Das Jawort von Hans Guillot ist Millionen wert. Hebt er den Daumen, dann können große Bauprojekte oder schon gebaute Komplexe versichert werden. Den Großteil seiner Arbeit verrichtet der Verfahrenstechniker von seinem Schreibtisch in Hannover aus. Der Kolumbianer mit deutschsprachiger Mutter wühlt sich dann durch Berechnungen und Baupläne, spricht mit Experten verschiedener Fachrichtungen über offene und versteckte Risiken. Manchmal führt ihn die Arbeit auch vor Ort, so wie in Chiles Hauptstadt Santiago, als er in den Schacht der im Bau befindlichen Metro hinabstieg. „Ein aufregendes Erlebnis“, schwärmt er.
Guillot arbeitet als „Underwriter“ für die Hannover Rück, die drittgrößte Rückversicherung der Welt. Seine Arbeit besteht darin, Risiken abzuwägen und zu bewerten. Von seinem Urteil hängt ab, ob sich die Versicherung an dem Projekt beteiligt oder nicht. In mehr als der Hälfte der Fälle fällt das Urteil dabei negativ aus, sagt Guillots Kollege Wolfgang Schubert.
Der Sicherheitsingenieur für Brand- und Explosionsschutz erzählt von einer Raffinerie in der Karibik, für die er gerade eine negative Empfehlung abgegeben hat. Die Hurricangefahr ist seiner Einschätzung nach zu groß, sagt der Mittvierziger, der sich mit seinem Team vor allem um Energieprojekte kümmert.
Auch die Dienstleistungsbranchen brauchen Ingenieure
Guillot und Schubert gehören zu rund einem Dutzend Ingenieuren in Diensten der Rückversicherung. Die Gruppe wächst schnell, weil das Unternehmen expandiert. „Wir sind zunehmend auf die Einschätzung von Ingenieuren angewiesen“, sagt Personalmanager Frank Bergemann. Ob diese Arbeit auch von Nichtingenieuren erledigt werden könnte? Bergemann schüttelt rasch den Kopf. Undenkbar. Diese Aufgabe könnten nur hochqualifizierte Technikexperten, am besten mit Berufserfahrung, wahrnehmen.
Die Spezialisten der Hannover Rück gehören zu der großen Gruppe der Ingenieure, die außerhalb der Industrie arbeiten. Viele Dienstleistungsbranchen sind ohne die Technikspezialisten nicht denkbar, man nehme nur den TÜV als Beispiel. Auch der Lehrkörper an den Universitäten für Ingenieurswissenschaften kann schlechterdings mit Fachfremden bestückt werden.
„Die Hochschulabgänger decken den Bedarf“, sagt das DIW
Nicht zuletzt um diese Ingenieure, die außerhalb ihres eigentlichen Berufes arbeiten, dreht sich derzeit ein akademischer Streit. Karl Brenke, ein Wissenschaftler des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), erregt mit der These Aufmerksamkeit, dass der befürchtete Ingenieurmangel eine Erfindung sei.
Brenke geht von knapp 580 000 Ingenieuren aus, die industrienah beschäftigt sind. Stellt man den erwarteten Austritten aus dem Arbeitsmarkt dieser Gruppe die Zugänge von den Hochschulen gegenüber, fällt Brenkes Fazit eindeutig aus: „Die Hochschulabgänger decken den Bedarf.“ Von einem Mangel könne keine Rede sein. Vielmehr könne es sogar zu einer Absolventenschwemme kommen, da die Zahl der Studienanfänger zuletzt auf Rekordniveau gestiegen sei.
Das IW rechnet mit einem doppelt so hohen Ersatzbedarf
Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) widerspricht Brenkes Thesen und wirft ihm gravierende methodische Fehler vor, weil er in seinen Betrachtungen wichtige Gruppen ausblende. Neben den angestellten Ingenieuren außerhalb des sogenannten Zielberufes ist das vor allem die große Gruppe der Selbständigen. Insgesamt kommt das Institut somit auf rund 1,6 Millionen Ingenieure und einen jährlichen Ersatzbedarf, der mit 40 000 doppelt so hoch liegt wie der von Brenke errechnete.
Der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) findet Brenkes Botschaft sogar „gefährlich“, weil er ein wichtiges Problem verharmlose. Die Lobbyvereinigung der Ingenieure hat errechnet, dass die Zahl der offenen Ingenieurstellen im Februar erstmals die Marke von 100 000 übersprungen hat. Die Zahl der arbeitslosen Ingenieure sank dagegen auf unter 19 000. Am häufigsten wurden Maschinenbau-, Fahrzeugbau- und Elektroingenieure gesucht, und das vor allem in Süddeutschland und in Nordrhein-Westfalen.
Auch die Vertreter der Bundesagentur für Arbeit sprechen trotz der steigenden Studentenzahlen von drohenden oder schon bestehenden Engpässen an qualifizierten Ingenieuren. Vor allem in Süddeutschland komme auf eine offene Stelle derzeit nur noch ein Bewerber – bei einem Verhältnis von weniger als eins zu drei sprechen die Vermittler schon von einem Engpass. Die Besetzungszeiten liegen mit mehr als 100 Tagen für viele Ingenieurberufe deutlich über denen für andere Fachkräfte.
Wenn die Ingenieure knapp werden, steigen die Gehälter
Wenn aber Ingenieure knapp werden am Arbeitsmarkt, dann müssten der Theorie zufolge auch die Gehälter steigen. Dies taten sie vor allem in jüngster Zeit, wie Berechnungen der Vergütungsberatung Personalmarkt für diese Zeitung zeigen. Demnach verdienten Berufseinsteiger zwischen den Jahren 2006 und 2011 rund 11 Prozent mehr. Ingenieure mit bis zu zehn Jahren Berufserfahrung kamen auf ein Plus von 8 Prozent und Routiniers mit mehr als zehn Jahren erzielten einen Aufschlag von mehr als 11 Prozent.
„Bis zum Ausbruch der Finanzkrise war der Gehaltszuwachs von Ingenieuren mit denen anderer Akademikergruppen vergleichbar“, sagt Personalmarkt-Geschäftsführer Tim Böger. Während der Krise im Jahr 2009 sei auffällig gewesen, dass die Erfahrenen keine Einbußen hinnehmen mussten, während sich die Einsteiger für weniger Geld einstellen ließen. Seit Ende der Krise, so Böger, zögen die Gehälter für alle Ingenieurgruppen stärker an als für andere Akademiker.
Das berufliche Umfeld ist vielen wichtiger als das Geld
Zwar seien die Ausprägungen für die einzelnen Qualifikationen unterschiedlich. Vertriebsingenieure bezögen traditionell einen stärker erfolgsabhängigen Gehaltsanteil, weshalb sie sowohl einen stärkeren Einbruch als auch Aufschwung erlebten. Dennoch sei der Trend ähnlich, findet Böger. „Wir gehen deshalb davon aus, dass das Angebot an Ingenieuren die Nachfrage sicher nicht weit übersteigt und durchaus die Knappheit von Ingenieuren ein Treiber für diese Entwicklung ist.“
Ingenieure gelten allerdings nicht als „Gehaltsoptimierer“. Dies bedeutet, dass man etwa durch Wechsel des Arbeitgebers die Vergütung in relativ kurzen Zeiträumen möglichst zügig in die Höhe treibt. Darin seien Banker, Juristen und Betriebswirte im Allgemeinen deutlich geschickter, sagt Böger, selbst Ingenieur und Betriebswirt. Wenn Ingenieure ein gewisses Gehaltsniveau erreicht hätten, gehe es ihnen eher darum, ob das berufliche Umfeld passe und die Arbeit anspruchsvoll sei.
Oh Schreck ...
Chris Heidrich (Rockwilder1979)
- 25.04.2012, 19:35 Uhr
Klare Sache
Wolfgang Richter (langweiler2)
- 24.04.2012, 14:46 Uhr
Inflationsbereinigte Zahlen ?
Rainer Schmidt (rschmidtaalen)
- 24.04.2012, 14:38 Uhr
Managergehälter steigen viel schneller
Karsten Krug (kkrug)
- 24.04.2012, 14:23 Uhr
Öhm...
Hans Glück (hansglueck)
- 24.04.2012, 09:26 Uhr
