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Karrieresprung Vertrauenssache Arbeitszeit

13.12.2002 ·  Der Computerriese IBM hat die Zeiterfassung für die gesamte Belegschaft abgeschafft und setzt auf die Eigenverantwortung der Mitarbeiter.

Von Birgit Obermeier
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Für die Mitarbeiter von IBM findet der Arbeitstag im Büro irgendwann zwischen sechs und 20 Uhr statt, eine Kernzeit gibt es nicht. Wie viele Stunden sie pro Monat zu leisten haben, steht im Arbeitsvertrag. Wie viele es tatsächlich sind, bleibt ihr Geheimnis. Die Zeiterfassung wurde bei IBM vor nunmehr vier Jahren für die gesamte Belegschaft abgeschafft. Bei „Big Blue“ regiert seither das Vertrauen.

Das klingt revolutionär. Wie kann es angehen, dass ein Arbeitgeber sich nicht darum kümmert, ob er als Gegenwert für den bezahlten Lohn das vertraglich festgelegte Quantum an Arbeitszeit erhält? Muss er nicht fürchten, dass die Angestellten auf seine Kosten ihre Freizeit ausdehnen, wenn sie jeglicher Kontrolle entzogen sind? Die Antwort bei IBM lautet eindeutig: nein. „Die Mitarbeiter schätzen die Eigenverantwortung, sich ihre Arbeit innerhalb eines gewissen Rahmens frei einteilen zu können“, sagt Wolfgang Braun, Leiter Tarifpolitik und Vergütungsprogramme bei IBM in Stuttgart. Der Gesamtbetriebsrats-Vorsitzende Wolfgang Nestler bestätigt: „Das Modell hat der Zeitsouveränität sich bewährt.“

Die Freiheit, frei zu nehmen

Ein Modell, das konsequent umsetzt, dass nicht Anwesenheit, sondern das Ergebnis zählt. Ohne sich formal mit ihrer Führungskraft abstimmen zu müssen, können die Mitarbeiter ein verlängertes Wochenende nehmen oder den kranken Sprössling versorgen. Eine Notiz an die Kollegen genügt. Gerade für Beschäftigte mit Kindern scheint das Modell ideal: Gelten unkonventionelle Arbeitszeiten nicht mehr als Ausnahme, werden sie von dem ihnen immer noch anhaftenden Stigma der eingeschränkten Leistungsfähigkeit befreit.

Freilich gibt es auch in dem losen Zeitkorsett Präsenzpflichten, die im Team ausgehandelt werden. Dazu zählen Besprechungen mit Kollegen und Vorgesetzten ebenso wie die Erreichbarkeit durch Kunden. Deren Zufriedenheit soll durch die flexiblen Arbeitszeiten schließlich verbessert werden. „Die Kunst für den Einzelnen besteht darin, die Balance zwischen Freiheit und geschäftlichen Anforderungen zu halten“, sagt Braun. Also für sich zu entscheiden, ob man es sich gerade leisten kann, frei zu nehmen. Per Handy muss man dann offiziell zwar nicht erreichbar sein. Eigenverantwortliche Mitarbeiter sind es aber häufig dennoch.

Souveränität will gelernt sein

Aus diesem Grund kennt das Prinzip der vertrauensbasierten Arbeitszeit - wie es für ausgewählte, meist außertarifliche Mitarbeiter auch in anderen Firmen gilt - auch vehemente Kritiker. Die Abschaffung der Stempeluhr, so ihre Argumentation, sei nichts anderes als ein subtiles Instrument, das zur Ausbeutung der Mitarbeiter führt - und zwar durch sie selbst. Denn: Wo keine Stunden erfasst werden, fallen auch keine Überstunden an. Fühlt sich der Mitarbeiter überlastet, ist er selbst schuld. Offenbar hat er es nicht geschafft, seine Aufgaben in der vereinbarten Zeit zu bewältigen. Gerade für Perfektionisten sind viele Aufgaben aber nie befriedigend abgeschlossen.

„Die Gefahr der Selbstausbeutung besteht natürlich“, räumt IBM-Betriebsrat Nestler ein. Damit die Mitarbeiter lernen, sich den Wert ihrer Arbeit bewusst zu machen, begleitet der Betriebsrat das Arbeitszeitmodell fortwährend mit Aufklärungskampagnen. Den Beschäftigten wird nahegelegt, sich rechtzeitig an ihre Führungskraft zu wenden, wenn sich die vereinbarten Ziele nicht in der anberaumten Zeit erfüllen lassen. Geschult wird auch das Management. Nach knapp vier Jahren falle den Führungskräften der Umgang mit der Zeitsouveränität schwerer als den Mitarbeitern, so Nestler: „Viele unterliegen immer noch der Vorstellung, dass ihre Leute stets erreichbar sein müssen.“

Mehr Arbeit, weniger Stress

Dabei arbeiten viele Beschäftigte mehr als früher. Das ergab eine unternehmensinterne Umfrage. Danach ist zugleich aber auch die subjektiv empfundene Arbeitsbelastung zurückgegangen. Arbeitszufriedenheit scheint demnach auch eine Frage der Selbstorganisation zu sein. Klingt nach einer „Win-win-Situation“. Für IBM zahlt sich das gewährte Vertrauen sogar mehrfach aus. Der Abbau der bürokratischen Zeiterfassung spart jede Menge Zeit und Geld. Sitzen die Mitarbeiter an flauen Tagen nicht im Büro ihre Zeit ab und bleiben im Gegenzug bei Auftragsspitzen länger, führt das zu einem produktiveren Personaleinsatz. Dennoch hat das IBM-Modell hierzulande noch keine Nachahmer gefunden.

Die Voraussetzungen für die erfolgreiche Einführung einer auf Vertrauen basierenden Arbeitszeit untersucht derzeit der Lehrstuhl für Soziologie an der TU München. Erste Ergebnisse: Gelingen kann der Kulturwandel nur, wenn Vorbehalte und mögliche Nachteile der deregulierten Arbeitszeit vor deren Einführung ausdrücklich thematisiert werden können - auf und zwischen allen Hierarchieebenen. Auch Führungskräfte müssten Gelegenheit haben, sich kritisch zu äußern ohne gleich als „innovationsresistent“ abgestempelt zu werden. Denn, so die Forscher: Vertrauen lässt sich nun mal nicht anordnen.

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