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Frauen-Finanzberaterin Helma Sick „Informierte Frauen sind risikofreudiger“

 ·  Frauen gehen anders mit Geld um als Männer, sagt die Finanzberaterin Helma Sick. Sie erklärt im Interview, warum spezielle Frauenberatung ein wichtiges Berufsfeld für Banker ist - und wie sie es für sich selbst entdeckte.

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Frau Sick, seit 24 Jahren bieten Sie als eine der Ersten in Deutschland Finanzberatung gezielt für Frauen an. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Finanziell unabhängig zu sein und ein eigenständiges Leben führen zu können, hat immer auch mit Würde zu tun. Viele Frauen denken aber nicht daran, eine finanzielle Lebensplanung für sich zu entwerfen, verlassen sich noch allzu oft auf einen Partner, obwohl mittlerweile fast jede zweite Ehe geschieden wird, nicht eheliche Partnerschaften gar nicht eingerechnet. Ich helfe Ihnen dabei, ein Stück Unabhängigkeit zu erobern.

Ihre Geschäftsidee hat mit Ihrer Biographie und Kindheit in Niederbayern zu tun. Wie hat alles angefangen?

Ich bin im Bayrischen Wald aufgewachsen, meine Eltern führten ein Schreibwarengeschäft. Zugetraut haben sie mir wenig: Die ist hübsch, die braucht kein Studium, die soll heiraten. Das hat mich gestört, ich habe nie verstanden, warum mein Bruder wie die meisten Jungen vieles durfte, was uns Mädchen verboten wurde. Das hat mich gewurmt und rebellisch gemacht. Ich wollte wissen, warum das so ist. Gegen die Empfehlung meiner Lehrer musste ich die Schule nach der mittleren Reife verlassen. Ich hatte Ehrgeiz, beruflich etwas zu machen und wollte zeigen, was in mir steckt. Wie so oft in meiner Generation folgte dann ein etwas krummer Weg.

Sie sind mit 18 Jahren nach München gezogen und haben sich bis zur Vorstandssekretärin hochgearbeitet.

Ja, das war ein großer Schritt, vom Land in die Stadt. Mit der Tätigkeit als Sekretärin hatte ich aber im Laufe der Jahre zunehmend Schwierigkeiten. Ich habe gesehen, die Chefs stehen immer im Vordergrund, ernten alles Lob. Das hat mir nicht gefallen.

Sie sind dann die erste Mitarbeiterin des neu gegründeten Münchener Frauenhauses geworden. Inwieweit hat das Ihr späteres Berufsleben geprägt?

Ich hatte schon immer den Wunsch, auch im sozialen Bereich zu arbeiten, hatte aber formal keine Voraussetzungen dafür. Ich bin dann jedoch kaufmännische Leiterin des Frauenhauses geworden und habe das Haus mit in Gang gebracht. Dort bin ich mit einer Realität konfrontiert worden, die alles, was ich bisher über Benachteiligung von Frauen erfahren hatte, auf die Spitze getrieben hat. Dort waren entgegen gängiger Vorurteile Frauen aus allen Schichten. Aber Keine hatte Geld, wusste, was ihr Mann verdient oder wie sie an Geld kommen konnte. Sie wussten nicht, wie sie ohne einen Mann existieren können. Obwohl sie seelisch und körperlich misshandelt wurden, machte das Vertraute, auch die Gewalterfahrung, vielen weniger Angst als das Unbekannte, ein eigenständiges Leben. Zu sehen, dass aus einer solchen Abhängigkeit ein Mensch so leiden muss, das war mein Schlüsselerlebnis. Da hat es Klick gemacht. Ich habe dann im Abendstudium an der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie ein BWL-Studium abgeschlossen. Mein damaliger Mann hat sich in dieser Zeit um unseren kleinen Sohn gekümmert.

Was machen Frauen im Umgang mit Geld anders?

Um diese Frage zu beantworten, solle man zurückschauen. Bis Ende der sechziger Jahre durfte eine Frau nur mit Genehmigung des Mannes ein Bankkonto eröffnen. Bis 1977 konnte der Ehemann den Job der Frau kündigen, wenn er der Meinung war, sie vernachlässige ihre hausfraulichen Pflichten. Das wissen junge Frauen heute nicht mehr. Frauen haben erst seit etwa 30 Jahren Erfahrung im strategischen Umgang mit Geld. So gesehen holen Frauen ungeheuer auf. Frauen sind aber, das ist meine Erfahrung, risikoscheuer als Männer, und sie denken eher kurzfristig.

Wer lässt sich bei Ihnen beraten?

Anfangs waren das vor allem Frauen über 40, oft wenn etwas Schwerwiegendes in ihrem Leben passiert war, Trennung, Tod des Partners, Arbeitslosigkeit oder der Schock über den Rentenbescheid. Jetzt kommen viele mit Ende 20, Anfang 30. Leider muss man sagen, dass Männer oft mit Anfang 20 beginnen, Geld zurückzulegen. Das sind viele Jahre, die den Frauen in der Altersvorsorge fehlen.

Benötigen Frauen tatsächlich eine andere Beratung als Männer?

Männer sind leicht zu beeindrucken durch Kurvendarstellungen und bunte Diagramme. Frauen möchten Geldanlagen, die Sinn machen und die sie verstehen. Deshalb interessieren sich viele Frauen auch für ökologisch, ethische Geldanlagen. Fachchinesisch kommt bei Frauen nicht an. Sie merken auch sehr schnell, wenn der Produktverkauf im Vordergrund steht. Das Problem ist doch, Frauen sind so gut ausgebildet wie nie zuvor, aber sie ergreifen eher Berufe, die sie erfüllen, nicht jene, in denen man viel verdient. Immer noch sagen viel zu viele Frauen: „Ich interessiere mich nicht für Finanzfragen, möchte mit Geldanlagen nichts zu tun haben, mich nicht drum kümmern müssen“.

Wenn Frauen dann aber kommen, haben Sie diese Hürde ja überwunden.

Genau. Anders als Männer sagen sie dann deutlich und ehrlich: „Ich kenne mich nicht aus.“ Männer - das sind immerhin 30 Prozent unserer Kunden - wissen oft auch nicht mehr, neigen aber eher dazu, sich zu überschätzen, das ist meine Erfahrung. Ein bisschen zu zocken, ist für sie durchaus erstrebenswert. Für Frauen ist das keine Option, sie sind auf Sicherheit bedacht, handeln nach der Devise: Ich möchte nicht den höchsten Gewinn, und ich will keinen Verlust. Je mehr sie wissen, um so risikofreudiger werden sie und trauen sich, vernünftige Risiken einzugehen. Wenn man weiß, wie Märkte funktionieren, kann man den Kursausschlägen gelassener begegnen. Frauen sind dann beständig, eine gute Voraussetzung für Erfolge.

Gibt es einen pauschalen Rat, den Sie jungen Frauen geben?

Absolut wichtig für alle ist eine Berufsunfähigkeitsversicherung. Riesterrente empfehle ich, das ist ein frauenfreundliches Produkt. Frauen sollten so früh wie möglich anfangen zu sparen und zeitig an die Altersvorsorge denken. Wir werden älter bei guter Gesundheit und brauchen mehr Geld. Laut einer Studie möchten 88 Prozent der jungen Frauen finanzielle Unabhängigkeit, wichtig ist, sich darum beizeiten zu kümmern. Gut sind flexible Fondssparpläne, um mal mehr, mal weniger zu zahlen zu können. Ich halte nichts davon, junge Menschen in zu vielen festen Geldanlagen zu binden, wie das leider manche Finanzdienstleister bei Studenten bewerben. Junge Leute wissen nicht, wie ihr Leben verlaufen wird. Diese Verpflichtungen halten die meisten nicht durch. Und Frauen sollten, wenn Sie Familienpause machen, den schon begonnenen Fondssparplan oder die Rentenversicherung nicht aufgeben. Sie sollten mit dem Partner darüber reden, wie die Altersvorsorge-Sparpläne weiter geführt werden können, damit keine zu große Lücke entsteht.

Gerade wenn die Kinder klein sind, steigen Frauen aus dem Beruf aus. Sie warnen davor, weshalb?

Natürlich sehe ich den Konflikt, zwischen dem Beruf und dem Wunsch, kleine Kinder gut zu betreuen. Aber das Langzeitziel einer Frau sollte sein, zu arbeiten und sich die Familienarbeit möglichst mit ihrem Partner zu teilen. Das entlastet nebenbei auch die Männer und deren Druck, eine Familie alleine versorgen zu müssen in Zeiten, in denen Arbeitsplätze gefährdet sind. Ich kann es nicht oft genug sagen - individuelle Unabhängigkeit ist wichtig. Jede zweite Ehe scheitert. Ich bespreche mit jeder Frau, wo sie im Fall einer möglichen Trennung steht. Gerade Ältere verlassen sich auf den Ehemann, das finde ich den falschen Denkansatz.

Was sagen sie Müttern, die in fester Partnerschaft leben und nicht berufstätig sind?

Sie sollten heiraten! Diese Frauen begeben sich in existentielle Risiken, in die sich viele Männer nicht begeben würden. Er hat eine gesetzliche Rente, oft eine Betriebsrente, die Frau hat nichts. Versorgungs- und Zugewinnausgleich gibt es nur über die Ehe, sie bietet dem wirtschaftlich Schwächeren einen Schutz. Stirbt der Mann, erbt die Frau nichts. Stimmt der Partner einer Heirat nicht zu, sollte die Frau auf einen Vertrag drängen und auf ein Testament. Frauen halten Männern den Rücken frei und stehen selbst mit dem Rücken zur Wand - leider stimmt das.

Soll ich vom Eigenheim träumen?

lllusionen gibt es bei Finanzen viele, bei den Immobilien die allermeisten. Ab Mitte dreißig erstreben viele ein Haus, eine eigene Wohnung. Wenn Eltern da sind, denen der Plan gefällt und die oft etwas dazugeben, ist das realistisch, die Schulden bleiben überschaubar. Ich warne aber, in der Finanzplanung die Reserven zu vergessen. Zu uns kommen oft ältere Frauen, die ihre Immobilie abgestottert haben, deren Rente aber nicht für die jetzt anfallenden Reparaturen reicht. Da gibt es mittlerweile die Möglichkeit der Umkehrhypothek, über die das Haus ein Stück weit zu Geld gemacht werden kann. Das Nachsehen haben allerdings die Erben. Als ich mit meiner Beratungstätigkeit anfing, wollten die meisten Frauen ihr Geld für die Kinder aufsparen. Das hat sich verändert. Heute sagen sie: „Ich will selbst gut leben, habe meinen Kind eine ordentliche Ausbildung finanziert, das muss genügen.“ Ich finde das einen gesunden Egoismus.

Der Start in Ihr zweites Berufsleben, war der nicht sehr riskant?

Ich habe ja klein angefangen mit einem Ladenbüro in der Schwabinger Kaulbachstraße. Mir widerstrebte immer, Kunden zu akquirieren, die sind zum Glück von alleine gekommen. Unter anderem durch Vorträge, die ich in der Volkshochschule und bei Frauenorganisationen gehalten habe. Medien haben berichtet, das war dann ein Selbstläufer. Im Zeitmagazin ist 1992 ein Porträt über mich erschienen, das war der Durchbruch. Die Büros sind mit den Jahren größer geworden. Jetzt arbeiten wir mit sechs Mitarbeiterinnen auf einer Altbauetage im Lehel.

Sie haben Ihr viertes Buch geschrieben und sind seit 14 Jahren Kolumnistin der Zeitschrift „Brigitte“. Sie sind jetzt 69 Jahre alt, Zeit, kürzerzutreten?

Seit zwei Jahren ist meine Nichte, Renate Fritz, Mitinhaberin. Wir teilen uns die Geschäftsführung. Aber ich mache weiter, bis ich umfalle, weil mir meine Arbeit sehr viel Freude macht und mich herausfordert. Wir sind in der Arbeitsgemeinschaft „FinanzFachFrauen - bundesweit seit 1988“ organisiert. Die arbeiten alle ähnlich und verpflichten sich, fair und unabhängig zu beraten. Ich habe den Eindruck, gerade die jüngeren Frauen finden es gut, dass ich weitermache. Das ermutigt auch sie.

Das Gespräch führte Ursula Kals

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