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Weiterbildung Führerschein für Aufsichtsräte

 ·  Investoren und Politiker fordern mehr Fachwissen in Aufsichtsräten. Verschiedene Seminaranbieter drängen auf den Markt, doch Kritiker bezweifeln, dass sich das Qualifikationsproblem mit Kursen lösen lässt.

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Rolf Breuer ist ein erfahrener Aufsichtsrat. Der frühere Vorstandssprecher der Deutschen Bank leitete später nicht nur das Kontrollgremium der Bank, sondern saß auch in Aufsichtsräten des Energieversorgers Eon, der Münchener Rück, von Siemens und der Deutschen Börse. Breuer, Jahrgang 1937, zählt zur alten Garde der Deutschland AG. Bei einem Kaminabend im November traf er auf eine neue Generation von Unternehmenskontrolleuren: die Teilnehmer eines Qualifizierungsseminars für Aufsichtsräte, ausgerichtet vom Deutschen Aktieninstitut (DAI) und der Frankfurt School of Finance and Management.

Seit Breuers aktiver Zeit sind die Geschäfte der Unternehmen für Aufsichtsräte immer schwieriger zu kontrollieren. Korruptionsskandale wie bei Siemens, Beinahe-Pleiten wie die der IKB, Bespitzelung der Mitarbeiter bei der Deutschen Bahn, undurchsichtige Finanzgeschäfte bei den Banken und viele andere Fälle haben die Frage aufgeworfen: Hätten aufmerksamere und fachlich versiertere Aufsichtsräte diese Desaster verhindern können?

Eine neue, kompetentere und professionellere Generation von Aufsichtsräten soll genau das in Zukunft vollbringen. Eine Handvoll Weiterbildungsinstitute hat sich nun auf die Fahnen geschrieben, ebendiese neue Generation auszubilden: In eigens entwickelten Seminaren sollen angehende und aktive Aufsichtsräte das rechtliche und fachliche Handwerkszeug für ihren anspruchsvollen Job erlernen. Neben dem DAI und der Frankfurt School bieten auch die European School of Management and Technology (ESMT) und das Deutsche Verwaltungs- und Aufsichtsratsinstitut (DVAI) Kurse für Aufsichtsräte an. Ihre Zielgruppen reichen von freiwilligen Beiräten in mittelständischen Familienunternehmen bis zum Aufsichtsratsnachwuchs der im deutschen Aktienindex Dax notierten Konzerne. Fachleute für Management sind jedoch skeptisch, ob solche Seminare die Wende in den Aufsichtsräten bringen.

Von rechtlichen Pflichten bis hin zu Risikomanagementsystemen

Als Deutsche-Bank-Veteran Breuer seine Karriere startete, gab es solche Aufsichtsrats-Lehrgänge jedenfalls noch nicht. Rüdiger von Rosen, geschäftsführendes Vorstandsmitglied des DAI, weiß, warum: „Die Grundannahme in den Unternehmen war bisher: Wer einen Aufsichtsratsposten annimmt, hat auch die entsprechende Qualifizierung. Das hat sich aber zuweilen als illusorisch erwiesen, zumal Gesetzgebung und Rechtsprechung sich ständig verändern“, sagt Rosen. Er ist deshalb überzeugt: „Seminare für Aufsichtsräte sollten so selbstverständlich werden, wie es Seminare für Rechtsanwälte oder Ärzte längst sind.“

In sechs jeweils eintägigen Seminaren lernen die Teilnehmer beim DAI, welche rechtlichen Pflichten ihr Amt mit sich bringt, wie Risikomanagementsysteme funktionieren, wie Aufsichtsräte strategische Entscheidungen der Geschäftsleitung prüfen und was sie über Abschlussprüfung und Unternehmensfinanzierung wissen müssen. „Exzellenz für Aufsichtsräte“ nennt sich das Programm. Kostenpunkt: pro Tag knapp 1500 Euro.

Kooperationspartner des DAI ist die Frankfurt School of Finance and Management. Die Finanzspezialisten bieten parallel zu den branchenübergreifenden Seminaren des Aktieninstituts spezielle Seminare für Aufseher in Banken an. Die meisten Teilnehmer des „Exzellenzprogramms“ sind aktive Aufsichtsräte, die sich fachlich auf den neuesten Stand bringen wollen. Doch es seien auch ehrgeizige Nachwuchskräfte dabei, sagt Udo Steffens, Präsident der Frankfurt School. Es bilde sich eine Gruppe hochqualifizierter Manager heraus, die eine zweite Karriere als „Berufs-Aufsichtsrat“ in Erwägung ziehen. Und zwar nicht zusätzlich zum Fulltime-Job als Manager, sondern stattdessen. „Als Berufsperspektive kann es durchaus interessant sein, mehrere Aufsichtsratsmandate bei mittelgroßen Unternehmen zu übernehmen“, erläutert Steffens. Davon würden auch die Unternehmen profitieren, denn solche professionellen Vollzeit-Aufsichtsräte brächten viel Führungserfahrung.

Von Aufsichtsräten für Aufsichtsräte

Manuel René Theisen sieht neben aktiven Aufsichtsräten auch in erfahrenen Managern aus der ersten oder zweiten Reihe eine wichtige Zielgruppe für die Weiterbildung. Der Wirtschaftsprofessor ist Programmdirektor der Aufsichtsratsseminare an der European School of Management and Technology (ESMT). Wer aus einem Vorstand in den Aufsichtsrat aufrücke, müsse umlernen: „Diese Manager wechseln die Rolle im Unternehmen: vom Führer zum Kontrolleur“, sagt Theisen. Er lädt regelmäßig zu drei jeweils zweitägigen Weiterbildungskursen ins Wasserschloss Gracht bei Köln. Sein Konzept: Seminare von Aufsichtsräten für Aufsichtsräte. Vorträge, Plenardiskussionen und Kamingespräche mit Aufsichtsrats-Profis wie Clemens Börsig von der Deutschen Bank und Hermut Kormann von Bosch sowie mit Wirtschaftsprüfern und Management-Professoren stehen auf der Tagesordnung. Knapp 5000 Euro müssen die Teilnehmer dafür auf den Tisch legen.

Ganz neu ist die Idee nicht. Theisen selbst hatte bereits 1995 an der ESMT solche Kurse angeboten. „Damals waren die Seminare aber noch kein Erfolg. Die Nachfrage der Unternehmen blieb aus“, sagt Theisen. Das Programm wurde schnell wieder eingestellt. Zwei Wirtschaftskrisen später rechnet er sich nun aber bessere Chancen für ein Seminarangebot aus. „Jetzt steht ein Generationenwechsel in den Aufsichtsräten an“, sagt Theisen.

„Die Stimmung in der Deutschland AG verändert sich“

Das bestätigt auch Marcus Labbé, der mit dem Deutschen Verwaltungs- und Aufsichtsratsinstitut (DVAI) schon 2007 Aufsichtsratsseminare für den gehobenen Mittelstand und den öffentlichen Sektor ins Leben gerufen hat. Die Teilnehmer können die dreitägigen DVAI-Seminare sogar mit einer TÜV-Prüfung abschließen. Eine Art Führerschein für Aufsichtsräte? „Die Stimmung in der Deutschland AG verändert sich gerade, wenn auch langsam“, sagt Labbé. Nicht nur die Politik, auch die Vorstände selbst würden jetzt von ihren Aufsichtsräten mehr Qualifizierung einfordern. „Beziehungen allein reichen nicht mehr, um ein Mandat zu bekommen. Die Vorstände wollen im Aufsichtsrat Sparringspartner auf Augenhöhe.“

Die höheren Ansprüche an Aufsichtsräte könnten sich künftig auch in steigenden Bezügen der Mandatsträger zeigen, meint Ralph Lange, Experte für Aufsichtsratsvergütung bei der Unternehmensberatung Towers Watson. Im internationalen Vergleich verdienen deutsche Aufsichtsräte bisher nämlich relativ wenig. Am meisten kassieren noch die Aufseher der Dax-Konzerne: Deren Bezüge betragen im Durchschnitt 262.200 Euro jährlich, zeigt eine Towers-Watson-Studie. Zum Vergleich: In der Schweiz verdienen Aufsichtsratsvorsitzende großer Konzerne im Schnitt 1,6 Millionen Euro. Allerdings ist die Bandbreite in Deutschland recht groß. Bei Volkswagen und Siemens bekommen die Vorsitzenden mehr als 500.000 Euro, bei Infineon nur rund 57.000 Euro. Die übrigen Aufseher bekommen meist nur etwa halb so viel wie ihre Vorsitzenden. Und in mittelständischen Unternehmen verdienen Aufsichtsräte sogar nur 5000 bis 30.000 Euro.

Management-Fachleute sind skeptisch

Gewerkschaftsvertreter in den Aufsichtsgremien müssen den Großteil ihrer Bezüge abführen, Mitglieder des Deutschen Gewerkschaftsbundes zum Beispiel zahlen 90 Prozent ihrer Vergütung an die Hans-Böckler-Stiftung. Kein Wunder also, dass Arbeitnehmervertreter nur selten die teuren Seminare der neuen Anbieter besuchen. Fachliches Training für den Job holen sie sich in speziellen Kursen der Gewerkschaften, zum Beispiel beim DGB-Bildungswerk: Hier kostet eine ganze Woche Seminar nur knapp 1000 Euro. Die privaten Seminaranbieter wollen mit diesen Preisen gar nicht konkurrieren - teilweise sind Arbeitnehmervertreter in den Aufsichtsratskursen sogar ausdrücklich nicht erwünscht: „In unseren Seminaren haben wir bewusst nur Vertreter der Kapitalseite“, sagt zum Beispiel ESMT-Programmleiter Theisen. „Arbeitnehmervertreter mit in das Programm aufzunehmen, würde keinen Sinn ergeben.“ Die Diskussionskultur sei eine andere, und die Fronten zwischen Arbeitnehmervertretern und der Kapitaleigner-Seite würden sich zu schnell verhärten.

Management-Fachleute sind allerdings skeptisch, ob die teuren Seminare als Ausbildung für den Führungsnachwuchs viel nutzen. „Es ist natürlich wichtig, dass aktive Aufsichtsräte immer up to date sind in rechtlichen und fachlichen Fragen“, sagt Lange. Wer gerade frisch einen Posten als Aufsichtsrat angenommen hat oder sich als langjähriger Aufsichtsrat fachlich auf den neuesten Stand bringen will, für den können solche Seminare sinnvoll sein. Für ehrgeizige Nachwuchskräfte aus der dritten oder vierten Reihe hingegen könnte sich die Hoffnung, mit einem Teilnahmezertifikat in einen Aufsichtsrat aufzusteigen, als Illusion erweisen. „Alleine durch Schulungen wird niemand Aufsichtsrat“, sagt Lange.

Gerade weil die Kontrolleure heute immer stärker im Licht der Öffentlichkeit stünden, müssten sie nämlich neben Fachwissen vor allem Führungserfahrung und eine hohe Reputation mitbringen. Eine Ausbildung zum „Berufskontrolleur“ durch Seminarprogramme hält er für illusorisch. „Ein junger, unerfahrener Manager oder gar ein Hochschulabsolvent kommt als Aufsichtsrat weder mit noch ohne Zertifikat in die nähere Auswahl“, sagt Lange. Erfahrung und Reputation blieben nach wie vor die entscheidenden Faktoren - und die könne man eben nicht in Seminaren lernen.

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