23.04.2004 · Geht es um berufliche Weiterbildung, beweisen die Deutschen viel Eigenverantwortung, so eine Studie. Die brauchen sie auch, denn auf der Suche nach geeigneten Maßnahmen bleiben sie häufig auf sich gestellt.
Von Birgit ObermeierLebenslang lernen muß, wer auf dem Arbeitsmarkt dauerhaft eine Chance haben will. Die von Arbeitsmarktexperten unisono propagierte Forderung scheint auf offene Ohren zu stoßen: 68 Prozent aller „erwerbsnahen“ Personen zwischen 19 und 64 Jahren bilden sich beruflich weiter.
Die meisten durch betriebliche Schulungen oder Weiterbildungskurse. Jeweils rund ein Viertel besucht Messen und Kongresse oder erweitert seine Kenntnisse in Eigenregie mittels Fachliteratur und Lernsoftware. Tendenziell nehmen mehr Männer und Höherqualifizierte an einer Weiterbildung teil, das Alter spielt hingegen keine signifikante Rolle. Zu diesem Ergebnis kommen das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) und die Expertenkommission „Finanzierung lebenslangen Lernens“ in einer kürzlich veröffentlichten repräsentativen Studie. Befragt wurden über 5.000 Berufstätige, Arbeitslose und -suchende sowie Personen, die demnächst in den Beruf starten oder zurückkehren wollen.
Freizeitbeschäftigung: Lernen
Die Lernbereiten zeigen danach ein hohes Maß an Eigenverantwortung: Von den durchschnittlich 138 Stunden, die sie pro Jahr für ihr berufliches Fortkommen aufwenden, entfällt weniger als die Hälfte auf die Arbeitszeit. Rechnet man Informationssuche, Vor- und Nachbereitung sowie Fahrtzeiten mit ein, investieren sie insgesamt mehr als 133 Freizeitstunden in ihre Weiterbildung. Und greifen dafür auch mit durchschnittlich 502 Euro in die eigene Tasche. Die individuelle Belastung variiert allerdings stark: Während knapp die Hälfte der Weiterbildungs-Teilnehmer keinerlei Kosten selbst tragen muß, investieren 13 Prozent mehr als 1.000 Euro im Jahr. Generell gilt: Je höher der Schulabschluß, desto häufiger und mehr bezahlen die Teilnehmer selbst. Insgesamt, so rechnet das BIBB hoch, geben die Deutschen jährlich knapp 14 Milliarden Euro für ihre berufliche Weiterbildung aus.
Zum Vergleich: Die Unternehmen der gewerblichen Wirtschaft investierten 2001 knapp 17 Milliarden Euro in ihre Mitarbeiter, ermittelte das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Tendenz seither: Sinkend, allein der rückläufigen Beschäftigungszahlen wegen, so Reinhold Weiß, stellvertretender Leiter der Abteilung Bildung und Arbeitsmarkt im IW. Die Arbeitslosen wiederum buhlen neuerdings um ein drastisch geschrumpftes Weiterbildungsbudget: Die Bundesagentur für Arbeit (BA) stellte 2003 fünf Milliarden Euro für Maßnahmen und Unterhalt der Teilnehmer bereit - 25 Prozent weniger als im Vorjahr.
Beratungsstellen im Test
Eigeninitiative in Sachen Weiterbildung tut also Not. Bleibt die Herausforderung, in dem unüberschaubaren Markt mit über 30.000 Anbietern die passende Maßnahme auszuwählen. Wer dabei kompetente und interessensfreie Beratung sucht, tut dies allerdings häufig vergebens, kritisiert die Stiftung Warentest. Sie nimmt seit zwei Jahren auch den Weiterbildungsmarkt unter die Lupe und testete kürzlich trägerneutrale Stellen, die eine Weiterbildungsberatung in ihrem Leitbild verankert haben.
Besonders schlecht schnitten dabei die Arbeitsagenturen ab. Wer nicht arbeitslos oder -suchend gemeldet ist, tut sich schwer, überhaupt einen Termin zu bekommen. Angesichts Umstrukturierung und Rekordarbeitslosigkeit noch verständlich, so die Tester. Doch auch die Beratung selbst läßt zu wünschen übrig - sowohl an Individualität wie auch an Tiefe. Konkrete Angebote dürfen die Berater zwar nicht machen. Geeignete Kurse sollten aber zumindest erörtert werden, so die Tester. Die BA wiederum verweist auf ihre Weiterbildungsdatenbank und fordert mehr Eigeninitiative. Zur persönlichen Beratung solle erst kommen, wer konkrete Fragen zu einem Angebot oder dessen Finanzierung hat. Mit einem zentralen Kundenzentrum will sie Anfragen in Zukunft besser steuern.
Gute Beratung ist rar gesät
Wer mit einer Weiterbildung seine Aufstiegschancen erhöhen will, ist bei den Industrie- und Handelskammern sowie den Handwerkskammern am besten bedient, so die Tester. Allerdings: Von Neutralität könne dort keine Rede sein. Kammerfremde Kurse schlugen die Berater oft gar nicht erst vor. Kommunale Stellen wiederum beraten zwar neutral und gut, sind angesichts leerer Kassen aber rar gesät. Dies gilt insbesondere für die Frauenberatungsstellen, die als Testsieger hervor gingen. Sie berücksichtigen in hohem Maß die persönlichen Voraussetzungen der Ratsuchenden und helfen bei der Orientierung, lobt die Stiftung Warentest. Insgesamt aber zieht sie das ernüchternde Fazit: „Es ist derzeit einfach schwierig, eine hilfreiche, neutrale Beratung in Sachen Weiterbildung zu bekommen.“