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Veröffentlicht: 27.04.2016, 12:59 Uhr

Urhebervertragsrecht Journalismus, ein „Traumjob“ für zu viele?

Im Streit um das neue Urhebervertragsrecht verschärfen beide Seiten den Ton. Journalist sein - das ist für viele ein Traumjob. Doch wie viele können noch davon leben?

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© AP Sie hatten sicher keine Probleme mit ihrem Autorenhonorar: Die „Watergate“-Enthüller Bob Woodward (rechts) und Carl Berstein von der „Washington Post“.

Wer lacht, meint das nicht unbedingt freundlich. Als etwa Georg Wallraff vom Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger kürzlich verkündete, es gebe zwar durchaus schwarze Schafe in den Reihen der Presseunternehmen, „im Gros“ würden Journalisten jedoch „angemessen“ bezahlt - da hatte er zwar einige Lacher sicher, aber nicht auf seiner Seite.

Hendrik Wieduwilt Folgen:

Schwer wiegen die Vorwürfe, die etwa die Schriftstellerin und Journalistin Nina George („Das Lavendelzimmer“) gegen die Verleger erhob: Nutzungsrechte müssten abgetreten werden „bis ins siebte Glied“, Texte würden „schlecht wie nie“ bezahlt, und „Blacklisting“, also die verlagsübergreifende Ablehnung von klagefreudigen Autoren, gehöre zum Alltag, schimpfte sie auf einer Diskussionsveranstaltung des Deutschen Anwaltvereins (DAV). Ihre Beiträge seien teilweise mit Phantasienamen versehen worden, andere Verlage hätten ihr sogar das „Zählpixel“ verwehrt - eine übliche technische Maßnahme, die zur Erfassung und Vergütung von Texten im Internet dient. Insgesamt fehle es an transparenter Kommunikation mit den Kreativen: „Die meisten Buchautoren verstehen ihre Verträge nicht!“

In dieselbe Kerbe schlug Frank Überall vom Deutschen Journalistenverband. Manche seiner Kollegen litten unter „aberwitzigsten Vertragsbedingungen“. Journalismus sei „ein Traumjob“, aber man müsse davon leben können - das sei gefährdet, wenn manch einer für 20 Euro ein Fußballspiel kommentiere. „Das ist noch nicht einmal Mindestlohn.“ Wallraff entgegnete, er gönne jedem eine Vergütung nach Mindestlohn, doch das Urheberrecht „kennt kein Alimentationsprinzip“. Könne jemand nicht vom Journalismus leben, sei das „vielleicht ein Hinweis, dass es zu viele Pressejournalisten gibt“. Anwälte, meint Wallraff, hätten schließlich dasselbe Problem.

„Häufigkeit führt nicht zu zusätzlicher Leserschaft“

Auch die Bundesregierung sieht Handlungsbedarf im Verhältnis zwischen Autoren - darunter Journalisten - und Verlagen. Zuletzt wurde der Entwurf eines neuen Vertragsrechts deutlich entschärft, jetzt wird er im Bundestag debattiert. Im Kern geht es um die „angemessene“ Vergütung von Autoren. Hier ist nun nach dem neuen § 32 des Urheberrechtsgesetzes auch die „Häufigkeit“ der Werknutzung einzubeziehen. Gemeint ist insbesondere die wiederholte Verwendung von Zeitungsartikeln. Frank Überall kritisierte, dass der Begriff der Häufigkeit derzeit noch unabsehbare Vertriebsmöglichkeiten nicht berücksichtige. Wallraff geht die Regelung hingegen schon zu weit, obwohl sie laut Regierungsbegründung geltendes Recht widerspiegelt. „Häufigkeit führt nicht zu zusätzlicher Leserschaft“, mahnte der Lobbyist, junge Rezipienten würden heute nur über andere Vertriebskanäle erreicht.

 
Streit um das neue Urhebervertragsrecht: Journalisten beklagen, nicht mehr von ihrem Job leben zu können.

Der Gesetzentwurf sieht ein neues Auskunftsrecht für Autoren vor. Dieses Recht gilt allerdings nach dem derzeitigen Entwurf nicht für diejenigen, die nur einen „untergeordneten Beitrag“ leisten. Der Verbandsvorsitzende Überall fürchtet unter „Bauchschmerzen“, dass darunter pauschal Texte von Journalisten fallen. Wallraff sagte, beim Journalismus gehe es nur um die „Verpackung“ - das habe einen ganz anderen Wert als Belletristik. Den Rechtsanwalt Paul Hertin stört, dass nur der Vertragspartner der Kreativen - der „Erstproduzent“ - Rechenschaft ablegen müsse. Der wisse nicht, wie oft etwa ein Film im Kino gezeigt wurde.

Das ursprünglich geplante Rückrufrecht für Urheber sieht Hertin „stark entschärft“ - es hätte pauschal vergüteten Kreativen erlaubt, nach fünf Jahren ihre Werke anderweitig zu verwerten. Unter anderem der DAV hatte gewarnt, dies könne Geschäftsmodelle gefährden, die auf die langfristige Überlassung eines Werkes angewiesen sind, etwa Internetunternehmen und Zeitungsarchive. Nun ist die Frist auf zehn Jahre verlängert. Autoren „untergeordneter Beiträge“ sind auch hier in einer schwächeren Position: Ihnen können Verwerter weiterhin zeitlich unbegrenzte Nutzungsrechte abringen.

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Die neue Möglichkeit für Verlage, sich bei Benachteiligung von Autoren gegenseitig zu verklagen, sei ein „gutes Instrument“, lobte Überall. Auf diese Weise müssten einzelne Autoren keine Repressionen fürchten. Er habe Kollegen schon geraten, nicht gegen Rechtsverstöße eines Verlags vorzugehen - zumal mancher „schon aus inneren Gründen“ nicht die Hand gegen das eigene Haus erhebe.

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