Innerhalb von einer halben Stunde übernahm Volker Grub die Verantwortung für 2300 Arbeitnehmer und 85 Millionen Euro Schulden. Mehr Bedenkzeit ließ das Amtsgericht Konstanz dem 71 Jahre alten Insolvenzverwalter nicht. Jetzt soll er den Wäschehersteller Schiesser retten. "Ich musste zusagen, ohne die Bücher zu kennen. Man weiß eben nie, was einen erwartet."
Während alle Wirtschaftszweige unter der Krise ächzen, von Autozulieferern über die Werbung bis zur chemischen Industrie, müssen sie um ihr Geschäft keine Angst haben: Die Insolvenzverwalter genießen eine Hochkonjunktur. Und die wird noch dauern: Bis zu 35.000 Unternehmensinsolvenzen erwartet Creditreform für 2009, und erstmals seit Jahren würden auch wieder mehr Verbraucher pleite gehen - bis zu 145.000 Leute. Enttäuschte Erwartungen, Engpässe bei der Finanzierung und Forderungsausfälle dürften nicht nur schwache Betriebe zu Fall bringen, sondern auch kerngesunde Unternehmen.
Sanieren oder beerdigen?
Dabei sind die Insolvenzverwalter ein nachlaufender Indikator: Wirtschaftskrisen erreichen sie mit etwa sechs Monaten Verspätung. Wenn die Verwalter in diesen Tagen mehr Mandate zählen, dann ist das erst der Anfang einer Pleitewelle. Die Finanzkrise erschwert den Sanierern auch die Arbeit: Sie finden weniger Geldgeber. Viele Finanzinvestoren haben sich vor der Krise schon in prekäre Unternehmen wie Märklin eingekauft und viel Geld verloren, sie wollen nicht noch mehr riskieren (zu den aktuellen Plänen des Insolvenzverwalters beim Modellbahnbauer lesen Sie Märklin streicht fast 400 Arbeitsplätze).
Sanieren oder beerdigen - diese Frage muss ein Insolvenzverwalter möglichst früh beantworten. "Man muss denken wie ein Unternehmer, nicht wie ein Rechtsberater", sagt Volker Grub. "Nur zuhören und vermitteln reicht nicht, Sie müssen ein Rettungskonzept haben und es standfest durchsetzen." Dafür braucht man weit mehr als juristisches Wissen.
Nach Erfolg bezahlt
"Insolvenzverwalter ist ein Ausbildungsberuf", sagt Angelika Amend, Vorstandsmitglied des Verbands der Insolvenzverwalter in Deutschland (VID). Jura-Examen und BWL-Diplom seien nur der Anfang, dann gehe das Lernen von vorne los, nun bei einem erfahrenen Verwalter. Vor dem 40. Geburtstag sollte man keine große Insolvenz schultern, sagen viele in der Branche, Anfängern fehle die Autorität gegenüber Gläubigern und Investoren. Finanziell könnten sich die Neulinge ohnehin nicht allein durchschlagen, sagt Angelika Amend, die Gerichte ließen sie nicht an die großen Fälle. "Kleine Verbraucherinsolvenzen und mausetote GmbHs", so sehe der Alltag der Nachwuchsleute aus, sagt Amend.
Bezahlt werden Insolvenzverwalter nach Erfolg: Je größer die Insolvenzmasse, je mehr sie für die Gläubiger herausholen, desto höher fällt ihr Honorar aus. Wird das Verfahren mangels Masse nicht eröffnet, geht der Verwalter fast leer aus, abgesehen von Gutachterkosten. Das ist in Großbritannien anders, wo sich die Sanierer meist nach Stundensätzen bezahlen lassen. "In Deutschland müssen Anfänger ihren Umsatz mindestens zwei Jahre lang vorfinanzieren", sagt Amend. Vorschüsse gewährten Rechtspfleger nur zögerlich.
Die Kriterien für die Auswahl sind schwammig
Pluta, Piepenburg, Wellensiek, Jaffé - wer die Berichte über große Pleiten liest, stößt immer auf dieselben Namen. Teilt sich ein Insolvenzverwalter-Kartell die lukrativen Fälle? "In den 80er Jahren gab es vielleicht eine kleine Bundesliga großer Insolvenzverwalter", erinnert sich Grub, "aber heute ist der Markt größer, es gibt ja auch deutlich mehr Fälle." Trotzdem ist die Frage, wie die 180 Insolvenzgerichte unter den 2000 Insolvenzverwaltern ihre Wahl treffen, ein Dauerbrenner. Die Gerichte führen Listen von Kandidaten, aber die gesetzlichen Kriterien für die Auswahl sind schwammig: "Geschäftskundig" und "unabhängig" müssen sie sein, mehr sagt die Insolvenzordnung nicht. Manche Gerichte entwickeln Fragebögen über die aus ihrer Sicht wichtigen Kriterien. Vor allem in der Provinz gehen manche Insolvenzrichter nicht so transparent vor, klagen die Verwalter.
Die meisten Insolvenzverwalter betreiben mittelständische Kanzleien mit wenigen Partnern und vielleicht 30 Angestellten. Zwar berichten Großkanzleien in der Krise gern von ihren großen Restrukturierungsabteilungen. Aber Insolvenzverwalter findet man dort selten, mit Ausnahme von White & Case. Deren Partner Biner Bähr soll die Kaufhauskette Hertie retten. "Man kann als Rechtsanwalt nicht von heute auf morgen den Beruf eines Insolvenzverwalters wählen", sagt er. "Es dauert lange, sich eine funktionsfähige Truppe aufzubauen und die nötigen Erfahrungen zu sammeln." Bähr fasste seinen Berufswunsch als Abiturient, die Restrukturierungspraxis seiner Kanzlei existiert seit 25 Jahren, und sein Team hat 25 Mitarbeiter, nur sechs sind Anwälte. Die anderen haben eine kaufmännische Ausbildung.
"Insolvenzverwalter erhalten ihre Vergütung üblicherweise erst bei Abschluss des Verfahrens", sagt Bähr, "bis dahin muss man vorlegen." Davor scheuen wohl viele Großkanzleien zurück. Und ihr Geschäft kann aggressiv sein, das könnte andere Mandanten vergrätzen. Doch langfristig erwartet Bähr mehr Konzentration auf dem Markt: "Große Insolvenzverfahren lassen sich am besten stemmen, wenn man kurzfristig Arbeitsrechtler, Gesellschaftsrechtler und Finanzierungsexperten aus der eigenen Kanzlei an Bord holen kann. Bislang kaufen sich Kollegen in kleineren Büros solche Expertise von außen zu."
