29.10.2009 · Die tariflichen Monats- und Stundenverdienste sind zwischen Juli 2008 und Juli 2009 um 3 Prozent gestiegen. Weil im gleichen Zeitraum die Lebenshaltungskosten um 0,5 Prozent sanken, stand den Arbeitnehmern real mehr Geld zur Verfügung. Vielen allerdings nur auf dem Papier.
Von Henrike RoßbachAuf den ersten Blick scheint die Krise noch nicht in den Portemonnaies der Beschäftigten angekommen zu sein. Die tariflichen Monats- und Stundenverdienste sind zwischen Juli 2008, zwei Monate bevor die Investmentbank Lehman Brothers zusammenbrach, und Juli 2009 um 3 Prozent gestiegen. Weil im gleichen Zeitraum die Lebenshaltungskosten um 0,5 Prozent gesunken sind, stand den Arbeitnehmern damit auch real mehr Geld zur Verfügung. Vielen allerdings nur auf dem Papier, denn vor allem die Kurzarbeit führt zu sinkenden Einkommen.
Derzeit arbeiten rund 1,4 Millionen Menschen in Deutschland kurz und bekommen nur einen Teil der Einbußen erstattet. Betriebe nutzen zudem Tarifverträge, die eine Verringerung der Arbeitszeit bei gleichzeitiger Absenkung der Gehälter vorsehen; viele Beschäftigte müssen auch auf Sonderzahlungen verzichten, vereinbarte Tariferhöhungen wurden verschoben. Das alles spiegeln die Zahlen zu den Tarifverdiensten, die das Statistische Bundesamt am Mittwoch veröffentlicht hat, nicht wider.
Dass der Anstieg trotz Wirtschaftsflaute überhaupt so kräftig ausgefallen ist, liegt an den hohen Tarifabschlüssen, die noch vor oder zu Beginn der Krise zustande kamen. In der Industrie etwa liegt das Plus mit 3,6 Prozent noch über dem Durchschnitt - dank der Abschlüsse in der Chemischen Industrie Anfang 2008 und der Metall- und Elektroindustrie im Herbst 2008. Auch in den 3,1 Prozent für die öffentliche Verwaltung spiegeln sich die hohen Tarifabschlüsse für Bund, Kommunen und Länder. Am Ende der Verdienstkette stehen die Beschäftigten im Handel und Gastgewerbe, deren Tarifverdienste nur um 0,9 beziehungsweise 0,8 Prozent stiegen.
Hohe Forderungen durchzubekommen, ist schwer geworden
Die Zeiten hoher Tarifabschlüsse dürften nun allerdings erst einmal vorbei sein. Wie schwer es ist, mitten in der Krise eine hohe Forderung durchzubekommen, erleben derzeit die Gebäudereiniger. Ihre Gewerkschaft, die IG Bau, fordert 8,7 Prozent mehr Geld für die rund 850.000 Beschäftigten. Im Januar begannen die Gespräche, seit eineinhalb Wochen wird gestreikt. Ein Sondierungsgespräch am Mittwoch war zum Redaktionsschluss noch nicht beendet. Noch drängender als die Frage der Gehaltsentwicklung ist für viele Beschäftigte die, ob sie ihren Arbeitsplatz überhaupt behalten.
Der Deutsche Gewerkschaftsbund hat am Mittwoch eine Untersuchung veröffentlicht, nach der zwischen Oktober 2008 und September 2009 mehr als 3,2 Millionen Menschen in Deutschland ihren Arbeitsplatz verloren haben, deutlich mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum (siehe auch: Jeder Neunte hat in der Krise seine Stelle verloren). Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft wies aber darauf hin, dass darunter auch Beschäftigte fielen, die freiwillig gekündigt und dass viele Arbeitslose neue Stellen gefunden hätten. Im Saldo waren im September 266.000 mehr Menschen arbeitslos als ein Jahr zuvor.