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Stellenanzeigen Bloß nicht jung und dynamisch

Stellenanzeigen können für Unternehmen zum Minenfeld werden: Etwa, wenn sich ältere Bewerber durch Formulierungen benachteiligt fühlen könnten. Selbst nach Berufsanfängern für ein Traineeprogramm darf man wohl bald nicht mehr explizit suchen.

© ddp Vergrößern Stellenanzeigen können ungeahnte Risiken bergen.

Vor Gericht war auf einmal alles gar nicht mehr so gemeint. In der Stellenanzeige hatte sich das Unternehmen S. noch mit den üblichen Schlagwörtern des modernen Personalmanagements gebrüstet: Von „Visionen“ war die Rede und der „ersten wirklichen pan-european Plattform zur Vermarktung von Pharmazeutischen Produkten - speziell im Bereich der Nischenindikationen“. Wer sich davon noch nicht abschrecken ließ, konnte wenig später erfahren, worauf man sich bei dem potentiellen neuen Arbeitgeber einstellen musste: „Wir sind ein junges dynamisches Team und ergänzen einander zu einer spannenden Herausforderung“, hieß es da sprachlich durchaus eigenwillig.

Corinna Budras Folgen:    

An dieser Stellenanzeige kann man vieles bemängeln, doch eines stach besonders hervor: das „junge dynamische Team“. In Zeiten des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG), das seit August 2006 nicht nur vor Diskriminierungen wegen des Geschlechts, der Rasse, der ethnischen Herkunft oder auch der Religion und Weltanschauung schützt, sondern auch wegen des Alters, ist das eine Todsünde. Ob jung, alt oder „in den besten Jahren“ - plötzlich ist vieles rechtlich angreifbar, was früher Werbern hoch und heilig war. „Jung und dynamisch“ war früher angesagt - quasi Pflicht. Heute gehört es zu den „no-goes“ und kann horrende Schadensersatzforderungen nach sich ziehen. Im konkreten Fall der Firma S. waren es sage und schreibe 106.300 Euro, die ein 61 Jahre alter, offensichtlich noch sehr dynamischer Bewerber vor dem Landesarbeitsgericht München einforderte.

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Konfrontiert mit dieser Summe, bemühte sich das Unternehmen vor Gericht um Schadensbegrenzung. Schnell hieß es, das Team sei ohnehin gar nicht mehr so jung gewesen: Drei von den insgesamt fünf Außendienstmitarbeitern seien gar älter als 50 Jahre, argumentierte der beklagte Arbeitgeber. Und der „Jüngste“ im Team war mit knapp 40 Jahren auch nicht mehr ganz taufrisch. So langsam dämmerte einem, dass mit „jung“ allenfalls die Teamzusammenstellung selbst gemeint gewesen sein konnte: Die gab es nämlich erst seit einem Jahr - gemessen an der kumulierten Betriebszugehörigkeit der Gruppenmitglieder also wirklich ein Küken.

Außerdem, so redete sich der Arbeitgeber heraus, sei in der Stellenanzeige mit keinem Wort die Rede davon gewesen, dass auch der aussichtsreiche Kandidat selbst jung und dynamisch sein müsste. Das freilich sah der enttäuschte Bewerber anders: Wenn junge Dynamiker sich ergänzten, sei nicht davon auszugehen, dass ein älterer Mitarbeiter, der eventuell nicht mehr so dynamisch sei, noch in der Lage sei, mit einem jungen dynamischen Teams zusammenzuarbeiten, schloss er messerscharf.

Das Aus für Traineeprogramme droht

Wenn es allein nach dem Landesarbeitsgericht München ginge, könnten Arbeitgeber aufatmen. Selbst wenn Kandidaten reihenweise auf solche Worthülsen reinfallen, die Münchner Arbeitsrichter klassifizierten sie klar als „Werbeblock“. In den Worten der Richter: „eine marketingähnliche Selbstbeschreibung, die weder optisch noch strukturell dem gesuchten Anforderungsprofil zuzuordnen ist“. Daher ließen sie den Kläger im vergangenen November mit seiner sechsstelligen Forderung abblitzen (Az.: Sa 705/12).

Doch vom Bundesarbeitsgericht droht nun Ungemach: Schon im August 2009 verurteilte es ein Unternehmen, das innerbetriebliche Stellenausschreibungen nur an Arbeitnehmer im ersten Berufsjahr gerichtet hatte (Az.: 1 ABR 47/08). Nun legten die höchsten deutschen Arbeitsrichter noch einmal eine Schippe drauf: Sie sahen in einer an „Berufsanfänger“ gerichteten Stellenanzeige für ein Traineeprogramm „Hochschulabsolventen/Young Professionells“ an der Berliner Universitätsklinik Charité ein Indiz für eine Benachteiligung des Bewerbers (Az.: 8 AZR 429/11). Die ausführliche schriftliche Urteilsbegründung steht noch aus, aber schon jetzt deutet sich an: „Das könnte das Aus für alle Traineeprogramme sein“, beklagt der Berliner Arbeitsrechtler Stefan Lingemann von der Wirtschaftskanzlei Gleiss Lutz. Der Anwalt hält inzwischen jede Formulierung, die in irgendeiner Art und Weise an das Alter anknüpft, für hochbrisant, selbst wenn dies wie bei „Berufsanfänger“ nur mittelbar geschieht. Denn statistisch gesehen ist nun einmal die große Mehrzahl von Berufsanfängern jünger als 30 Jahre. Für mittelbare Benachteiligungen müssten sich Arbeitgeber zwar nicht so umfangreich rechtfertigen wie für direkte Anknüpfungen an das Alter, schränkt Lingemann ein. Gefährlich seien sie dennoch.

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