03.09.2008 · Es braucht eine gehörige Portion Selbstdisziplin: Immer mehr Jurastudenten lernen im Ausland für die Abschlussklausuren. E-Learning macht´s möglich. Für kommerzielle Repetitorien tut sich ein neuer Markt auf.
Von Kristin KruthaupDie Idee, sich auf die Erste juristische Prüfung im Ausland vorzubereiten, hatte Ina Schütze das erste Mal in den Semesterferien. Sie war gerade in Chicago und besuchte ihren amerikanischen Freund. Als das Ende der Ferien nahte und sie zurück nach München musste, um die Vorlesungen zu hören, dachte sie zum ersten Mal: Wenn ich mich auf das Examen vorbereite, dann bleibe ich hier.
Am Anfang war dieser Gedanke nur eine fixe Idee. Wie sollte das funktionieren? Wie die Mehrzahl der deutschen Jurastudenten plante Schütze, sich mit einem kommerziellen Repetitor auf die Erste juristische Prüfung vorzubereiten. Wie sollte sie so jemanden in Illinois auftreiben?
Dann kam die Überraschung
Um alles versucht zu haben, ging Schütze zum Hemmer-Repetitorium in München und fragte nach, ob sie Studenten auch bei der Examensvorbereitung im Ausland unterstützen würden. Dann kam die Überraschung: Das Repetitorium war auf Anfragen wie ihre vorbereitet. So wurde aus der fixen Idee ein durchführbarer Plan.
Achim Wüst, Mitgesellschafter des Repetitoriums Hemmer, schätzt, dass 15 Prozent seiner Kunden sich auf die Erste juristische Prüfung im Ausland vorbereiten, Tendenz steigend. Eine ähnliche Zahl nennt Till Veltmann, Rechtsanwalt und Repetitor bei Alpmann & Schmidt in Münster. Allerdings verlegen nach Einschätzung von Veltmann nur wenige Studenten ihre komplette Examensvorbereitung ins Ausland. Die meisten würden nur einen Teil der Lernphase außerhalb Deutschlands verbringen, zum Beispiel weil sie ein Auslandspraktikum machten.
Extra für das Selbststudium konzipiert
Eine Möglichkeit, sich im Ausland auf das Examen vorzubereiten, ist das "Dr. Unger Fernrepetitorium". Dessen Unterlagen sind extra für das Selbststudium konzipiert worden. Sie enthalten viele Aufgaben, mit denen das eigene Verständnis kontrolliert werden kann, Miniklausuren oder Beispiele, die das Geschriebene veranschaulichen. Der dort angebotene Kurs dauert in der Regel 12 Monate und kostet dann 135 Euro im Monat. "Genutzt wird das Fernrepetitorium zum Beispiel von jungen Frauen, die Kinder haben, von Menschen, die nebenbei arbeiten, oder eben von jenen, die im Ausland studieren", sagt Dieter Unger, geschäftsführender Gesellschafter des Fernrepetitoriums. Zurzeit arbeitet er noch mit klassischen Skripten. In Zukunft plant er, verstärkt E-Learning einzusetzen.
Den Schritt hin zum E-Learning ist Alpmann & Schmidt schon gegangen. In Zusammenarbeit mit der Universität des Saarlandes haben sie das Online-Repetitorium "eJura-Examensexpress" entwickelt, das für sich in Anspruch nimmt, den gesamten Examensstoff abzudecken. Genutzt werden kann das Angebot an jedem Ort und zu jeder Zeit, solange nur ein Computer vorhanden ist. Ein Jahreskurs kostet 40 Euro im Monat. Wie zum Fernrepetitorium gehört auch zum Examensexpress eine wöchentliche, fünfstündige Klausur, die zur Korrektur eingeschickt werden kann. Allerdings sind die Skripten weniger umfangreich. Ein Vorteil des Examensexpress liegt darin, dass jeder Teilnehmer des Onlinerepetitoriums eine eigene Lernoberfläche hat. Damit kann er auf einen Blick sehen, welche Aufgaben er schon bearbeitet hat und welche noch ausstehen. Fragen, die der Benutzer falsch beantwortet hat, werden ihm nach einer bestimmten Zeitdauer beispielsweise wieder vorgelegt.
Unterlagen aus München per Mail versandt
Ina Schütze kannte diese Angebote nicht. Wie ihre Lerngruppe hat sie das reguläre Präsenzrepetitorium von Hemmer gebucht, für das sie im Monat 160 Euro zahlt. Sie vereinbarte mit Hemmer, dass sämtliche Unterlagen, die im Präsenzrepetitorium ausgeteilt werden, ihr per E-Mail zugeschickt werden. Zudem rief sie einmal in der Woche bei Hemmer an, um sich zu erkundigen, welcher Stoff gerade im Unterricht in München bearbeitet wurde. So blieb sie auf dem Laufenden. Wenn sie in Deutschland war, besuchte sie das Repetitorium.
Auch die Universitäten zeigen sich zunehmend flexibel, wenn es um ihre Vorbereitungskurse geht. Zum Beispiel erzählt Katrin Bayerle, die an der Ludwig-Maximilians-Universität München zuständig ist für die Koordination des Examenstrainings: "Den Klausurenkurs kann man auch belegen, wenn man im Ausland ist. Wenn es erforderlich ist, machen wir es möglich, dass die Studierenden ihre Lösungen per E-Mail einschicken."
Gezweifelt hat Schütze oft an ihrer Entscheidung, sich im Ausland auf das Examen vorzubereiten. "Es braucht eine gehörige Portion Selbstdisziplin. Es steht kein Repetitor vor einem, der einen jeden Tag aufs Neue motiviert", berichtet sie. Außerdem glaubt sie, dass sie in einem Präsenzrepetitorium schneller lernen würde. Mündlich ließen sich Sachen in zehn Minuten erklären, für die sie allein eine halbe Stunde Lektüre benötige. Generell hält sie die Vorbereitung im Ausland nur geeignet für Studenten, die mit einem soliden juristischen Vorwissen in das Repetitorium gehen.
Obwohl Schütze nicht weiß, ob ihre Examensvorbereitung in den Prüfungen im März zu den erhofften 10 Punkten führen wird, war es für sie dennoch die richtige Entscheidung, nach Chicago zu gehen: Denn inzwischen sind sie und ihr amerikanischer Freund verlobt.