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Neue Masche von Betrügern : Hier spricht der Chef - ich brauche Geld!

Alles Fassade: So mancher dunkle Geselle richtet erheblichen Schaden an, indem er sich als Chef ausgibt. Bild: ddp Images

Mit einer neuen Masche nutzen Betrüger eine Schwachstelle in vielen Unternehmen: die Angst der Angestellten vor ihren Vorgesetzten. Das klappt öfter, als man denkt. Und ist richtig teuer.

          Solche Tage gibt es, gerade für die Im-Büro-Gebliebenen zur Ferienzeit: Der Wasserspender gurgelt, der Rechner summt, man klickt sich gelangweilt durch die Urlaubsfotos der anderen. Der Chef ist ja nicht da. Malediven, was man so hört. Dann kommt der Anruf, bei dem jeder sofort hellwach ist: Der Chef. Der Chef? Es sei dringend. Geld muss verschwinden, die Steuerfahndung, es eilt, es geht ums Ganze, jetzt ist Loyalität gefragt! Habe man nicht die letzten 20 Jahre durch dick und dünn gut zusammengearbeitet? Die Stimme nennt Interna, Zahlen, Namen. Sie klingt sogar wie der Chef. Und schließlich verschiebt man Millionen, schadet der Firma, macht den größten Fehler der eigenen Karriere - womit diese durchaus enden kann.

          Hendrik Wieduwilt

          Redakteur der Wirtschaft in Berlin, zuständig für „Recht und Steuern“.

          Es ist eine neue, extrem aufwendige Masche, mit der seit kurzem Angestellte und ihre Arbeitgeber aufs Kreuz gelegt werden: Der sogenannte „CEO-Fraud“, zu Deutsch Cheftrick. Der geht so: Betrüger rufen bei arglosen Mitarbeitern an und geben sich als deren Chef aus. Sie geben Anweisungen, woraufhin sie am Ende teilweise Millionenbeträge abstauben. Kürzlich traf es den Autozulieferer Leoni: 40 Millionen Euro flossen ab. Der Aktienkurs ging ebenfalls ordentlich in die Knie - manch einer interpretiert in so einen Vorfall Indizien für eine schlecht geführte Finanzbuchhaltung. Der Cheftrick ist aber kein simpler Telefonstreich - sondern ein bisweilen generalstabsmäßig geplanter, psychologisch und technisch ausgefeilter Angriff auf Unternehmen.

          „Zunächst werden Informationen gesammelt“, beschreibt Joachim Mohs von der Beratungsgesellschaft PWC die Vorbereitungen. Manchmal genügt es schon, die Internetseiten des Unternehmens zu durchforsten. Namen, Zuständigkeiten, Hierarchien - ein Organigramm wird da zum Risiko, zum Blick ins innere Machtgefüge eines Unternehmens. Hilfreich sind auch detaillierte Profile in geschäftlich genutzten sozialen Netzwerken - etwa Xing oder Linkedin. Ist etwa der Leiter des Rechnungswesens öffentlich sichtbar, ergibt sich ein guter Angriffspunkt. Hält sich die Firma bedeckt, kann es helfen, deren Rechner zu hacken.

          Dann folgt die Kontaktaufnahme. Hier ist der Zeitpunkt entscheidend. Durch den Abwesenheitsassistenten oder Anrufe im Vorzimmer lässt sich leicht herausbekommen, wann der Chef nicht da ist, erklärt Ronny Wolf von der Commerzbank, Abteilungsdirektor Betrugsprävention im Firmenkundengeschäft. Urlaubs- und Feiertage machen das Personal angreifbar und die Verfolgung mühselig. Zu Ostern werde etwa gern Geld über Zypern geleitet, weil dort die Feiertage eine Woche später stattfinden - so kann ein Mitarbeiter sich nicht so leicht rückversichern. In dieser Angriffsphase werden dem Opfer wichtige Geschäftstransaktionen vorgegaukelt, erklärt Mohs. Dabei wird Dringlichkeit vorgegeben, damit es nicht zu unnötigen Rückfragen kommt.

          Probiert man es nur oft genug, klappt es irgendwann auch

          „Social Engineering“ nennt man dieses Eindringen über das Personal - „Austricksen“ wäre wirklich zu harmlos. Viele Betrüger verraten sich allerdings, etwa weil der angebliche Chef plötzlich siezt oder gar die falsche Sprache spricht. „Oft funktioniert das nicht“, sagt Mohs. Doch mit der Chef-Masche ist es wie mit betrügerischen E-Mails: Probiert man es nur oft genug, klappt es irgendwann auch. Die aufgerufenen Summen würden meist an die Unternehmensgröße angepasst - doch seien sie meist so hoch gewählt, dass es sich schon bei einem Treffer richtig lohnt.

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