeiter ohne Arbeitgeberunterstützung Weiterbildungen finanzieren, warnt Grit Mühler vom ZEW. „Vor allem mit höherem Alter steigt das Risiko, dass nicht mehr genug Berufsjahre übrig sind, um die Kosten auszugleichen.“ Zudem profitierten generell Menschen mit hoher vorheriger Ausbildung stärker von Weiterbildung als Menschen mit geringer Qualifikation. „Nicht zuletzt muss man bedenken, dass man bei berufsbegleitenden Maßnahmen vielleicht eine Zeitlang in der eigenen Firma etwas kürzer treten muss und dort Karriereschritte verpassen kann, die man ansonsten gemacht hätte“, sagt Mühler.

Für die individuelle Entscheidung für oder gegen eine Maßnahme müssten deshalb unbedingt die weichen Faktoren zählen, sagt Ralf Dillerup: Wie unzufrieden bin ich mit der jetzigen Situation, wie viel Spaß würde mir ein neuer Job machen, wie viel Freude macht mir die Schulung? „Solche Fragen sind schwer in mathematischen Modellen abzubilden“, sagt Dillerup. Oliver Reith formuliert es anders: „So was bespricht man mit der Familie. Und nicht zuletzt mit sich selbst.“

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Jahrgang 1980, Redakteurin in der Wirtschaft.

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