Kerngesund, ein sicherer Job, die Karriere geht voran – gerade war noch alles in bester Ordnung. Doch plötzlich steht die ganze Existenz auf dem Spiel. Mal ist es der unglückliche Sturz vom Fahrrad, mal ein Burnout, der in chronische Depression umschlägt, mal zwingen Rückenleiden, Krebserkrankungen, ein Schlaganfall, Allergien oder ein Betriebsunfall Menschen, ihren Beruf aufzugeben.
Jeder fünfte Angestellte und jeder dritte Arbeiter muss heute vorzeitig aufhören, zu arbeiten. Auf die dauerhafte Erkrankung folgt nicht selten der finanzielle Absturz. Denn für alle, die nach 1961 geboren wurden, gilt: Sie haben keine Ansprüche mehr auf eine staatliche Berufsunfähigkeitsrente. Wer nicht privat vorgesorgt hat, muss von der staatlichen Erwerbsminderungsrente leben. Das heißt in harten Zahlen: von durchschnittlich 500 bis 800 Euro im Monat.
Nur 17 Millionen Deutsche haben vorgesorgt
Verbraucherschützer und Versicherer empfehlen deshalb seit Jahren in seltener Einigkeit eine private Berufsunfähigkeitsversicherung (im folgenden BU-Versicherung) als wichtigstes Vorsorgeinstrument – noch vor der Altersvorsorge. Diese Versicherungen zahlen in der Regel 60 bis 80 Prozent des Einkommens. Doch Daten des Gesamtverbands der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) zeigen: In Deutschland bestehen gerade einmal 17 Millionen BU-Versicherungen. Davon haben wiederum rund 13 Millionen Versicherte keine eigenständige BU-Police abgeschlossen, sondern die Berufsunfähigkeit lediglich als Zusatzleistung in einer Renten- oder Lebensversicherung mit abgesichert.
Bei dieser Variante ist die versicherte Summe im Schnitt nur halb so hoch wie bei einer eigenständigen BU-Versicherung. „Viele unterschätzen das Risiko, dass Berufsunfähigkeit sie selbst treffen könnte“, sagt Bianca Boss vom Bundesverband der Versicherten. Zudem ist manchen die Absicherung schlicht zu teuer. Der durchschnittliche Monatsbeitrag für eine eigenständige BU-Versicherung liegt laut GDV bei rund 60 Euro. Der Preis richtet sich nach dem ausgeübten Beruf, dem Alter, dem Gesundheitszustand und nach der Höhe der Summe, die im Fall der Fälle monatlich ausgezahlt werden soll.
Wer Vorerkrankungen hat, ist ein schwieriger Fall
Wer Vorerkrankungen hat, in den vergangenen Jahren einen Termin bei einem Psychologen hatte oder einen Beruf ausübt, den die Versicherer als besonders riskant einstufen, bekommt allerdings häufig gar keine Police – oder muss hohe Zuschläge bezahlen. Der Bundesverband der Versicherten geht davon aus, dass 25 bis 35 Prozent aller Anträge auf eine BU-Versicherung abgelehnt werden. Der Branchenverband GDV hingegen gibt an, dass 95 Prozent aller Anträge angenommen werden: „entweder zu Normalkonditionen, zu einem höheren Beitrag oder mit Ausschluss bestimmter Leistungsursachen“.
Wer also zum Zeitpunkt der Antragstellung Rückenbeschwerden hat, kann zwar eine Versicherung abschließen - allerdings zahlt die Versicherung dann nicht, wenn er wegen einer Rückenerkrankung arbeitsunfähig wird. Oder sie verlangt einen hohen Aufpreis, um auch dieses Risiko zu tragen.
„Die Versicherer liefern sich zwar bei den Angeboten für wenig riskante Berufsgruppen einen regelrechten Preiskampf“, sagt Stephan Schinnenburg vom auf den Versicherungsmarkt spezialisierten Analysehaus Morgen & Morgen. „Gleichzeitig stufen sie immer mehr Berufe als zu riskant ein.“ Auch bei den Vorerkrankungen würden die Versicherer immer wählerischer.
Kollektive Versicherungen über den Arbeitgeber
Manche Arbeitgeber unterstützen ihre Angestellten dabei, dennoch eine bezahlbare BU-Versicherung zu bekommen. Sie schließen sogenannte Gruppenversicherungen ab – meist in Kombination mit der betrieblichen Altersvorsorge (bAV). „Das Interesse an solchen kollektiven Versicherungen über den Arbeitgeber steigt“, sagt Schinnenburg. „Denn bei diesen Gruppenversicherungen entfallen die detaillierten Gesundheitsprüfungen.“
Doch funktioniere dies nur bei Unternehmen, in denen Angehörige verschiedener Risikogruppen arbeiten. „Ein Dachdeckerbetrieb, in dem drei Viertel der Angestellten im riskanten Beruf des Dachdeckers arbeiten und nur ein kleiner Teil in sicheren Bürojobs, bekommt von den Versicherern kein attraktives Angebot für eine Gruppenversicherung“, erklärt der Analyst.
Anders sehe das etwa bei metallverarbeitenden Betrieben oder in der Chemieindustrie aus. „Dort ist die Verteilung von Mitarbeitern, die in körperlich belastenden Berufen arbeiten, und Mitarbeitern, die einen sicheren Büroalltag haben, meist recht ausgeglichen.“ Die Versicherer berechnen dann ein durchschnittliches Berufsunfähigkeitsrisiko für alle Angestellten – und bieten allen einen einheitlichen Tarif an.
Weil sie über solche Unternehmensverträge viele Neukunden auf einen Schlag gewinnen, nehmen sie in Kauf, dass unter den Gruppenversicherten einige riskante Vorerkrankungen haben. „Statt einer ausführlichen Gesundheitsprüfung reichen dann die Auskunft des Arbeitgebers, dass ein Mitarbeiter über eine bestimmte Zeit hinweg nicht krankgeschrieben war, oder deutlich abgespeckte Gesundheitsfragen als Zutrittsprüfung“, sagt Schinnenburg.
Arbeitgeber können ihren Mitarbeitern auch anbieten, dass sie einen individuellen BU-Vertrag in Kombination mit der betrieblichen Altersvorsorge abschließen. Dann müssen die Angestellten zwar durch die individuelle Gesundheitsprüfung, zahlen aber den Versicherungsbeitrag aus dem Bruttolohn und sparen so Steuern.
Die Arbeitgeber halten sich jedoch zurück
Beide Modelle, die kollektive wie auch die individuelle Absicherung der Berufsunfähigkeit über den Arbeitgeber, sind allerdings selten. Laut GDV werden nur etwa 15 Prozent aller BU-Versicherungen so abgeschlossen. Das hat mehrere Gründe.
Zum einen stehen viele Unternehmer der Kombination aus bAV und BU-Versicherung skeptisch gegenüber, berichtet Jörg Heldmann, Versicherungsexperte bei Metall-Rente, einem Versorgungswerk des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall und der Gewerkschaft IG Metall. Viele Unternehmen fürchteten die Haftungsrisiken, die sich aus den an die bAV gekoppelten Verträgen ergeben. Der Grund: Wenn der Versicherer nicht zahlt, muss unter Umständen der Chef für die Leistungszusage einstehen. Das kann teuer werden.
Nicht immer ist die kollektive Variante attraktiv
Auch für Mitarbeiter hat die Absicherung über den Arbeitgeber einige Haken. Die Kollektivversicherungen etwa lohnen sich bei weitem nicht für alle. „Die unterschiedlichen Risiken der Mitarbeiter gleichen sich in einem Gruppenvertrag aus, jeder zahlt den gleichen Beitrag“, sagt Versicherungsexperte Heldmann. Dadurch bekomme etwa ein älterer Metallarbeiter mit Vorbelastungen die Chance auf eine bezahlbare Police. „Aber für den Ingenieur im Innendienst kann es günstiger sein, einen privaten BU-Vertrag abzuschließen.“
Generell gilt: Wer eine BU-Police auf dem freien Markt bekommt, ist damit in der Regel besser versorgt als bei einer Versicherung über den Arbeitgeber – selbst wenn die Versicherung auf eigene Faust etwas teurer ist. Denn die Verträge über das Unternehmen haben einen entscheidenden Nachteil, erklärt Bianca Boss vom Bund der Versicherten: „Wenn Angestellte den Arbeitgeber wechseln, können sie nur in den seltensten Fällen die BU-Versicherung mitnehmen.“ Dann muss der Versicherte die Beiträge individuell weiterzahlen – oder der Vertrag verfällt. Ihr Fazit lautet daher: „Eine Versicherung über den Arbeitgeber ist nur dann sinnvoll, wenn man am freien Markt gar keine bezahlbare Versicherung bekommt.“
Spielfeld der privaten Versicherung ...
Sven Knippser (Knippser63)
- 10.05.2012, 11:04 Uhr
