12.10.2010 · Deutschland diskutiert über Fachkräftemangel und Integration. Gleichzeitig dürfen viele tausend ausländische Fachkräfte hierzulande nicht in ihrem Beruf arbeiten. Das soll sich bald ändern.
Von Sven AstheimerIn ihren Heimatländern gingen sie angesehenen Berufen nach, waren Ärzte, Lehrer oder Handwerker. In Deutschland müssen sie sich dagegen ganz hinten einreihen, hier fahren sie Taxi, gehen putzen, halten sich mit Hausmeistertätigkeiten über Wasser oder sind komplett auf staatliche Transferleistungen angewiesen – die Rede ist von Migranten, deren im Ausland erworbene Bildungsabschlüsse in ihrer Wahlheimat nicht anerkannt werden.
Die Bundesregierung schätzt, dass hierzulande allein rund eine halbe Million Akademiker leben, deren ursprüngliche Qualifikationen am Arbeitsmarkt nichts wert sind – Facharbeiter sind dabei noch gar nicht eingerechnet. Auch der Sachverständigenrat für Integration und Migration spricht in seinem Jahresgutachten von einem „Brain Waste“, also einer Verschwendung von Wissen.
Von den rund 4,9 Millionen Zuwanderern im Alter zwischen 15 und 74 Jahren, die bis zum Jahr 2008 kamen, hatten zwei Drittel ihren höchsten beruflichen oder schulischen Abschluss jenseits der deutschen Grenzen erworben. Bei fast jedem Dritten war die Anerkennung entweder noch nicht erfolgt oder schon abgelehnt worden, heißt es im Gutachten. So komme es, dass sogar Universitätsabsolventen der begehrten Ingenieur- und Naturwissenschaften weit unter Qualifikationsniveau beschäftigt oder arbeitslos seien. „Eine solche Vergeudung von Talent kann sich Deutschland nicht mehr leisten“, sagt der Ökonom und Sachverständigenratsmitglied Thomas Straubhaar.
Der Engpass beim Personal wird wieder akut
Lange Zeit spielte das Potential gut ausgebildeter Migranten in der politischen Debatte keine große Rolle. Im Gegenteil, in Zeiten von Massenarbeitslosigkeit war das Interesse von staatlicher Stelle gering, die Konkurrenz um gutdotierte Arbeitsplätze noch zu erhöhen. So berichtet Solange Olszewska, Vorstandschefin des polnischen Busherstellers Solaris, schon von Anerkennungsproblemen, als sie in den achtziger Jahren in West-Berlin lebte. Runde zehn Jahre habe es gedauert, ehe sie in Deutschland die Erlaubnis bekam, ihrem erlernten Beruf als Zahnärztin nachzugehen.
Erst im vergangenen Aufschwung geriet angesichts der immer lauter werdenden Klagen von Unternehmen über den Mangel an Fachkräften das ungehobene Potential mit fremden Wurzeln verstärkt ins Blickfeld. Doch die Pläne der damaligen schwarz-roten Bundesregierung für Hilfen beim Anerkennungsverfahren wurden von der Weltwirtschaftskrise jäh durchkreuzt. Mit der zunehmenden wirtschaftlichen Erholung wird jetzt der Engpass beim Personal vielerorts wieder akut, deshalb unternimmt die aktuelle Koalition nun einen neuen Anlauf.
Bis Dezember soll ein Gesetzentwurf vorliegen, der jedem Zuwanderer einen Rechtsanspruch auf ein rasches Verfahren sichert. Innerhalb eines halben Jahres soll der Antragsteller eine Antwort der Prüfstelle erhalten. Was eigentlich selbstverständlich klingt, ist heute keineswegs der Fall. Weder gibt es eine einheitliche Anerkennungsstelle, an die sich die Zuwanderer wenden können, noch existiert eine zeitliche Begrenzung für das Verfahren. „Einige Menschen warten schon seit Jahren auf eine Antwort“, sagt Maria Böhmer, die Bundesbeauftragte für Migration, Flüchtlinge und Integration. „Wir gehen davon aus, dass durch die Gesetzesänderung bis zu 300.000 Migranten in Deutschland eine bessere Arbeit finden könnten.“ Der Rest habe sich vermutlich schon anderweitig orientiert. Ein schnelles und einfaches Anerkennungsgesetz könnte ihrer Meinung nach Deutschland sogar im globalen Wettbewerb um die größten Talente Vorteile bringen, da selbst klassische Einwanderungsländer wie Kanada vor denselben Problemen stünden. Nur in Dänemark sei ihr eine solche Regelung bislang bekannt. Deshalb sei es von großer Bedeutung, den deutschen „Anerkennungsdschungel“ zu lichten.
„Viele denken, das mit der Anerkennung sei kein Problem“
Dieses Dickicht wird häufig von den Zuwanderern unterschätzt. „Viele denken, das mit der Anerkennung sei kein Problem“, sagt Monika Varnhagen. „Erst in der Arbeitsagentur wird das Problem deutlich.“ Varnhagen ist Direktorin der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV), eines Ablegers der Bundesagentur für Arbeit. Denn die Agenturen sind für die Anerkennungsverfahren gar nicht zuständig. Die Kompetenzen sind auf viele andere Träger verteilt: Handelt es sich etwa um Akademiker mit Staatsexamen, ist automatisch der Bund mit im Spiel. Bei reglementierten Berufen wie den Ärzten spielen außerdem Fachverbände und Kammern eine Rolle. Handwerker wiederum unterliegen der Aufsicht durch regionale Kammern, und der Föderalismus drückt dem Ganzen ebenfalls seinen Stempel auf – 16 Bundesländer bedeuten also 16 verschiedene Systeme. Wer blickt da noch durch?
Dass Migranten doppelt so häufig arbeitslos sind wie die deutsche Bevölkerung, hängt aus Sicht von Varnhagen auch ein Stück weit mit der Anerkennungsproblematik zusammen. „Wir haben unter den Hartz-IV-Empfängern einige Ausländer, die dort nicht sein müssten.“ Deshalb hat die ZAV im vergangenen Jahr damit begonnen, eine Anerkennungsberatung aufzubauen, um eine „Lotsenfunktion“ zu übernehmen, wie die Direktorin sagt. Rund ein halbes Dutzend Mitarbeiter ist derzeit bundesweit im Einsatz.
Hohe Nachfrage nach Beratung
Die Nachfrage nach der Beratung steigt rapide: Waren es im Jahr 2009 insgesamt rund 1000 Anfragen, stieg die Zahl in diesem Jahr allein bis Juli schon auf 3000. Neben der Vermittlung der richtigen Ansprechpartner sollen die Anwärter auch eine erste Einschätzung ihrer Erfolgsaussichten bekommen. So könne sich etwa ein Kandidat mit einem 15 Jahre alten Medizin-Abschluss aus Osteuropa schon früh Gedanken machen, welche Alternativen sich ihm bieten oder ob er vielleicht eine Zusatzqualifikation benötigt, um auch im deutschen Gesundheitswesen Fuß zu fassen.
Im vergangenen Jahr führte die ZAV in Baden-Württemberg ein Pilotprojekt durch. Das Ergebnis war niederschmetternd: Von den 73 betreuten Personen hatten 82 Prozent einen Bildungsabschluss aus einem Nicht-EU-Land – nicht einer von ihnen erhielt die gewünschte Anerkennung. Vor allem die Kammern blockten: Mit Ausnahme der IHK Ulm und der HWK Freiburg lehnten nach Angaben der ZAV alle anderen Kammern in Baden-Württemberg die Anträge mit der Begründung ab, sie seien dazu nicht gesetzlich verpflichtet.
Die „formale Teilanerkennung“ könnte ein Weg sein
Für den Ökonomen Straubhaar sind dies unfassbare Zustände in einem Land wie Deutschland, das zunehmend auf qualifizierte Beschäftigung auch aus dem Ausland angewiesen ist, um den Wohlstand zu sichern. Aus seiner Sicht kann der geplante Rechtsanspruch auch nur ein erster Schritt sein. Straubhaar plädiert für die Möglichkeit „formaler Teilanerkennung, damit kann ein Ingenieur dann wenigstens als Techniker arbeiten“. Auch nötige Weiterqualifizierungen sollten möglich sein. Überhaupt solle man potentiellen Arbeitgebern die Wahl überlassen, ob sie einen Kandidaten für geeignet halten oder nicht. Dazu könnte man „praktische Prüfungen stärker gewichten, statt immer nur auf den Zeugnissen rumzuhacken“.
Der Schweizer sieht ein generelles Problem in der Herangehensweise: „Es wird immer noch gefragt, welche Papiere jemand mitbringt, und nicht, was für ein Talent die Person besitzt.“ Regelwerke wie Gewerbeordnung und Handwerksrolle stellen aus seiner Sicht nicht nur für Aus-, sondern auch für Inländer hohe Hürden dar. Diese sind aus seiner Sicht in Zeiten des Fachkräftemangels jedoch überflüssig, das Argument der Qualitätssicherung durch harte Maßstäbe überzeugt ihn nicht: „Ein deutscher Handwerker braucht sich doch keine Sorgen mehr machen über Qualität und Wettbewerb.“
Wir haben keine Fachkräfte!?
Reinhard Martin (mfgreinhard)
- 12.10.2010, 10:50 Uhr
KEIN typisch deutsches Probelm
Michael Retz (MRetz)
- 12.10.2010, 12:09 Uhr
Ronald Gruenebaum (bruxman)
- 12.10.2010, 12:48 Uhr
Das sollten man diejenigen Lesen, die nach mehr Einwanderung schreien
Mike Ferrano (Mike_Ferrano)
- 12.10.2010, 14:42 Uhr
Anerkennung
d wolf (creativefinancial)
- 12.10.2010, 16:04 Uhr
Sven Astheimer Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.
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