Home
http://www.faz.net/-gyo-12jj9
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Litigation PR Der Fall will verkauft sein

31.05.2009 ·  „Litigation PR“, Öffentlichkeitsarbeit während Rechtsstreitigkeiten, bietet Juristen mit Medienerfahrung eine Alternative zur Aktenwühlerei. Die Trend kommt aus den Vereinigten Staaten.

Von Hendrik Wieduwilt
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Ein Trend ist in vieler Juristen Munde: „Litigation PR“. Gemeint ist Öffentlichkeitsarbeit während Rechtsstreitigkeiten. Die Idee kommt aus den Vereinigten Staaten, wo Anwälte gewohnt sind, ein Laien-Publikum von ihrer Sache zu überzeugen, nämlich die Geschworenen. Dass auch deutsche Mandanten zuweilen ein wenig Medienarbeit brauchen können, zeigt das Beispiel des vor laufender Kamera abgeführten früheren Post-Chefs Klaus Zumwinkel.

Die Justizbehörden rüsten medial auf, insbesondere die Staatsanwaltschaften lernen Aufmerksamkeit lieben. Sie haben im Fall der HIV-infizierten No-Angels-Sängerin oder in der aktuellen Kinderporno-Affäre des SPD-Bundestagsabgeordneten Jörg Tauss die Medien gut umsorgt - etwas zu gut, sagen manche Beobachter. Längst werden Beamte für die Öffentlichkeitsarbeit geschult. Viele Staatsanwaltschaften und Gerichte haben Pressestellen eingerichtet.

Rückrufaktionen im Fokus der Öffentlichkeit

Doch der Anwendungsbereich dieser jungen Beratungsbranche ist nicht auf das Strafrecht beschränkt: In eine Melange von Presserechtsstreit und Medienkrieg gelangen auch Top-Manager, wenn sie nach dem Ausscheiden mit ihren einstigen Kollegen aneinandergeraten: So klagt der frühere Karstadt-Vorstand Peter Wolf inzwischen gegen seinen früheren Chef Thomas Middelhoff wegen dessen angeblich negativen Äußerungen in einem Interview mit dem „Spiegel“. Schnell geraten auch Produkthaftungsfälle oder Rückrufaktionen in den Fokus der Öffentlichkeit, zumal sich diese immer mehr für Wirtschaftsthemen interessiert.

„Inzwischen kann es jeden treffen“, meint Volker Meinberg von der Kanzlei Lovells in Hamburg. Dort hat man schon etwas länger „Krisenkommunikation“ im Angebot, der Schwerpunkt liegt auch dort auf Litigation PR. Eigentlich zieht Meinberg die Prävention der Schadensbegrenzung vor, aber dafür ist es meistens zu spät, wenn ihm ein Fall vorgelegt wird.

„Nichts für Profilneurotiker“

Spezialisierte Agenturen gibt es bislang nur wenige. Man muss kein Jurist sein, um in dieser Branche Erfolg zu haben - aber der Jura-Abschluss allein reicht andererseits auch nicht aus, sagt der frühere ARD-Journalist und Rechtsanwalt Micha Guttmann von Dictum Media. Wichtig seien eine schnelle Auffassungsgabe und Verantwortungsbewusstsein, denn oft gehe es um menschliche Schicksale. „Das letzte Wort hat der Strafverteidiger“, warnt Guttmann, der Job sei „nichts für Profilneurotiker“.

So spektakulär wie im Film „Wag the Dog“ (etwa: mit dem Hund wedeln) ist die tägliche Arbeit der PR-Leute denn auch nicht. In dem amerikanischen Streifen täuschen sie für den amerikanischen Präsidenten einen Krieg vor, um von dessen privaten Affären abzulenken. So beeinflussen sie mit Erfolg die öffentliche Meinung. In der Realität steht am Anfang eine Situationsanalyse. Dabei ist Ehrlichkeit vor sich selbst und dem Anwalt gefragt, sagt Meinberg.

Journalisten anrufen und selbst Fakten beisteuern

Oft muss man dann offensiv an die Öffentlichkeit gehen, um die Deutungshoheit zurückzugewinnen. Das heißt: Journalisten anrufen und selbst Fakten beisteuern. Presseerklärungen sind zwar das Schwarzbrot der PR-Arbeit, aber bei komplexen Sachverhalten nicht ausreichend. Zahlungskräftigere Kunden sollen auch schon mal eine Web-Präsenz im Verborgenen bauen lassen, die im Ernstfall als Quelle für die Öffentlichkeit freigeschaltet wird.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen