28.07.2010 · Ferchau Engineering aus Gummersbach ist einer der größten Vermittler von Ingenieuren und Technikern. Nach der schweren Krise zieht die Nachfrage an, und der Wettbewerb um die Spezialisten wird härter. Frank Ferchau, der geschäftsführende Gesellschafter, über die Ausbildungserfolge der DDR und die Bedeutung von Projektarbeit.
Die Konjunktur zieht an, die Firmen stellen verstärkt ein - wird Ihnen schon angst und bange?
Nein, im Gegenteil. Warum sollten wir uns sorgen?
Weil der Ingenieurmangel schon wieder akut ist und die Demographie das Problem verschärft. Gehen dem Ingenieurdienstleister dann die Spezialisten aus?
Natürlich leben wir von und mit der Qualität unserer Mitarbeiter und stehen im Wettbewerb um die größten Talente. Aber da waren wir zwischen 2004 und 2008 sehr erfolgreich. Ich bin mir sicher, dass wir das auch künftig sein werden, weil wir das beste Angebot haben.
Wie sieht der Markt derzeit aus? Finden Sie noch die passenden Leute?
Da kommt es immer auf drei Faktoren an: an welchem Ort, in welcher Zeit, zu welchem Preis. Das muss man jedes Mal aufs Neue aushandeln. Natürlich gibt es auch Kunden, die rufen freitags abends an und wollen eine Lösung für Montag haben. Dann versuchen wir, das Unmögliche möglich zu machen, aber das geht manchmal zu Lasten der Qualität. Wir rekrutieren schon auf allen Kanälen.
Warum sollen Ingenieure künftig noch zu Ihnen kommen und sich nicht direkt von der Industrie anstellen lassen?
Weil wir abwechslungsreiche Projekte anbieten, bei uns muss niemand dieselbe Tätigkeit über Jahre hinweg verrichten. Zudem bieten wir unbefristete Anstellungen; auch wenn Befristungen, meist auf Wunsch des Mitarbeiters, möglich sind. Wir zahlen marktübliche Gehälter, sonst würden wir niemanden bekommen. Den Rahmen dazu bildet ein eigener Haustarifvertrag mit der IG Metall. Gerade haben wir einen Lohnzuschlag von 3,2 Prozent vereinbart.
Treibt das nicht die Preise nach oben?
Wir sind bestimmt nicht am unteren Ende der Skala. Aber unser Kunde kauft keine Zeit, sondern Leistung. Und die bekommen sie nur mit zufriedenen Mitarbeitern. Niemandem nützt der Wechsel eines Mitarbeiters mitten im Projekt.
Und Ihre Mitarbeiter sind zufrieden?
Das glaube ich schon. Wir sind als einziges Unternehmen aus der Branche bei unabhängigen Wahlen zum beliebtesten Arbeitgeber vertreten. Außerdem lehnen unsere Mitarbeiter häufig Übernahmeangebote von Kundenunternehmen ab. Das ist ziemlich ungewöhnlich und spricht für uns. Im Durchschnitt bleibt ein Mitarbeiter 3,5 Jahre bei Ferchau und hat die Gelegenheit, in dieser Zeit an drei bis fünf Projekten zu arbeiten.
Wenn Ingenieure knapp werden, müssten die Löhne in den kommenden Jahren steigen, was die Studienwahl wiederum positiv beeinflussen sollte.
In der Theorie stimmt das, und die Löhne von Ingenieuren werden auch steigen - aber nur bis zu einem gewissen Grad. Denn ab einer bestimmten Kostenhöhe wird es für Unternehmen interessant, Entwicklungsarbeit ins Ausland zu verlagern. Es wäre falsch zu glauben, das Ingenieurproblem hätten alle anderen Länder auch. Indien und China etwa bilden viel Nachwuchs aus, und das Lohnniveau ist dort noch wesentlich niedriger.
Verbände und Unternehmen werben stark für die Attraktivität des Berufs. Kann denn jeder Ingenieur werden?
Sicher nicht jeder junge Mensch, aber bestimmt sehr viel mehr, als aktuell ausgebildet werden. Was mich wirklich wurmt, ist die niedrige Zahl von Absolventinnen. In der DDR sah das ganz anders aus. Wenn ich heute einen Lebenslauf von einer Ingenieurin in die Hand bekomme, dann ist sie mit großer Wahrscheinlichkeit in den neuen Bundesländern ausgebildet worden. Das ist für eine Wissensnation keine Ruhmestat.
Ihr Umsatz brach im vergangenen Jahr um 13 Prozent auf 260 Millionen Euro ein. Wie viel Krise haben Sie denn in der Zwischenzeit schon verarbeitet?
Nach dem schwierigen Jahr werden wir wohl zum Jahresende knapp 4000 Mitarbeiter beschäftigen und damit fast so viele wie im Jahr 2008. Auch den Umsatz von damals werden wir zwar nicht ganz, aber annähernd erreichen können.
Von wie vielen Leuten mussten sie sich trennen?
Zum Glück von erstaunlich wenigen, auch dank der vereinfachten Kurzarbeiterregelungen. Wir wussten, dass diese Mitarbeiter nach der Krise schwer wiederzubekommen wären. Außerdem gab es einen kulturellen Aspekt: Wie hätten wir plötzlich Mitarbeitern den Stuhl vor die Tür stellen können, denen wir kurz vorher noch gesagt haben: "Ihr seid alles, was wir haben"? Deshalb haben wir das Geld für Kurzarbeit in Verbindung mit Weiterbildung ausgegeben.
Wird sich die Erholung im kommenden Jahr fortsetzen?
Das wage ich nicht zu sagen. In den Boomjahren bis 2008 gingen wir alle davon aus, dass das linear so weitergehen wird. Aber ich bin bestimmt nicht der einzige Unternehmer in Deutschland, der sich von dieser Vorstellung verabschiedet hat. Das latente Unsicherheitsgefühl ist überall noch vorhanden. Das Eis ist dicker geworden, aber nicht wieder so tragfähig wie vor der Krise.
Die Krise müsste hnen doch neue Kundschaft auf der Suche nach Flexibilität geradezu in die Arme treiben...
Ich glaube nicht, dass Unternehmen einen Ingenieurarbeitsplatz dauerhaft auslagern. Aber die Verantwortlichen werden sich bestimmt noch stärker fragen, welche Projekte sie vergeben können. Projektarbeit hat ja im Engineering eine lange Tradition. Es wird halt nicht jeden Tag der Motor neu erfunden. So etwas verläuft immer in Schüben. Und es gibt einfach keinen Sinn, für jede Situation teure Spezialisten vorzuhalten.
Welche Lehren ziehen sie für Ihr eigenes Unternehmen aus der Krise?
Dass wir uns noch breiter aufstellen müssen. Einen großen Schritt dazu haben wir mit dem Zusammenschluss zur Able-Group schon getan. Es wird dadurch zusätzliche klare Ausrichtungen auf die Bereiche Automotive, Luftfahrt, Anlagenbau und IT geben.
Ist das auch die endgültige Absage an mögliche Kaufinteressenten?
Mit diesem Gedanken trage ich mich überhaupt nicht, nicht eine Sekunde.