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Interview : „Wir müssen mit der überzogenen Gleichmacherei aufhören“

Ist Gleichheit immer gut? Oder hat Gleichmacherei auch Nachteile? Bild: dpa

Wie viel Unterschied bei den Löhnen darf sein? Der Berater und frühere Opel- Manager Manfred Becker warnt davor, den Bogen zu überspannen. Denn sonst gedeiht das Duckmäusertum.

          Herr Becker, das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz ist zehn Jahre alt. Wie hat es die deutsche Arbeitswelt verändert?

          Sven Astheimer

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Durch das AGG haben sich aus meiner Sicht vor allem die Umgangsformen innerhalb der Arbeitswelt verändert. Die Grundsätze der Antidiskriminierung sind stärker in das Bewusstsein der Berufstätigen gerückt. Allerdings sind seitdem auch Kontrollstellen wie Pilze aus dem Boden geschossen, die über die „Diversity Correctness“ wachen. Mittlerweile können wir schon von einem überzogenen „Diversity Correctness Watching“ reden.

          Was meinen Sie damit?

          Diversity Correctness stellt unser Handeln unter das Gebot der Diskriminierungsfreiheit. Niemand soll etwa wegen seines Geschlechts, seines Glaubens, seiner Abstammung oder Sexualität Nachteile im Beruf erleiden müssen. Der geforderte diskriminierungsfreie Umgang stellt sich aber nicht von allein ein. Deshalb haben sich institutionelle Agenturen etabliert, um unkorrektes Verhalten zu verhindern und zu sanktionieren. Private Institutionen, zum Beispiel die Hertie Stiftung, haben daraus ein florierendes Geschäftsmodell gemacht.

          Welche Rolle spielt die Regierung?

          Nach dem AGG hat sie Unternehmen mit dem Mindestlohngesetz verpflichtet, anständige Löhne zu zahlen. Ob Unternehmen damit gezwungen werden, Gehälter oberhalb der individuellen Grenzproduktivität zu zahlen, interessiert die Politiker nicht, weil sie den zu hohen Lohn nicht zu zahlen brauchen. Und nun soll das neue Lohngleichheitsgesetz von Familienministerin Schwesig den Kampf gegen die rechnerische Verdienstlücke zwischen Frauen und Männern befeuern.

          Was stört Sie daran, wenn die Einhaltung von Regeln überwacht wird?

          Manfred Becker lehrt an der Uni Halle-Wittenberg Personalwirtschaft und war zehn Jahre Opel-Personalmanager.
          Manfred Becker lehrt an der Uni Halle-Wittenberg Personalwirtschaft und war zehn Jahre Opel-Personalmanager. : Bild: Privat

          Wenn der Staat etwa Mindestlohnkonzilien einsetzt, dann misstraut er der Fähigkeit von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, selbst faire Löhne für unterschiedliche Leistungen zu ermitteln. Das klingt wie im Sozialismus. Frei nach dem Motto: Hauptsache gleich, auch wenn wir uns alle beim Sozialamt treffen.

          Halten Sie denn größere Lohnunterschiede für hinnehmbar?

          Jedes Gehalt hat doch seine Historie. Ich weiß aus meiner eigenen Erfahrung, welche Faktoren für die Lohnfindung entscheidend sind: Qualifikation des Bewerbers, Knappheiten am Markt und die wirtschaftliche Lage des Unternehmens. Daraus setzt sich die Höhe des Einstiegsgehalts zusammen, und die wirkt sich bis zur Rente aus. Ich erinnere mich, als in den siebziger Jahren die Informationstechnologie Einzug hielt. Programmierer waren damals knapp. Deshalb konnten Bewerber ihr Wunschgehalt auf einen Zettel schreiben und haben es in der Regel auch bekommen. Viele von denen gehen jetzt mit üppigen Renten in den Ruhestand.

          Vielfalt und Diskriminierung im Beruf sollten aus Ihrer Sicht besser gar nicht mehr thematisiert werden?

          Doch, schon. Aber wir dürfen den Bogen nicht überspannen. Es darf nicht dazu führen, dass sich Menschen Sprachverbote auferlegen; dass sie sagen, was sie nicht denken und denken, was sie nicht sagen und schließlich tun, was sie nicht wollen. Und das alles, um nicht anzuecken.

          Was heißt das für die Führungskultur?

          Wenn jedes Wort aus der Sorge heraus auf die Goldwaage gelegt wird, gegen die Einhaltung der Vielfalt im Unternehmen zu verstoßen, dann gedeihen Duckmäusertum und Opportunismus. Dann bekommen wir aalglatte Führungskräfte, die vor allem damit beschäftigt sind, nicht gegen Regeln zu verstoßen, und dafür auch noch belohnt werden. Das unterdrückt jeden kritischen und deshalb wichtigen Dialog im Unternehmen. Die Gleichmacherei kostet die Wirtschaft damit richtig Geld, weil diese Mutlosigkeit natürlich auch den Kampf um Kunden bestimmt.

          Und führt zu mehr Beliebigkeit?

          Natürlich. Bevor ein Manager heute ein Statement von sich gibt, haben es seine Stabsstellen doch schon auf jeden diskriminierungswürdigen Sprachkrümel untersucht. Und es ist doch Augenwischerei, wenn in Unternehmensbroschüren weiße, schwarze, junge, alte, weibliche und männliche Personen nur deshalb in exakter Relation abgebildet sind, weil das korrekt erscheinen mag. Wie korrekt der Umgang miteinander in der Praxis tatsächlich verläuft, sagen diese Bilder nicht.

          Wie lässt sich das ändern, ohne wieder neue Gesetze und Regeln zu schaffen?

          Wir müssen als Gesellschaft mit der überzogenen Gleichmacherei aufhören und endlich die Vielfalt an Meinungen wieder akzeptieren. Es ist wichtig, dass wir wieder mehr über die Unterschiede diskutieren und wenn nötig auch streiten. Das müssen wir schon unseren Kindern in den Kitas und Schulen beibringen. Ich nehme mir da immer ein Beispiel an unseren Juristen an der Universität. Die streiten sich oft inhaltlich erbittert und werfen sich knallharte Argumente an den Kopf. Aber wenn die Sache entschieden ist, gehen sie abends noch ein Bier zusammen trinken. So soll es sein.

          Quelle: F.A.Z.

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