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Weiterbildungsrendite : Rechnen, wann sich Bildung rentiert

Noch mal die Schulbank drücken: Die Weiterbildungsrendite macht Aussagen darüber, wann das für Erwachsene Sinn macht. Bild: Felix Seuffert / F.A.Z.

Berufliche Weiterbildungen gelten als Karrierehilfe. Doch oft leiden Freizeit und Familie. Damit es sich wenigstens finanziell rentiert, sollten Arbeitnehmer vorher genau rechnen.

          Wenn für Oliver Reith mal wieder ein langes Weiterbildungswochenende anstand, wusste die Familie Bescheid: Die Großeltern würden von Donnerstag an zu Gast sein und seiner Frau helfen, Haushalt, Kinder und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Er selbst dagegen würde mal wieder nicht mitkommen zum Kindergeburtstag, nicht helfen beim Spülmaschine einräumen und Wäsche waschen und abends todmüde ins Bett fallen. „Das war schon eine stressige Zeit“, sagt der Vierzigjährige. „Zum Glück hat es sich gelohnt.“





          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Oliver Reith ist eigentlich Sozialpädagoge und kümmerte sich zu Beginn seiner Karriere um die Ausbildung benachteiligter Jugendlicher. Doch der Beruf wandelte sich mehr und mehr zum Bürojob, in dem er viel vor dem Computer saß, Angebote kalkulierte oder Konzepte schrieb. „Da habe ich angefangen, mich wegzubewerben“, sagt Reith. Er wollte in den Bereich externe Mitarbeiterberatung - „weg aus den Jugendprojekten, rein in die Wirtschaftswelt“. Und er wollte viel mit Menschen zu tun haben; „meine Kompetenzen als Sozialpädagoge wieder nutzen“.

          Doch er bekam eine Absage nach der anderen; viele mit dem Verweis, dass für die fraglichen Stellen eine Weiterbildung zum Systemischen Berater nötig sei. „Erst wusste ich gar nicht genau, was das ist“, sagt Reith. Dann begann er Kursangebote zu wälzen und mit der Familie zu diskutieren, ob sich Kosten und Zeit für eine solche Weiterbildung mit dem Beruf seiner Frau und der Betreuung der zwei kleinen Kinder in Einklang bringen lassen könnten. Auch mit seinem Arbeitgeber trat er in Verhandlungen. Weil er wusste, dass er kaum Chancen auf Zuschüsse hatte, versuchte er, immerhin Sonderurlaub herauszuschlagen. „Insgesamt war es eine lange Phase voller Überlegungen“, erinnert sich Reith. „Wie kann ich das organisieren? Wo kann ich hingehen, um möglichst geringe Reisekosten zu haben? Welcher Bildungsanbieter ist geeignet?“

          Die Fragen, die Reith sich stellte, betreffen immer mehr Arbeitnehmer. Lebenslanges Lernen lautet das Stichwort. Betriebswirte grübeln, ob sie in MBA-Schulen investieren sollten, Gesellen denken über die Meisterschule nach, Angestellte erwägen einen Sprachkurs oder ein Softwaretraining. Die Liste ließe sich fortsetzen: 34 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland nahmen laut der jüngsten Erhebung des Berichtssystems Weiterbildung an beruflichen Weiterbildungsmaßnahmen teil. Besonders in der Altersgruppe der 25- bis 34-Jährigen ist das berufsbegleitende Lernen verbreitet; vor allem Menschen mit einem hohen Schulabschluss entschließen sich dazu.

          Zahlen sich Weiterbildungen aus?

          Aber zahlen sich Weiterbildungen nicht nur in mehr Wissen und schöneren Stellen, sondern auch in Euro und Cent aus? Um sich dieser Frage zu nähern, hat die Wissenschaft das Konzept der Weiterbildungsrendite geschaffen. So haben etwa die Ökonomen Grit Mühler, Michael Beckmann und Bernd Schauenberg vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung herausgefunden: Weiterbildungen, die allgemeine berufliche Fähigkeiten vermitteln, bringen für den Arbeitnehmer im Durchschnitt 5 bis 6 Prozent Einkommensverbesserung. Denn wer im Anschluss an eine solche Weiterbildung den Job wechselt, bekommt häufig auf der neuen Stelle ein höheres Gehalt.

          Firmenspezifische Weiterbildungen, die Fähigkeiten vermitteln, die nur innerhalb der eigenen Firma eine Rolle spielen, haben dagegen keinen signifikanten Effekt auf das Einkommen, wie die Forscher mit Daten aus dem Sozioökonomischen Panel empirisch zeigen konnten. „Außerdem gilt natürlich: Wenn der Arbeitgeber die Maßnahme finanziert, ist die Rendite für den Einzelnen höher“, sagt Grit Mühler, Mitautorin der Studie. Allerdings gebe es dann oft Vertragsklauseln, dass die geförderten Mitarbeiter eine Zeitlang nicht den Arbeitgeber wechseln dürfen - sonst müssen sie die Kosten zurückzahlen. „Das schränkt die Einkommensgewinne wieder ein, weil die meisten Zuwächse nach Stellenwechseln erzielt werden.“

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