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Donnerstag, 16. Februar 2012
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Bezahlung von Frauen Indirekte Diskriminierung

24.07.2007 ·  Eines sei in der EU nicht von der Hand zu weisen, sagt die Kommission: Sobald Frauen sich in einem Sektor vermehrt um Stellen bemühten, falle in dem Berufszweig das Durchschnittsgehalt. Brüssel analysiert - und schweigt.

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Von direkter Diskriminierung will Vladimír Spidla dann doch nicht sprechen. "Wenn eine Frau in der EU genau denselben Job macht wie ein Mann, erhält sie heute in der Regel auch genau den gleichen Lohn", sagte der für die europäische Sozialpolitik verantwortliche EU-Kommissar, als er in Brüssel die neue Kommissionsstudie zur unterschiedlichen Bezahlungen von Männern und Frauen in Europa vorstellt. Also spricht Spidla von "indirekter Diskriminierung".

Denn eines sei nicht von der Hand zu weisen: Sobald Frauen einen Sektor entdeckten und sich dort vermehrt um Stellen bemühten, falle in dem Berufszweig das Durchschnittsgehalt. Anders gesagt: Frauen werden nicht mehr von einem Arbeitgeber direkt benachteiligt, sondern indirekt, weil Arbeitgeber für alle "Frauenberufe" weniger Geld zahlen.

Bessere Abschlüsse, schlechteres Gehalt

Die Fakten sind klar: Frauen verdienen je Arbeitsstunde in Europa nach wie vor 15 Prozent weniger als Männer, obwohl sie in der Schule und an der Universität deutlich besser abschneiden. Daran hat sich in den vergangenen Jahren in Europa trotz aller Anstrengungen von EU und Staaten nichts wesentlich geändert. Um 2 Prozentpunkte ist die Diskrepanz in den vergangenen zehn Jahren gesunken.

Deutliche Diskrepanz in Deutschland

In einigen Mitgliedsländern, in Deutschland zum Beispiel, ist sie sogar gestiegen. Zwar sind die Zahlen für die einzelnen Staaten nur schwer miteinander zu vergleichen. So schneiden die Länder mit geringer Frauen-Erwerbsquote gut ab, weil die Frauen, die dort arbeiten, meist gut verdienen. Deshalb ist die Differenz zwischen der Entlohnung von Männern und Frauen in Malta mit 4 Prozent äußerst gering. Daran, dass Frauen generell schlechter verdienen als Männer, ändert das aber nichts.

Die Europäische Kommission sieht dafür drei Ursachen: indirekte Diskriminierung, das Rollenverständnis von Männern und Frauen sowie die zahlreichen Brüche im Erwerbsleben von Frauen, etwa wenn sie in Mutterschutz gehen. Die Diskriminierung ist nach Ansicht Spidlas von diesen Punkten der offensichtlichste: "Warum verdienen in einigen Staaten Kindermädchen weniger als Automechaniker, Kassiererinnen weniger als Lagerhausarbeiter und Krankenschwestern weniger als Polizisten?" Das sei nur damit zu erklären, dass die Kompetenzen von Frauen generell geringer eingestuft würden als diejenigen von Männern.

Nicht nur in klassischen Frauenberufen

Nach Ansicht Spidlas gilt das nicht nur für die klassischen Frauenberufe, sondern genauso für andere Berufszweige, in denen Frauen arbeiten. Wenn etwa mehr Frauen zur Polizei gingen, würde sich auch dort der Lohn verringern. Dass die Löhne zwangsläufig unter Druck geraten, wenn sich mehr Menschen auf dieselbe Zahl von Stellen bewerben, erwähnt die Behörde in ihrer Untersuchung nicht.

Die beiden anderen Hauptursachen für die ungleiche Bezahlung seien weniger klar zu erkennen, sagt Spidla. Arbeitende Männer verbringen nach wie vor nur wenig Zeit mit Hausarbeit. Sieben Stunden sind das in der Woche nach Angaben der Europäischen Kommission. In Vollzeit arbeitende Frauen indes arbeiten neben ihrem eigentlichen Job in der Regel 24 Stunden im Haushalt. Eine in Teilzeit arbeitende Frau verbringt gar 35 Stunden die Woche damit, den Haushalt zu versorgen. Das führt nach Ansicht von Spidla dazu, dass die meisten Frauen, um die Doppelbelastung bewältigen zu können, Arbeitsstellen wählen, die nur eine geringe Qualifikation voraussetzen, und auch später kaum Zeit in Weiterbildung investieren.

Mit dem Kind kommt der Bruch

Der zweite wichtige Grund, der zu einer schlechteren Bezahlung von Frauen führt, ist nach Angaben von Spidla die höhere Zahl von Unterbrechungen des Arbeitslebens - etwa, wenn Frauen Mutterschaftsurlaub nehmen. Junge Frauen ohne Kinder verdienen meist nämlich gar nicht viel weniger Geld als junge Männer. Darauf zumindest deutet hin, dass der Lohnunterschied in Europa in der Altersgruppe der unter Dreißigjährigen 7 Prozent beträgt. Je älter die Frauen werden, desto größer wird der Lohnabstand. In der Altersgruppe der 50- bis 59-Jährigen beträgt er mehr als 30 Prozent.

Jede Unterbrechung des Erwerbslebens kostet die Frauen einen Teil ihres Lohns, da in vielen Berufszweigen der Verdienst mit dem Alter und der Berufserfahrung steigt. Eine Konsequenz des Mutterschutzes, die Spidla nur schwer nachvollziehen kann und will. "Wenn Frauen ein bis zwei Jahre nach dem Mutterschutz weniger verdienten, ließe sich das ja vielleicht einsehen", sagt er. "Aber danach sollten die Qualifikationsdefizite, die im Mutterschutz eventuell entstanden sind, ausgeglichen sein - und so auch die Bezahlung der Frauen."

Laues Logo, statt radikale Gesten

In der zuständigen Generaldirektion wird deshalb schon eine radikale Lösung für die Beseitigung des unterschiedlichen Gehalts von Männern und Frauen diskutiert: ein Zwang zum Vaterschaftsurlaub. Zum einem würden die Väter in der Zeit zwangsläufig mehr Hausarbeit übernehmen. Das schlüge sich vielleicht nach dem Vaterschaftsurlaub auch in einer ausgeglicheneren Verteilung der Arbeit nieder. Vor allem aber würden auch die Männer darunter leiden, dass ihr Arbeitsleben öfter unterbrochen wird. Die Frauen könnten entsprechend kontinuierlicher arbeiten. Zwei Gründe für die ungleiche Bezahlung könnten damit zumindest abgeschwächt werden.

Dass die Europäische Kommission einen solchen Vorschlag tatsächlich vorlegt, gilt als extrem unwahrscheinlich. Durchsetzen könnte man ihn wohl ohnehin nicht. So hat der Sozialkommissar bisher auch gemieden, sich überhaupt zu der Idee zu äußern. Er setzt auf weniger drastische Eingriffe in den Markt: ein Logo, zum Beispiel, für alle Unternehmen, die ihre weiblichen und männlichen Mitarbeiter für vergleichbare Arbeit auch vergleichbar bezahlen. Außerdem sollen die Staaten stärker im Kampf gegen die schlechtere Bezahlung von Frauen zusammenarbeiten. Konkrete Schritte will die Kommission frühestens 2008 vorschlagen.

Quelle: hmk., F.A.Z., 24.07.2007, Nr. 169 / Seite 17
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