10.10.2006 · Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen sind kein deutsches Phänomen, auch wenn sie hier besonders groß ausfallen. Dabei haben Frauen oft die bessere Ausbildung. Manches haben sie sich aber selbst zuzuschreiben.
Von Claudia BröllSimone de Beauvoir wäre betrübt. Trotz Emanzipationsbewegung, einem Heer von Gleichstellungsbeauftragten und "Diversity"-Programmen verdienen Frauen weniger als Männer. Zwar sind ihre Bruttoverdienste 2005 um 2,3 Prozent gestiegen, während die der Männer nur um 1,8 Prozent zulegten. Trotzdem lagen ihre Gehälter laut Statistischem Bundesamt im Westen um ein Fünftel unter denen männlicher Beschäftigter, im Osten war der Abstand geringer.
"Die Arbeitsmarktsituation von Frauen und Männern ist nach wie vor durch Ungleichheiten im Zugang, in den Entwicklungschancen und den Löhnen von Arbeit gekennzeichnet", bemängelt die Chefin des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), Jutta Allmendinger.
Frauen bekommen 15 Prozent weniger
Die Gehaltsunterschiede sind kein deutsches Phänomen, auch wenn sie hierzulande besonders groß ausfallen. Im Durchschnitt müssen sich Frauen in Europa nach Erkenntnissen der Europäischen Kommission mit 15 Prozent niedrigeren Stundenlöhnen begnügen als ihre männlichen Kollegen. Besonders weit öffnet sich die Gehaltsschere in Zypern, der Slowakei und in Deutschland.
Enger ist sie in Frankreich, Italien und Portugal. "Frauen erhalten insgesamt eine bessere Ausbildung als Männer, aber paradoxerweise spiegelt sich das nicht auf dem Arbeitsmarkt wider", stellt Kommissionssprecher Friso Roscam Abbing fest. Zwar beenden mehr Frauen als Männer in Europa eine weiterführende Ausbildung, an den Universitäten ist mehr als jeder zweite Student weiblich, doch im Laufe ihres Berufslebens geraten die Frauen finanziell ins Hintertreffen.
Selbstverwirklichung statt Karriere
Zum Teil haben sie sich dies selbst zuzuschreiben. Immer noch wählen viele Schulabgängerinnen schlechter bezahlte traditionelle Frauenberufe oder tummeln sich in Studiengängen, die mehr der Selbstverwirklichung als einer Karriere dienen. In lukrativeren "härteren" Fächern wie Maschinenbau, Elektrotechnik oder Informatik gelten sie als Exoten. "80 Prozent der Positionen im Führungsnachwuchs werden mit Absolventen der Wirtschaftswissenschaften, Ingenieurwissenschaften und Naturwissenschaften besetzt. Aber nur 25 Prozent der Absolventen in diesen Fächern sind Frauen", sagt Sonja Bischoff, Professorin für Betriebswirtschaft in Hamburg.
Doch die Verdienste klaffen auch innerhalb einer Berufsgruppe auseinander. Chemikerinnen etwa (3980 Euro) erhalten brutto im Monat 850 Euro weniger als ihre männlichen Kollegen, fand die Hans-Böckler-Stiftung heraus. Bei Industriekaufleuten liegt der Unterschied bei 430 Euro, bei Call-Center-Mitarbeitern bei 841 Euro. Webdesignerinnen müssen sogar mit einem 2652 Euro niedrigeren Gehalt vorliebnehmen. Selbst in einem als frauenfreundlich betrachteten Wirtschaftszweig wie der PR-Branche verdienen Frauen im Schnitt 900 Euro weniger, ergab eine Studie der Uni München.
Karriereknick mit dem ersten Kind
Volkswirte machen vor allem die familiären Pflichten verantwortlich, die immer noch überwiegend von Frauen übernommen werden. Mit dem ersten Kind kommt der Karriereknick. Babypausen und anschließende Teilzeitarbeit verzögern nicht nur das berufliche Vorankommen, sie schlagen auch finanziell zu Buche. Berechnungen der britischen Denkfabrik Institute for Public Policy Research zufolge verzichtet eine Frau mit mittlerer Qualifikation, die mit 24 Jahren ein Kind bekommt, auf umgerechnet 800 000 Euro ihres Lebenseinkommens gegenüber einer Frau, die kinderlos bleibt. Kommt der Nachwuchs später, fallen die Einbußen zwar geringer aus, aber selbst wenn Mütter wieder Vollzeit arbeiten, machen sie den Rückstand nicht wett.
Für IAB-Chefin Allmendinger ist dies ein Grund, weshalb so wenige Chefsessel von Managerinnen besetzt werden: "Die Unterschiede in den hierarchischen Positionen von Männern und Frauen kann man in der Formel zusammenfassen: Je verantwortungsvoller eine Tätigkeit und je größer die Führungsspanne ist, desto weniger Frauen finden sich dort."
Kaum familienfreundliche Arbeitszeiten
Die Wissenschaftlerin sieht auch die Wirtschaft in der Pflicht. Lediglich 9 Prozent der Betriebe mit mehr als zehn Beschäftigten hätten Vereinbarungen für eine familienfreundliche Arbeitszeit, Betriebskindergärten gebe es kaum.
Ungelöst bleibt die Frage, weshalb auch kinderlose Frauen weniger auf ihrem Lohnzettel stehen haben. Kommunikationswissenschaftler der Uni München lieferten in ihrer Studie über die PR-Branche eine Erklärung: Frauen sind zu nett. "Es ist möglicherweise gerade das besondere weibliche Kommunikationstalent, das sich für Frauen in der PR-Branche als Karrierebarriere erweist", so die Autorin der Studie, Romy Fröhlich, "wer zu nett ist, läuft Gefahr, in eine Freundlichkeitsfalle zu laufen." Wer als nettes Mädel abgestempelt sei, bleibe es - und müsse sich mit weniger Geld abfinden als weniger nette Männer.