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Krank am Arbeitsplatz Und die Kollegen fiebern mit

Im Winter bringen Krankheiten den Büroalltag durcheinander. Dabei sind Fehlzeiten das kleinere Problem. Kranke Mitarbeiter machen Fehler und stecken andere an. Das kostet Milliarden.

© ddp Viren- und Bakterienschleudern sind keine angenehmen Zeitgenossen im Büro.

Es geht nichts über engagierte Arbeitnehmer mit Spaß an der Arbeit - es sei denn, sie werden krank. Denn dann ergeben sich Szenen wie jüngst am Kaffeeautomaten, als der sichtlich mitgenommene Kollege mit neu gewonnenem Elan erzählt, wie er in der Nacht zuvor noch über der Kloschüssel hing und dachte, sein letztes Stündchen hätte geschlagen. So ein Norovirus sei schon heftig, schildert er seine Erlebnisse in den schillerndsten Farben. Noch am Morgen sei es ihm richtig dreckig gegangen, aber die Besprechung am Nachmittag sei einfach zu wichtig. Seine Gesprächspartnerin, eben noch offen und zugewandt, wird aschfahl und empfiehlt sich umgehend.

Corinna Budras Folgen:

Vorkommnisse wie diese gibt es in der kalten Jahreszeit zuhauf: Kollektive Magen-Darm-Erkrankungen fegen die halbe Belegschaft weg, hochansteckende Grippeviren tummeln sich auf Büroklinken, Streptokokken warten auf Kaffeetassen auf ihr nächstes Opfer. Und mitten in den krankheitsbedingte Ausnahmezustand platzte jüngst das Bundesarbeitsgericht mit einem vielbeachteten Urteil zu Krankschreibungen. Arbeitgeber, so heißt es darin, können auch schon am ersten Tag der Krankheit ein ärztliches Attest verlangen. Und etwas steif fügen die Erfurter Bundesrichter hinzu: „Die Ausübung dieses Rechts steht im nicht an besondere Voraussetzungen gebundenen Ermessen des Arbeitgebers“ (Az.: 5 AZR 886/11). Mit anderen Worten: Stundenlanges Warten in überfüllten Arztpraxen schon bei jeder noch so kleinen Durchfallerkrankung, die man gerne alleine und in Würde in seinen eigenen vier Wänden überstehen möchte. Und das ohne weitere Begründung des Chefs.

Nur wenige Beschäftigte kannten die Rechtslage

Das Urteil sorgte für Gesprächsstoff auf den Bürofluren. Da nützte es wenig, dass Arbeitsrechtler beschwichtigten, dass die Erfurter Bundesrichter nichts anderes getan hätten, als die geltende Rechtslage anzuwenden - von der bisher denkbar wenig Beschäftigte wussten. Kannten viele bisher doch nur den Teil des Paragraphen 5 des Entgeltfortzahlungsgesetzes, worin die Grundregel festhalten ist, dass Mitarbeiter erst nach drei Tagen krankheitsbedingter Abwesenheit mit einem ärztlichen Attest aufwarten müssen. Gerade bei Erkältungen nahmen Arbeitnehmer deshalb die unkomplizierte Möglichkeit in Anspruch, sich für ein oder zwei Tage auszukurieren, ohne das Wartezimmer ihres Hausarztes zu bevölkern. Unbemerkt von vielen, schlummert in Satz 3 jedoch die unmissverständliche Regelung: „Der Arbeitgeber ist berechtigt, die Vorlage der ärztlichen Bescheinigung früher zu verlangen.“

So eindeutig die Rechtslage, so wenig wird sich an der bisherigen Praxis etwas ändern. Darin sind sich Gewerkschaften und Arbeitgeber ausnahmsweise einmal einig. Denn dass Arbeitgeber Atteste schon am ersten Tag einfordern können, heißt noch lange nicht, dass sie das auch tun wollen. Für viele Unternehmen lohnt sich schlicht der bürokratische Aufwand nicht, heißt es immer wieder in den Personalabteilungen. Deshalb werden Arbeitgeber wohl auch künftig nur bei begründetem Verdacht, dass ein Kollege bewusst blaumacht, zu solchen Maßregelungen greifen.

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Unter den Blaumachern leiden nicht nur Arbeitgeber, auch Kollegen rollen entnervt mit den Augen, wenn die Sprache auf langzeiterkrankte Mitarbeiter kommt. Nicht etwa bei Arbeitnehmern mit besonders schweren und langwierigen Krankheiten, sondern bei denen mit einem ständig wechselnden, völlig unklaren Krankheitsbild. „Der Groll im Team ist in solchen Fällen meist riesengroß“, sagt der Arbeitsrechtler Tobias Neufeld von der internationalen Wirtschaftskanzlei Allen & Overy. Da ist die Abteilungsleiterin, die auffällig oft genau sechs Wochen lang krankgeschrieben ist - in dieser Zeit zahlt der Arbeitgeber den Lohn weiter. Erst danach gibt es das reduzierte Krankengeld von der Krankenkasse. Mal kommt die Krankschreibung vom Hals-Nasen-Ohren-Arzt, mal vom Orthopäden, zwischendrin erscheint sie ein paar Tage zur Arbeit und ist danach wieder wochenlang weg.

Der Arbeitgeber hat bei solch offensichtlichen Fehlentwicklungen jenseits des Mitarbeitergesprächs nur wenig Spielraum, schließlich unterliegt der Arzt der Schweigepflicht. Bei dem Verdacht des Missbrauchs könne er zwar den medizinischen Dienst der Krankenkassen einschalten, was aber selten zum Erfolg führe, sagt Neufeld. Bevor der Arbeitgeber zur Aufdeckung des Blaumachens Detektive einsetzt, soll er das „soziale Netzwerk“ im Unternehmen nutzen. Neben Rückkehrgesprächen unter Einbindung der Arbeitnehmervertretung sei die Befragung der Kollegen zielführend. „Zumal dadurch auch das wichtige Signal an den Blaumacher und die gesunden Kollegen gesendet wird: Der Arbeitgeber nimmt die Arbeitsunfähigkeit nicht einfach hin“, sagt der Düsseldorfer Rechtsanwalt.

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